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er sah, dass die Männer sich unruhig bewegten, "ich lenkte ihn auf eine andere Fährte und er verfolgt in diesem Augenblicke einen vollkommen harmlosen Menschen. – Sprich du nun, habe ich die Wahrheit gesagt? – Verhält sich die Sache so?"

"Es ist ein Irrtum, Herr!" heulte der Angeklagte; "gewiss, gewiss ein entsetzlicher Irrtum! O wie käme ich dazu!"

Statt aller Antwort steckte der junge Mann die rechte Hand unter seine Blouse, zog eine Brieftasche hervor, nahm aus derselben ein Blatt Papier, das er entfaltete und fragte ihn dann ruhig: "Wie heissest du?"

Der Lakai liess den Kopf auf die Brust niedersinken und gab keine Antwort.

"Nun, ihr Andern wisst doch, wie er heisst. So lest dieses Blatt, das er dem Polizeidirektor gab, als ihn dieser um seine Adresse fragte. Vielleicht kennt Jemand von euch die Handschrift; den Namen aber werdet ihr auf alle Fälle kennen."

Auf einen Wink trat einer der Männer vor, nahm das Blatt, blickte hin, übergab es dem Nebenstehenden, und so machte es die Runde bei sämmtlichen Anwesenden. Der Letzte, der sich die Schriftzüge betrachtete, überreichte es dem jungen mann wieder, indem er sagte: "Ja, Herr, es ist so, wir sind vollkommen überzeugt."

"Nun denn, so wisst ihr auch, wie ihr einen Verräter bestraft. Nehmt ihn hinweg! Fort mit ihm!"

Umsonst versuchte der Verurteilte, das Herz seiner Richter zu erweichen; er brachte auch keinen zusammenhängenden Satz zu stand und stotterte nur unverständliche Worte, dazwischen schluchzte er, schluckte krampfhaft und wand sich in Todesangst unter den Händen der zwei Männer, die ihn fest bei den Armen und Schultern hielten. "Gnade! Gnade!" flehte er und wollte vorwärts stürzen zu den Füssen des jungen Mannes. Dieser wandte verächtlich den Kopf ab und blickte in die Glut des Kaminfeuers; dabei streckte er die Hand gegen die Männer aus und sagte: "Es bleibt dabei, lasst ihn ohne Aussehen verschwinden!"

Während zwei derselben den Verurteilten zu einer tür hinaus zogen, welche in entgegengesetzter Richtung von derjenigen lag, die zu dem Zimmer führte, wo sich das Mädchen befand, trat einer in jenes Gemach zu dem mann, welcher bis jetzt ruhig auf und ab geschritten war, nun aber plötzlich stehen blieb und sich an den Eintretenden mit der Frage wandte: "Wie ist's? – Hat er gestanden?". "Nichts, aber der H e r r hat ihn vollkommen überführt." "So wird er verschwinden?" "Ja, ich soll es dir sagen. – Aber ohne alles aufsehen." "Das versteht sich von selbst," sprach der Andere mit einem unangenehmen Lächeln. "Es ist spät am Abend, die Strassen einsam, führt ihn hinaus. – Er kann zufrieden sein, denn er erhält sicherlich einen Nachruf; morgen wird man in den Blättern lesen, es habe sich ein bedauerliches Unglück zugetragen, der Lakai eines guten Hauses, so und so mit Namen, sei wahrscheinlich etwas berauscht aus dem Wirtshaus gekommen und in den Kanal gefallen."

Sechsunddreissigstes Kapitel.

Jäger und Kammerjungfer.

Nachdem die Leute das Zimmer verlassen hatten, in dem sich der junge Mann befand, machte dieser ein paar rasche Gänge durch dasselbe, dann trat er vor das hohe Kamin, stützte seinen Arm auf das Gesims und versank in tiefes Nachdenken. – "Bah!" sagte er nach einer längeren Pause, indem er sich erhob und um sich schaute, "lass die Sache gehen, wie sie eben geht. Einer ist einmal der Sklave des Andern, und der Stärkere hat Recht. Die idee von einer Wiedervergeltung kann und will ich nicht leugnen; was heute dem Einen geschieht, kann morgen dem Andern begegnen, und ichheute noch Herr dieser ungeachtet alles Trotzes und aller Wildheit doch sklavischen Naturenkönnte vielleicht morgen vor ihnen stehen und mein Urteil erwarten. – Ah! es ist doch etwas Schönes darum," fuhr er fort und erfasste den Griff seines Dolches, "so Herr zu sein über die ganze Welt, der Gebieter des Geringsten und des Höchsten, des alten reichen Podagristen, der uns mit Entsetzen kommen hört, und des jungen, reizenden Mädchens, das von uns erzählt und vielleicht verstohlen und erschrocken ihrer Vertrauten sagt, indem sie dabei auf die andere Seite schaut: Ach! es war eine schreckliche Nacht, und der Letzte, der das Zimmer verliess, trat noch einmal an mein Bett und hob die Lampe hoch empor. O, ich würde ihn wieder erkennen, denn ich tat ja nur als ob ich schliefe. – Und das haben mir solch' schöne Lippen schon selbst erzählt. O, dies Leben ist zu beneidenswert, als dasses ewig dauern könnte!"

Nach diesem Selbstgespräch war er wieder in tiefe Träumereien versunken; doch raffte er sich rasch empor, schritt durch das Zimmer und zog an einer Klingelschnur, die sich in der Ecke befand.

Gleich darauf trat einer der Männer herein. Auf ein leises Wort zog sich dieser wieder zurück und nach einer kleinen Weile öffnete sich die tür abermals, durch welche jetzt der Mann mit dem schwarzen Haar und Bart, den wir in der Schenkstube schlafend gefunden, herein trat.

Dieser hielt sich schüchtern in der Ecke, erhob nur ein paar Mal den blick verstohlen, um den jungen Mann