es wirklich war, aber dass sie aufrecht neben ihr im Bette sass. – "Was ist's?" flüsterte das junge Mädchen angstvoll.
"Stille!" antwortete Nanette mit leiser stimme; "ich muss erwacht sein an dem Schlag der Uhren; es ist elf Uhr. Doch jetzt soeben, als ich wieder einschlafen wollte, hörte ich leises Schleichen auf den Treppen; – hoch! und jetzt auf dem Gange."
"Was kann das sein?"
"Vielleicht noch ein später Gast, der nach seinem Zimmer geht. – Aber nein, das ist der Schritt eines Weibes. O, ich habe ein feines Gehör. Weisst du, das wird geschärft bei unserem Leben."
Und das Mädchen hatte Recht; es waren in der Tat leise schlürfende Tritte, die langsam näher kamen.
Die beiden Mädchen lauschten mit zurückgehaltenem Atem.
Jetzt fasste eine Hand die Türklinke, drückte langsam das Schloss auf, die Tür öffnete sich und ein Lichtstrahl fiel herein. Doch konnten die Mädchen augenblicklich nicht erkennen, wer der Träger dieses Lichtes war, denn dieser hielt die Hand vor das Gesicht und liess den vollen Schein des Lichtes in das Zimmer fallen.
"Was soll's?" fragte Nanette scheinbar mit entschlossenem Tone, doch zitterte ihre stimme ein wenig. Dann rutschte sie mit voller Geistesgegenwart vom Lager herab, um stehenden Fusses erwarten zu können, was es gebe.
Das junge Mädchen hielt ihren Arm umklammert und drückte sich fest an sie.
"Ja, ich bin recht," sprach eine stimme an der tür; "ich hatte die Nummer vergessen. Richtig, es ist doch vierundzwanzig."
"Ah! seid Ihr es, Frau?" sagte Nanette nach einem tiefen Atemzuge, denn sie erkannte die stimme des alten Weibes drunten aus der Schenke. "Ich hatte Angst, als Ihr so langsam die tür öffnetet."
"Ei, ei!" entgegnete grämlich das Weib, "du bist doch sonst nicht so furchtsamer natur."
"Das ist richtig, aber es war heute Abend so unruhig im haus. – Doch was soll's, Frau, wollt Ihr zu uns?"
Die Alte drückte sorgfältig die tür hinter sich in's Schloss, dann stellte sie das Licht auf den Tisch und näherte sich dem Bette.
"Schläft die Andere?" fragte sie.
"Nein, nein, ich schlafe nicht!" entgegnete eifrig das junge Mädchen.
"Nun, das ist gut, mein Schatz, dann brauche ich dich nicht zu wecken."
"Mich zu wecken? – Barmherziger Gott! Wollt Ihr etwas von mir?"
"Ich eigentlich nicht, mein Kind, aber –"
"O Frau, lasst das arme geschöpf in Frieden!" bat das Harfenmädchen. "Der Sträuber war da, wir haben Mühe gehabt, ihn hinaus zu bringen. Seht Ihr nicht, wie das unglückliche Ding vor Angst zittert!"
"Was Sträuber!" sprach die Frau verächtlich. "Meinst du, ich kümmere mich um solche Lumpen? – Da ist schon was ganz Anderes im Spiel. – E r ist im haus," setzte sie leiser hinzu.
"Ich habe es gehört," erwiderte Nanette. "Aber das kann uns doch nicht betreffen; e r weiss kaum, dass wir in der Welt sind."
"Er weiss Alles," sagte ernst die Frau. "Und der beste Beweis ist, dass ich hier bei euch bin. Ich habe den Befehl, die da zu holen."
"Die da? – das junge Mädchen?" rief entsetzt die Harfenspielerin und sprang vom Bette, auf welchem sie bis jetzt sass, als habe sie eine Schlange gestochen. "Alle Heiligen! e r lässt sie holen?"
Die Alte nickte mit dem kopf.
"So hast du wahrscheinlich Schlimmeres begangen, als du mir gesagt," fuhr Nanette zu dem Mädchen gewendet fort. "Wozu kann er dich sonst holen lassen! Um Gotteswillen! Wer bist du? – Ah! du hast mir von Blut an deinen Händen erzählt! – Grässlich! – Sollte das nicht so zufällig an deine Finger gekommen sein?"
Das junge Mädchen blickte um sich, als sei es noch immer in einem schweren, schrecklichen Traume befangen. – "Man will mich holen?" brachte sie endlich mühsam hervor. Und als die Alte ihr entgegnete: "Ja, ja, drum stehe geschwind auf!" setzte sie händeringend hinzu: "Wohin will man mich holen? – O, habt Erbarmen! lasst mich da, ich habe Euch ja nichts zu Leide getan!"
"Da ist keine Zeit zu verlieren," sagte kalt die Alte. "Steh auf und bring deinen Anzug etwas in Ordnung."
"O, Sie waren so gut gegen mich!" flehte das arme geschöpf, indem sie sich an das Harfenmädchen wandte, das drei Schritte von dem Bette stehen blieb und mit einem wahren Ausdruck des Entsetzens auf ihre bisherige Gefährtin blickte. "Sie wollten mich ja beschützen, lassen Sie mich nicht von hier fort! – Wer kann etwas von mir wollen? Das muss ein Missverständniss sein; kenne ich doch ausser Ihnen keine Seele in dem haus. Nicht wahr, Sie lassen mich nicht fort von hier?"
"Er hat's befohlen," versetzte ernst die Alte, "und da hilft kein Widerstreben.