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Das arme geschöpf blickte fragend zu dem Harfenmädchen hin.

"Nein, da hilft kein Widerstreben," sagte auch dieses, "gewiss nicht. Komm, steh auf undhelfe dir Gott!" setzte sie leiser hinzu.

Darauf hin liess das junge Mädchen willenlos geschehen, dass ihr die Alte vom Bett in die Höhe half und dass sich auf einen Wink derselben das Harfenmädchen näherte, ihre herabgefallenen blonden Flechten in die Hand nahm, sie etwas glättete und dann sorgfältig über ihrem Kopf befestigte.

Das alte Weib hakte ihr das Kleid zu und bat sie, ihre Schuhe wieder anzuziehen und sich überhaupt zu beeilen. Dann nahm sie vom stuhl das Tuch des Mädchens, hing es ihr um die Schultern und zog sie an der Hand mit sich fort.

Nanette begleitete sie bis an die tür, und als das Mädchen dieser dort die Hand reichte und ihr dankte für die Freundlichkeit, mit welcher sie sie behandelt, blitzten die dunkeln Augen Nanettens stärker als gewöhnlich, und als sich nun die tür hinter den Beiden schloss, rollten ihr ein paar schwere Tränen über das Gesicht herab.

Das junge Mädchen liess sich von der Frau führen; alle ihre Kraft war dahin und ihre Kniee wankten so, dass sie sich mehrmals an die Wand stützen musste, um nicht niederzufallen, wesshalb sich das Weib veranlasst sah, sie mit einigen Worten zu trösten. "Habe nur keine Angst," sagte sie, "es geschieht dir gewiss nichts. – Nicht wahr, du bist zum ersten Mal hier im haus?"

"Ja gewiss," hauchte das Mädchen.

"Und du kennst keinen von den Gesellen, die du heute Abend drunten im Zimmer gesehen? Du hast noch nie mit einem was zu tun gehabt?"

"O mein Gott, nein, nein!" erwiderte schaudernd die Gefragte.

"Nun, so weiss ich nicht, was er von dir will, und da kannst du dich auch ziemlich beruhigen, es wird nichts so Schlimmes sein. Aber jetzt lass' uns eilen, wir haben schon Zeit genug verloren." – Damit schritt sie rasch voran, Treppen auf, Treppen ab, über lange Gänge hinweg, die sich bald rechts, bald links bogen, dann kamen sie sogar quer durch einen Hof, wieder eine Treppe hinauf, und hielten endlich an einer tür stille.

Die Alte klopfte dreimal an; es wurde augenblicklich geöffnet, und das Mädchen fühlte sich plötzlich in ein erleuchtetes Zimmer geschoben. Hinter ihr fiel die tür wieder in's Schloss, und als sie sich auf dieses Geräusch hin umwandte, bemerkte sie, dass ihr das alte Weib nicht gefolgt war.

Das Zimmer war gross, geräumig, mit anständigen Tischen und Stühlen versehen, und ein mächtiger Ofen verbreitete eine behagliche Wärme. Ein grosser Mann, der in der Mitte des Gemachs auf und ab ging, wies das Mädchen an, sich auf einen der Sitze niederzulassen, dann legte er wie vorhin die hände auf den rücken und schritt wieder gleichmütig hin und her.

Der geneigte Leser, der uns bis hieher zutrauensvoll gefolgt, wolle sich auch unserem ferneren Schutz überlassen und mit uns in ein anderes Zimmer treten, das von dem, in welchem sich das junge Mädchen befand, durch ein kleines, dunkles Kabinet getrennt ist.

Es war dies ein Gemach, höher und weiter als selbst das Schenkzimmer, doch auch wie dieses mit eichenem Holz ausgetäfert. Wände und Decke aber waren besser erhalten, und an letzterer bemerkte man ein ziemlich dunkel gewordenes Gemälde, sowie gut erhaltene Vergoldungen. Wo hier Fenster und Türen waren, konnte man nicht gut bestimmen, denn beide waren gleichmässig mit grossen dunklen Vorhängen versehen, die von dem Fries bis auf den Boden herab hingen. In einer Ecke dieses Zimmers befand sich ein grosses Kamin, in dem mächtige Holzblöcke stammten; daneben stand ein alter geschnitzter Tisch, mit einer grünen Decke behängt, und neben diesem ein Stuhl mit hoher Lehne. Dem Tisch und Stuhl gegenüber in der anderen Ecke des Zimmers befanden sich mehrere Männer von starkem, kräftigem Körperbau und verwegenen Gesichtern, aus denen unternehmende Augen hervor blitzten; Einige von ihnen hatten Bärte, andere waren glatt rasirt. In ihrer Mitte war jener Mann in der Livrée, den wir in der Schenkstube gesehen und dessen stimme wir auf dem Gange gehört. Er stand aber nicht so aufrecht da wie die Andern, seine Kniee schlotterten, sein rücken war gekrümmt und seine bleichen Züge vor Angst verzerrt und entstellt.

Alle aber blickten unverwandten Auges nach jener anderen Ecke des Zimmers, und wir ersuchen den geneigten Leser, gleichfalls dahin zu sehen. Dort an dem Sessel mit der langen Lehne stand ein junger Mann, ziemlich gross, dabei aber schlank und von den angenehmsten gefälligsten Körperformen und Bewegungen, die Leichtigkeit und grosse Kraft ausdrückten. Er trug ein sehr eng anliegendes Beinkleid und hohe glänzende Reitstiefel, die aber bis zu den langen, schweren Sporen hinunter, wie nach einem starken Ritt, dicht mit Kot bespritzt waren. Den Oberkörper bedeckte eine Art Blouse von einem dunkelblauen wollenen Stoffe; die Aermel derselben waren sehr weit, und wenn er die seine, jedoch etwas gebräunte Hand zufällig empor hob, so fielen sie zurück und zeigten weisse, glänzende Wäsche. Um den Leib trug er einen ledernen Gürtel, und an der linken Seite desselben hing ein Tscherkessendolch, eine jener furchtbaren Waffen, die ungefähr andertalb Schuh lang, oben handbreit sind, und nach unten spitzig zulaufen. Die Scheide war