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das ja; was sind wir arme niedergetretene Wesen, wenn so eine fromme, christliche Seele Böses gegen uns aussagt, und wenn überdies noch der Schein gegen uns spricht! – O," fuhr sie fort und ihre Augen schossen Blitze, "ich hatte eine Schwester, der es gerade so erging, eigentlich noch viel schlimmer, denn auch sie, ein junges unschuldiges Mädchen, sollte sich ihrem Herrn ergeben, und als sie sich weigerte, beschuldigte man sie allerhand schlimmer Sachen, worauf mein Vater Jenem volle Macht verlieh, die Widerspenstige zur Ordnung und Zucht zurück zu bringen. – Das wurde denn auch mit Hunger und Schlägen probirt, und nachdem sie das eine Zeitlang ertragen, kehrte sie denn freilich zur Ordnung zurück, aber die Zuchtwar von der Stunde an beim Teufel. – Doch weiter! – Sie steckten dich ein?"

"Sie wollten es tun," fuhr das junge Mädchen unter nieder strömenden Tränen fort, "aber e r hatte einen Buchhalter, der bat für mich."

"Ah! der Buchhalter? –"

"Und darauf jagten sie mich einfach aus dem haus mit der Weisung, nicht wieder zu kommen. O, das war von Allem der entsetzlichste Moment; ich musste mir ein Bündel mit dem Notwendigsten zusammen packen, und da ich vorn zur Haustüre nicht hinaus wollte, – es waren da böse Leute, die von der geschichte gehört hatten und auf mich warteten, – so öffnete mir der Buchhalter die tür des Gartens, die auf das freie Feld führte. Ich fasste in meiner Verzweiflung mit der Hand so heftig in die Dornenhecke, dass mein Blut heraussprang und auf den Schnee tropfte; dann sah ich hinauf an den grauen Winterhimmel und auf den weissen, weissen, einförmigen Schnee, der sich so weit und unabsehhar vor mir ausbreitete. Da war nichts Lebendes zu sehen als eine Schaar Raben, die schreiend über das Feld wegflogen. – Sehen Sie, Henriette, sagte der Buchhalter, da hinaus wenden Sie Ihren Weg, und wenn Sie auch schwer gefehlt haben, er, der die Raben auf dem feld nährt und die Lilien kleidet, wird sich auch Ihrer erbarmen."

"Er war fromm wie der Herr," sagte höhnisch Nanette.

"Darauf wollte er durch den Garten zurück, aber ich schrie laut auf und versuchte, freilich etwas verworren und unklar, ihm den Verlauf des Ganzen zu erzählen. Aber er schüttelte den Kopf und sprach: Henriette, fügen Sie nicht zu dem, was Sie getan, auch noch Verläumdung und Lüge. Ich kenne den Herrn, – das ehrbarste und beste Gemüt, und so gut, so gut, er könnte einem kind nichts zu Leide tun. – Da raffte ich mich zusammen, erhob die Hand und sagte: die Schande überlebe ich nicht, ich tue mir ein Leides an und mein Blut komme über ihn. Damit sprang ich in das Feld hinaus und erst, als ich schon ziemlich weit gelaufen war, blickte ich nochmals um. Da stand er noch immer an der schneebedeckten Hecke und blickte auf die roten Blutstropfen, die dort von meinen Fingern niedergefallen waren."

"Das war eine Strafe für ihn!" rief Nanette. "Denn als er das Blut sah, fürchtete er sich und dachte an deine letzten Worte."

"Ich tat mir aber kein Leides an," fuhr bitter lächelnd das arme Mädchen fort; "ich hatte nicht den Mut dazu, und als ich an einen Fluss kam, wo die Eisschollen neben und über einander hin schliffen, da schauderte mich und ich eilte wieder von dem Ufer hinweg. Ich lief, bis es Abend wurde, und dann kam ich an die offen stehende Scheune, wo ich Sie fand."

"Das ist eigentlich eine ganz gewöhnliche Sklavengeschichte, wie sie zu Dutzenden vorkommen," sagte das Harfenmädchen. – "Und wenn es dich interessirt, etwas von mir zu erfahren, so will ich dir gerne damit aufwarten. Eine Ehre ist der andern wert. Doch ist meine geschichte ein Bischen anders. – Schau mich an," fuhr sie fort, indem sie sich aufrichtete, "ich sehe nicht aus wie Jemand, der gern duldet und leidet, und damit habe ich mich auch in meinem Leben sehr wenig abgegeben. Wir waren unserer vier Geschwister, die, als der Vater starb und uns als Waisen zurück liess, sich noch im haus befanden, das heisst in zwei elenden Dachkammern, wo kein Nagel unser war. Die Schwester, von der ich vorhin sprach, rechne ich gar nicht mit, denn die war damals versorgt; später ist sie freilich im Spital gestorben. – Nun, wir vier, das kann ich dir versichern, wir waren gut aussehende hübsche Mädchen; ich kann das schon sagen, ohne mir zu schmeicheln, denn es ist ja schon ziemlich lange her. Nun hielten wir einen Familienrat, dem eine alte Tante beiwohnte, welche uns versicherte, es könne uns nicht fehlen, wenn wir arbeiten wollten und Lust hätten, uns ehrlich durchzuschlagen. Dabei sprach sie achselzuckend von der fünften Schwester und ermahnte uns, an der ein Exempel zu nehmen und meinte, wir sollen recht tugendhaft bleiben. Aber die Alte hatte gut reden! Die Tugend ist eine schöne Sache für vornehme und reiche Mädchen; da leuchtet sie und glänzt, und wenn sie auch schon Schaden gelitten hat, das tut nichts, da wird sie doch als vollkommen unverletzt dargestellt