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hast, oder kommt irgend wer in's Haus, dem sie dich verkaufen will?"

"Nein, nein," sagte das junge Mädchen, "in meine Nähe kommt Niemand. Und doch hat sie Jemand in Aussicht für mich."

"Also ein kalter Handel!" sprach verächtlich die schöne Tänzerin. "Pfui Teufel! das ist sehr unangenehm."

"Nicht wahr, es ist schrecklich, Terese? O gib mir einen Rat! Ich habe ja Niemand auf der Welt, dem ich mich anvertrauen könnte, Niemand, der mir die geringste hülfe leiht, wenn ich mich weigere."

"Es ist eine vollkommene Niederträchtigkeit," entgegnete Demoiselle Terese nachdenkend. "Aber wenn du nichts Näheres weisst, so ist dir schwer zu helfen. – Wer ist's denn? Hat man dir keinen Namen genannt?"

"Den Namen kann ich dir nicht sagen, aber er kam einmal in unser Haus und zufällig war ich im Nebenzimmer und habe an der tür gehorcht. Da hat sie freilich gesagt, sie wolle mich nicht zwingen, aber es wäre ihr recht, wenn sie sich so aus der Verlegenheit reissen könne."

"Du hast ihn also gesehen?"

"Ja!"

"Und kennst du ihn nicht?"

"Nein."

"Ist es ein junger Mann?"

"So ziemlich; in die Dreissig."

"Aber liebes Kind," versetzte halb ärgerlich Terese, "wenn du mir keine genaueren Kennzeichen anzugeben im stand bist, so kann ich dir keinen Rat erteilen. Ich muss vor allen Dingen wissen, um wen es sich handelt; ich muss den Feind kennen, wenn wir den Krieg beginnen wollen. Erkundige dich also, wenn du kannst, nach seinem Namen."

"Vielleicht kennst du ihn."

"Wohl möglich, wenn ich ihn sehe."

"Ich will ihn dir zeigen."

"So ist er also im Teater?"

"Ja, ich habe ihn gesehen."

"Ah! das ist etwas Anderes," erwiderte die Tänzerin lachend. "Dann wollen wir ihn im Zwischenakt beobachten, und wenn ich ihn kenne, will ich dir aufrichtig sagen, ob da viel oder wenig zu befürchten ist."

Hiemit hatte die Unterredung ein Ende, denn der Inspicient rief in diesem Augenblicke: "Meine Damen, das dritte Tableaux beginnt!" Die Klingel ertönte; die Dekoration wechselte abermals; das Teater stellte einen weiten Park vor, die beiden unvorsichtig Liebenden freuen sich ihres Lebens inmitten des ebenfalls lustigen Hofstaates, da erscheint plötzlich der Herzog, begleitet von Fackelträgern und jetzt erfolgt die Scene, wie wir sie schon oben beschrieben. Fürchterlich schön war der Herzog anzusehen, und als er so über die Bühne dahinglitt, angefüllt mit Wut und Rachedurst, die Fäuste geballt, den Bart ordentlich emporgesträubt, da wurde ihm ein unendlicher Applaus zu teil. Die unglückliche Braut sinkt nach ihrem grossen Pas de deux in Ohnmacht, der ganze Chor macht übermässige Anstrengungen, Entsetzen, Schrecken, sowie alle möglichen Leidenschaften auszudrücken, undder Vorhang fällt.

Es war ein Glück, dass die Solotänzer und Tänzerinnen sich im Zwischenakte umziehen mussten, denn sonst wäre an dem Vorhang nicht so bald eine Oeffnung frei geworden. Auch ohnedies musste Demoiselle Terese ihr ganzes nicht geringes Ansehen aufwenden, um ein halbes Dutzend verschiedenartiger Gespenster und junger Teufel, die im letzten Akt vorkommen, zu verscheuchen, bis sie endlich an der Gardine einen Platz erobern konnte. Dann stellte sie ihre Collegin vor sich hin und sagte: "jetzt schau durch und sage mir, wo er sitzt."

Die andere Tänzerin legte ihr Auge eine kleine Weile an die Oeffnung, dann trat sie zurück und bat Terese, hinauszuschauen und mit dem blick ihren Erklärungen zu folgen. "Du siehst," sagte sie, "die königliche Mittelloge, von der zähle rechts vier Säulen. – Hast du?"

"Allerdings," entgegnete Terese, "doch ich sehe da Niemand als den alten General von L."

"Ja, aus dem ersten Rang," erwiderte die Andre eifrig. "Ich meine aber den zweiten Rang."

"Ah! du meinst den zweiten Rang!" versetzte Demoiselle Terese in gedehntem Tone. "Das wird sich kaum der Mühe verlohnen. – Nun, wir wollen nochmals zählen. Die erste, zweite, dritte, vierte Säulehalt!"

Hierauf schaute sie einen Augenblick aufmerksam hinaus, dann fuhr sie heftig zurück und rief aus: "ah! Marie! du musst dich irren; der Herr in der dritten Loge kann's doch nicht sein! Oder ist der, den du meinst, vielleicht grade weggegangen; sieh noch einmal hin."

Die jüngere Tänzerin sah nach dieser Aufforderung über die Achsel ihrer Freundin, dann, sagte sie ruhig: "nein, er sitzt noch da; sieh, er scheint sich zu langweilen, er legt den Kopf in die Hand."

"Ganz richtig. Und du irrst dich nicht?"

"Wie sollte ich mich irren! Ich habe ihn vorhin ganz deutlich gesehen und gleich erkannt. – Du weisst also, wer er ist? Und die Dame, die neben ihm sitzt?" –

"Die Dame, die neben ihm sitzt, ist seine Frau. – Schöne Geschichten!"

"Das wäre schrecklich!" rief das junge Mädchen aus. "Was ist da zu tun,