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jungen Rekruten in ihre Reihen auf.

Das Ballet begann wie immer mit einer langen Ouverture; endlich flog der Vorhang empor, das Publikum beklatschte den Glanz und die Pracht der Dekoration, und die geschichte nahm mit einem strahlenden Ballfeste ihren Anfang. Die Musik erklang lustig und herausfordernd, Tänzer und Tänzerinnen wogten lebhaft durcheinander, jetzt in scheinbarer Unordnung, aus welcher sich aber die schönsten Figuren entwickelten. Die ganze Bühne war angefüllt mit buntfarbenen seidenen Gewändern, mit Gold- und Silberstickerei, mit fliegenden Schärpen, blitzenden Brillanten und wallenden Federn. Vollkommen geblendet war das Auge der Zuschauer und kam erst wieder zur Ruhe nach der ersten Scene, nachdem das Balletcorps auf allen Seiten verschwunden war, nachdem die Klingel ertönt, die Dekorationen gewechselt und das Teater einen Garten bei Mondscheinbeleuchtung darstellte, wo e r und s i e sich fanden und verstanden.

Nach so einem grossen anstrengenden Tanze kommen die armen Tänzerinnen gewöhnlich in einer Verfassung hinter den Coulissen an, welche Aehnlichkeit mit der von jungen Rennpferden hat, welche trainirt werden. Die Stärksten und Ausdauerndsten unter ihnen tanzen von der Bühne ab, um hinter derselben schwer atmend stehen zu bleiben; Andere erreichen zur Not wohl eine Bank oder einen Stuhl, wo sie sich niederlassen können. Die Schwachen und Unbehülflichen haben aber nicht sobald die schützende Coulisse erreicht, als sie krampfhaft irgend einen Pfahl oder eine Latte fassen, die Hand an das Herz pressen, die Stirne irgendwo anstützen und in Schweiss gebadet allmählich und keuchend ihren Atem an sich ziehen. Alle aber sind erschöpft, und wenn Manche sogar in diesem Augenblicke lachen und plaudern, so geschieht es doch mit grosser Anstrengung und mit auf- und abwogender Brust. Dabei wird aber der Anzug und die Frisur nicht ausser Acht gelassen und die Eine beschäftigt sich mit der Anderen, hier eine Locke wieder aufzustecken, dort eine Schleife zu befestigen, oder einen Schleier, der sich gelöst hat, wieder anzubinden.

"Das muss ich schon sagen," meinte Demoiselle Terese, eine der ersten, die wieder vollständig zu Atem kam. "Der Kapellmeister ist heute wieder einmal ganz von Sinnen. Hat man je ein so rasendes Tempo gesehen? Mir ward mein Leibchen zu eng, und das will doch viel sagen". – "Armer Schatz," wandte sie sich an eine schmächtige Collegin, welche, die heisse Stirne an einen Balken gedrückt, vergeblich darauf zu warten schien, dass sich ihr Herzschlag beruhige, "dich habe ich noch zu guter Zeit aufrecht erhalten; ich werde's aber dem da drunten stecken, wenn er im Zwischenakt heraufkommt. – – Fühlst du dich unwohl?" wandte sie sich abermals an die erschöpfte Collegin.

Diese schüttelte mit dem kopf und versetzte nach einer längeren Pause: "unwohl gerade nicht, aber es hat mich furchtbar angegriffen; wenn du mich nicht aufrecht gehalten hättest, so wäre ich am Soufleurkasten niedergestürzt. Ich danke dir, Terese."

"Keine Ursache," entgegnete diese, "aber ich will dir was sagen: du bist zu fest geschnürt, lass dich ein Bischen loser machen."

"Ich kann nicht," sagte die Andere mit leiser stimme, "mein Kleid ist mir so eng genug; ich würde mich gerne krank melden, aber wenn ich das jetzt schon tue, so muss ich fürchten, entlassen zu werden, und wovon soll ich alsdann leben?"

Demoiselle Terese zuckte die Achseln und wandte sich hinweg. "Armes geschöpf!" murmelte sie zwischen den Zähnen. Dann winkte sie jener Tänzerin, die sich in der Garderobe neben Clara angezogen, und die mit verweinten Augen in der Fensternische gestanden. Die Beiden gingen etwas abseits und stellten sich hinter eine Felspartie, die im dritten Akte vorkommen sollte.

"Du hast mir etwas mitzuteilen," sprach Demoiselle Terese hier zu ihrer Collegin. "Elise hat es mir gesagt."

"Es ist mir recht lieb, dass ich mit dir sprechen darf," antwortete die andere Tänzerin. – "Aber haben wir auch Zeit?"

"über eine Viertelstunde; die langweilige Gartenscene dauert Wenigstens zehn Minuten, dann kommt der Chor der Ritter und Burgfräulein, bei dem wir ja nichts zu tun haben. – Nun, fängt deine Tante endlich an, dich zu plagen?"

Das junge Mädchen nickte mit dem kopf und sah einen Augenblick stumm vor sich nieder. Dann sagte sie: "du kennst meine Tante?"

"Leider kenne ich sie. Der Teufel soll sie holen! – Aber weiter; ich habe immer geglaubt, du erfahrest nichts von ihrem heimlichen Geschäfte."

"Lange erfuhr ich auch nichts davon," versetzte Marie. "Gott! wenn man sechszehn Jahre alt ist, hat man ja keine bösen Gedanken. Und dann habe ich im haus auch nie was Schlimmeres bemerkt; wir leben wie die ruhigsten Bürgersleute."

"Ja, ja, das glaube ich wohl," lachte Terese. "Madame vermittelt bloss. – Nun, und endlich?"

"Was soll ich sagen, endlich? Schon seit mehreren Wochen spricht sie von der schweren Zeit, von dem wenigen Verdienst, den ich habe; meine Wäsche allein koste mehr, sagte sie, und dass es auf längere Zeit nicht so gehen könne. – – Warum ich mir keinen Geliebten anschaffe? meinte sie neulich."

"Ah! zu einem Geliebten wird sie schon Einen in Aussicht haben. Tritt dir Jemand häufig in den Weg, auf den du Verdacht