zu betrachten, der wieder neben dem Lehnstuhle stand, ihn langsam und forschend ansah und dann zu ihm sprach: "Es ist dir schlecht ergangen, wie mir scheint, Josef?"
"Sehr schlecht, Herr," entgegnete der Gefragte.
"Es ist seltsam aber wahr: was der Teufel einmal gefasst hat, lässt er nicht sobald wieder fahren. Wenn wir auch unseren Nebenmenschen gegenüber ziemlich freie Geschöpfe sind, so sind wir andernteils doch wieder erbärmliche Sklaven – Sklaven unserer Taten, Sklaven unseres Gewissens."
"Keines von diesen hat mich wieder hergebracht, obgleich Beide mich oft sehr gequält," entgegnete Josef.
"Ich habe erfahren, dass du kommen werdest."
"Ich glaube es, Herr; so was bleibt nicht lange verschwiegen."
"Es tut mir eigentlich leid um dich, Josef, denn ich bin überzeugt, dass du nicht freiwillig zu uns zurückkehrst."
"Gewiss nicht, Herr. Aber da ich Sie als gut und grossmütig kenne, da Sie mich damals bereitwillig ziehen liessen, als ich Ihnen sagte, ich könne es nicht mehr unter den Genossen hier aushalten und es dränge mich, wieder ein anderer besserer Mensch zu werden –"
"Ein besserer Josef?" fragte lächelnd der junge Mann.
"Verzeiht, Herr, ein anderer denn! – Als Sie mich also ziehen liessen und mich so freundlich und gütig unterstützten mit Empfehlungen, dass ich alsbald eine gute Stelle fand und wieder frei atmend unter meines Gleichen treten konnte, da dachte ich immer an Sie und segnete Ihr Andenken, und als das Unglück geschehen war, als ich nach dem traurigen Schusse nun wieder ausgestossen aus der Menschheit dastand, war wieder mein erster Gedanke an Sie und es drängte mich, zu Ihnen zurückzukehren."
"Und zu den Genossen –"
"Wenn es nicht anders sein kann, was will ich tun?"
"Du weisst, Josef, dass ich von jeher grosse Stücke auf dich gehalten; ich hätte dich in meine eigenen Dienste genommen, aber Jemand, der wie ich, wenn ich mich so ausdrücken kann, nur hie und da erscheint, bedient sich am besten selbst. Doch scheint mir, du hast deinen grössten Fehler, die Heftigkeit, immer noch nicht abgelegt. Teufel auch! man schiesst nicht gleich auf seinen Vorgesetzten."
"Wenn er uns aber als sein Vieh, als seine Sklaven behandelt? O Herr, ich hätte Sie sehen mögen!"
"Ja, ich stehe für mich gar nicht ein! – Du hast dich verheiratet?"
"Ja, Herr, es war ein schönes junges Weib."
"Das war unklug, Josef, siehst du, die Welt liegt im Argen. Wenn man Jägerbursche ist und in einem kleinen einsamen haus im wald wohnt, da bleibt man für sich allein und lässt seine ganze Familie aus ein paar guten Jagdhunden bestehen."
"Wenn er mich in meinem Revier gelassen hätte," sprach der Andere mit einem trüben Lächeln, "so hätte das gar nichts gemacht. Mein Häuschen lag mitten darin und ich konnte Alles mit Musse beaufsichtigen."
"Und er schickte dich in andere Waldungen?"
"Meilenweit, so dass ich Tage und Nächte von haus sein musste. O Herr, es war nicht klug von ihm getan, dass er mich so auf die einsamen Waldplätze hinaussandte. Wenn ich da stand, so Stunden lang an irgend eine alte Eiche gelehnt, und an mein Haus und das Alles dachte, und wenn nun der Abend aufstieg und ich musste bleiben, wo ich war und ich stellte mir vor, dass sich vielleicht ein Anderer nach meinem haus schlich, – Herr, ich versichere Sie, da stand ich Qualen aus, die kein Menschenherz auf lange zu ertragen im stand ist. Das Blut stieg mir siedend zu Kopf, es war mir oft, als hörte ich weit entfernten Hilferuf; doch war es Täuschung, denn der Hund lag ruhig neben mir und spitzte nicht einmal die Ohren. Auch wäre es zu weit gewesen."
"Und eines Tages verliessest du deinen Posten und gingst nach Haus?"
"Ja, Herr."
"Und fandest Unrechtes?"
"Ich weiss es nicht genau, Herr; aber es musste wohl so sein. Er kam aus meinem haus, und da nahm ich, meiner selbst nicht mehr mächtig, die Büchse –"
"Genug! genug!" sagte der junge Mann, indem er sich gegen das Feuer umwandte. "Das Andere wissen wir bereits, auch dachte ich, dass du kommen würdest, und da ich dir, wie schon früher gesagt, wohl will, sorgte ich für dich. Der Waldschütze, von dem du so eben erzähltest, hat den Seehafen erreicht und ist über's Meer –"
"Ich, Herr?"
"Her Waldschütze; so stand es in allen unseren Journalen. Auch war seine Tat für ihn so vorteilhaft beleuchtet, dass Mancher mitleidig an ihn dachte. – Du bist also ein ganz neuer Mensch und heissest von heute an Franz Karner. Hier sind die Papiere, mit denen du dich legitimiren kannst."
Mit diesen Worten hatte der junge Mann die Brieftasche wieder hervorgezogen und nachdem er dem Andern ein Zeichen gegeben, näher zu kommen, überreichte er ihm ein zusammengefaltetes Blatt.
"Dann ist ferner hier ein Brief," fuhr er fort, "den bringst du morgen an seine Adresse. – Lies die Aufschrift