1854_Hacklnder_152_129.txt

und es wagt Niemand, öffentlich daran zu rühren. – Aber bei uns armen Geschöpfen, da glaubt Jeder, in dessen Klauen wir gerade fallen, wir seien für ein mageres Brod sein mit Leib und Seele, als hätte er uns auf dem Sklavenmarkte gekauft. – Ich versichere dich, anders sehen es die Meisten, bei denen wir um's Taglohn arbeiten, gar nicht an."

"Ich kam denn auch gleich in die hände eines sol

chen Herrn, eines Fabrikanten, der seine Arbeiterinnen ansah wie der Türke seinen Harem, und der uns mit einem Draufgeld, welches wir erhielten, förmlich von seinen Unterhändlern kaufte. Ich hatte Wind davon erhalten und wollte nicht zu ihm; aber ein altes Weib, das er zu mir schickte, und die er ausserordentlich bezahlte, wusste mir die Sache recht lockend darzustellen. Ich ging also in die Fabrik, aber nicht in die Falle; und als nicht lange darauf der entscheidende Moment kam, erhielt mein Herr ein paar tüchtige Ohrfeigen, was meine sämmtlichen Kolleginnen in's höchste Erstaunen setzte, denn die undGott verzeih' es ihnenauch viele ihrer Eltern, hatten sich oder die eigenen Kinder zu allen Diensten förmlich verkauft, und wenn so ein unglückliches geschöpf sich wohl bisweilen gewaltig wehrte und um Schonung und Erbarmen flehte, so wurde sie meistens von den Anverwandten zur Pflicht zurück geführt. – Ha! ha! ha!" unterbrach sich das Mädchen mit einem lauten Gelächter, "ich versichere dich, es gibt keine grössere Sklaverei, als die der tausend armen Mädchen, worunter auch wir gehören, mögen sie nun sein, was sie wollen. – Sklaverei in jeder Richtung; harte Arbeit, kaum das tägliche Brod, um nicht Hungers zu sterben, Misshandlung aller Art, geistige und körperliche; – und zuletzt wirft man sie weg, nachdem nichts mehr an ihnen zu verderben ist. Und wenn man von Menschenhandel sprechen will, so lasse man nur Einige von uns ihre geschichte erzählen, das gebe ein artiges Buch zusammen, dass Jedem, der es lesen würde, die Haare zu Berge stehen könnten."

"Natürlicherweise verliess ich am gleichen Tage, wo ich mich mit dem Herrn entzweit, die Fabrik. Ein junger Musiklehrer, den ich kennen lernte, fand, dass ich eine gute stimme, auch hinreichendes Taktgefühl; er unterwies mich eine Zeit lang, und dann suchte und fand ich eine Anstellung als Choristin bei unserm Stadtteater."

"Das war aber dieselbe Sklavenanstalt wie die Fabrik, das kann ich dich versichern, ja insofern noch viel schlimmer, weil es dort nur e i n e n , hier aber viele Herren gab. Auch versteht es sich ja von selbst, dass so eine junge anfangende Choristin in nichts widersprechen darf, wenn sie nur die geringste Aussicht haben will, zu Etwas zu kommen, um gerade vom Hungertode bewahrt zu sein. Der Direktor selbst warf mir freundliche Blicke zu; sein Bruder, Regisseur und erster Tenorist, trug sich mir zum Lehrer an; er wolle meine stimme ausbilden, sagte er, und nebenbei ein kleines verhältnis mit mir eingehen. Ich wies das Alles anfänglich zurück und dachte, wenn ich recht fleissig sei, meine Schuldigkeit im Gesang tue, nie zu spät komme und dergleichen mehr, so könne man nichts weiter von mir verlangen. Ich wollte damals trotz der gemachten Erfahrungen noch nicht einsehen, dass wir eine Klasse von Geschöpfen sind, die sich einmal verkaufen müssen, um ihr tägliches Brod zu erwerben."

"Da war aber auf jenem Teater eine alte würdige Frau, – sie spielte Anstandsdamen und souflirte zuweilen, – ein sehr praktisches Weib, ich sehe sie heute noch vor mir mit ihrem dicken rotkarrirten Shawl, einem grossen Beutel am Arm, worin sie Bücher und Obst hatte, eine Brille auf der Nase und mit der Schnupftabaksdose, die sie beständig in der Hand hatte. Sie mochte mich wohl leiden, und eines tages, als ich dem Bruder des Direktors eine recht schnippische Antwort gegeben und ihm geradezu den rücken gekehrt hatte, nahm sie mich in den dunkelsten Winkel hinter die Koulissen und sagte mit ihrer schnarrenden stimme: Mein liebes Kind, mit der Sprödigkeit geht's nun leider einmal nicht in so vielen abhängigen Verhältnissen, namentlich nicht beim Teater, und je mehr man sich dagegen wehrt, um so grösseres Herzeleid macht man sich selber. Tugendhaft sein, ist eine schöne Sache, aber es gehört Geld dazu, dann ist es sehr angenehm und leicht. Was sollen aber wir arme Geschöpfe machen? So ein Vorgesetzter, mag er nun heissen wie er will, peinigt dich bis auf's Blut, und wenn er dich am Ende fortschickt, so treibt dich der Hunger zu noch viel Schlimmerem. – Aber das ist ja mehr als Sklaverei! fuhr ich damals auf. Ich habe doch das Recht, zu tun und zu lassen was ich will; wer will mich zwingen? – Mit Gewalt Niemand, antwortete darauf die Alte, das geschieht nur höchst selten, und dann bist du ein armes Schlachtopfer. Aber nein! nein! du musst Alles freiwillig hergeben und doch gezwungen; das ist die härteste Nuss bei der ganzen geschichte. – Ich fühlte wohl, dass sie Recht hatte, aber da ich es so recht deutlich fühlte, ballte ich meine hände zusammen und biss mir die Lippen blutig. Doch wollte ich lange, lange dieser Ermahnung nicht folgen. Aber sie plagten und misshandelten mich auf