1854_Hacklnder_152_130.txt

alle Weise, sie quälten mich, dass es einen Stein hätte erbarmen sollen. Ich stand allein da, verlassen, und fühlte, dass ich so gar kein Recht gegen diese Behandlungen erlangen konnte, ich fühlte es, dass ich nichts sei als eine arme Sklavin, und wunderte mich nur über mich selbst, dass ich nicht schon gleich Anfangs dem Befehl des Direktors nachgekommen sei, als er mir sagte, ich solle in seine wohnung kommen, er wolle mir eine kleine Solopartie übertragen und mit mir einstudiren. – Ein ganzes Jahr lang hatte ich ertragen, was ein Mädchen zu ertragen im stand ist, wurde von meinen Kolleginnen verspottet, von den Männern beim Teater auf alle Weise geneckt und geplagt. – Ja, ein ganzes Jahr hatte ich es ausgehalten, danahm ich die mir dargebotene Rolle an und sang eine kleine Solopartie." –

"Warum blieben sie aber nicht beim Teater," fragte die Andere; "namentlich wenn Sie Talent dazu hatten?"

"Ich hatte aber kein Talent," entgegnete das Harfenmädchen finster; "Alle, die mir das gesagt, hatten mich belogen: ich hatte nichts als ein hübsches Gesicht und einen Körper in der Frische der ersten Jugend. Das verlor sich aber schnell, ich sang keine Solopartien mehr, und da die truppe, bei der ich mich befand, bald aufgelöst wurde, so stand ich mit vielen Andern, die sich um mich so wenig bekümmerten wie ich mich um sie, auf der Strasse. Glücklicherweise hatte ich von einem der Orchestermitglieder etwas Harfenspielen gelernt, mein altes Instrument, welches ich jetzt hier habe, wurde mit allem Uebrigen versteigert und ich erhielt es als Bezahlung, da ich einige Gegenansprüche zu machen hatte. – So bin ich jetzt reisende Virtuosin geworden," setzte sie lachend hinzu, "und wenn ich in der ersten Zeit meiner Laufbahn Manches hinunter schlucken musste, so habe ich mich jetzt an Vieles gewöhnt und lebe lustig und vergnügt in den Tag hinein, bis ich einsthinter einer Hecke sterbe." –

Diese letzten Worte sprach sie so leise, dass sie ihre Gefährtin nicht verstehen konnte. Auch war diese in ein tiefes Nachdenken versunken, und schrak jetzt, als Nanette schwieg, aus ihren Träumereien auf.

"Aber was soll mit mir werden?" sagte sie und faltete ihre hände. "Was bin ich schon geworden? – in welches Haus bin ich geraten?"

"Das sind drei fragen auf einmal," entgegnete Nanette, "die schwer oder leicht zu beantworten sind, wie man will. – Was aus dir werden soll? – Nun, bleibe vorderhand was du bist, das heisst, behalte die Guitarre und singe mit mir herum. Du dauerst mich und wenn ich dich jetzt fahren lasse, so bin ich überzeugt, dass du bald in schlechte Gesellschaft gerätst."

Das junge Mädchen sah bei diesen Worten ihre Gefährtin mit einem sonderbaren Blicke an.

Darauf erwiderte diese lachend: "Ich weiss wohl, wesshalb du mich so komisch betrachtest; du meinst, die Gesellschaft, in der du dich gerade befindest, sei auch eben nicht die respektabelste. Doch glaube das nicht; ich bin reisende Künstlerin, und wenn ich will, kann ich mein Brod auf ganz ehrliche und unbescholtene Art verdienen. – Aber," setzte sie leiser hinzu, "die Verführung ist so gross. – Deine andere Frage, was aus dir schon geworden sei, kannst du dir am besten selbst beantworten; und drittens endlich, was die Beschaffenheit des Hauses, in dem wir uns gerade befinden, betrifft, so heisst dasselbe der Fuchsbau, macht billige Zechen und gewährt hinlänglichen Schutz vor der Polizei mit ihrem Anhang. – Für tugendhafte Frauenzimmer," fügte sie bei, indem sie ihren Kopf und Oberkörper auf die Decke zurückwarf und sich lange ausstreckte, "für tugendhafte Frauenzimmer ist das Haus freilich ein wenig gefährlich, denn es sind hier an den Türen keine Riegel zum Verschliessen. – Und du scheinst mir noch recht tugendhaft zu sein?"

"Ach mein Gott!" seufzte das Mädchen und verbarg eine Zeit lang ihr Gesicht, das auf's Neue von Tränen überströmt wurde, in beide hände. – Welch' unsägliches Elend war nicht seit so kurzer Zeit über dies arme geschöpf herein gebrochen! Vor ein paar Tagen noch war sie in einem vor der Welt anständigen haus, in einer guten Stellung, freundlich behandelt, ja zu freundlich, mit der Aussicht auf eine ruhige und behagliche Zukunft. – Und nun aus Allem dem herausgerissen, in diese unheimliche Welt hinein geschleudert, sah sich das junge, bis jetzt noch unverdorbene Mädchen an die Gefährtin, die vor ihr sass, gewiesen, und musste sich glücklich schätzen, dass das Harfenmädchen sich ihrer annahm und ihr Schutz gewährte. Aus ihrem netten Stübchen, wo das Bett des kleinen Kindes stand, das sie so sehr liebte, befand sie sich jetzt mit einem Mal in dem öden Gemache des verrufenen Hauses, wo Wind und Schnee zu dem offenen Fenster herein jagte, und wo einmal über das andere Mal ein Schauder ihren Körper überflog und die Kälte ihre Glieder erschütterte. Auf Augenblicke hielt sie alles Das für einen Traum, sank in sich zusammen und schloss die Augen fest, um vielleicht freundliche Bilder, die sie umgaukelten, festzuhalten. – Jetzt aber fuhr sie wieder empor, warf ihre Blikke auf die Gefährtin, die neben ihr ruhte, und fühlte alsdann, wie sich ihr Herz