1854_Hacklnder_152_127.txt

Städtchen N., wo ich geboren und aufgezogen wurde."

"Von deinen Eltern?"

"Nur bis zum zehnten Jahre, dann waren beide tot. Eine entfernte Verwandte nahm sich meiner an; sie hatte keine Kinder und ich durfte bei ihr bleiben; sie lehrte mich stricken, nähen und dergleichen, und brachte mich so weit, dass ich mit sechszehn Jahren einen Dienst annehmen konnte."

"Du nahmst also einen Dienst an?"

"Ja, bei einem jungen Kaufmanne, der eine ältliche Frau und ein einziges Kind hatte."

"Das war von deiner Verwandten nicht klug gewählt."

"O doch! Er stand in dem Ruf eines christlichen und frommen Mannes, es sprach Keiner so schön und gut wie er, und Niemand besuchte häufiger die Kirche."

"Das sind oft die Schlimmsten!" sagte Nanette.

"Ja, ja, er war schlimm," fuhr das junge Mädchen fort; "aber ich hatte ja keine Ahnung davon, ich wusste ja lange nicht, was er von mir wollte. Ach! sein Kind, das kleine Mädchen, hatte ich sehr lieb und es mich gleichfalls, und er schien es gern zu sehen, wenn ich mich so recht freundlich mit dem kind abgab. Die Frau war kränklich und reiste jeden Sommer in's Bad."

"Dann warst du mit ihm allein im haus?"

"Ja," erwiderte die Andere mit leiser stimme. Dann fuhr sie fort: "Anfänglich fiel mir nichts Böses dabei ein, dass er häufig lange dabei stand, wenn ich mit dem kind spielte oder es aus- und anzog, dass er auch wohl seine Hand auf die meinige legte, ja dass er mich zuweilen scherzend um den Leib fasste. Ich nahm das Alles ganz unbefangen auf, und umsomehr, da er gleich darauf wieder ernste und belehrende Worte zu mir sprach, von der Verdorbenheit der sündigen Welt, dass die Menschen im Allgemeinen so schlecht seien, voll Trug und Arglist, und dass sich namentlich ein junges Mädchen glücklich schätzen müsse, das in einem guten haus ein Asyl gefunden und dem treue Freunde zur Seite ständen. – Auch – – – auch," sagte sie mit stockender stimme, "auch betete er oft mit mir und nahm mich alsdann bei der Hand und schien so ergriffen zu sein, dass er mich am Ende zuweilen auf die Stirne küsste."

"Schön gemacht!" rief lachend Nanette; "den möchte' ich kennen!"

"Ich lernte ihn kennen," fuhr das junge Mädchen fort, indem ein Schauder über ihren Körper flog. "Aber erst, nachdem ich ein Jahr im haus war und vor ein paar Tagen. Die Frau war auf kurze Zeit zu ihren Verwandten gereist, und da eines Abends, als ich in mein Zimmer gegangen war und –"

"Das Uebrige kann ich mir denken," sagte Nanette, während sie mit einer Hand ein Stück von der Decke zusammen ballte; "du bist ein schwaches geschöpf, du hattest nicht den Mut zu widerstehen, auch nicht die Kraft dazu –"

"O ja," entgegnete die Andere, "ich hatte Kraft und Mut zum Widerstand. – Und das war vielleicht gerade mein Unglück. Gott im Himmel! als er mich mit geballten Fäusten verliess, da sagte er es mir vorher, gab mir auch noch eine halbe Stunde Bedenkzeit, mich seinem Willen zu fügen, sonst wolle er mich zertreten wie einen Wurm. Er sei der Herr und ich ein armes, wehrloses geschöpf, – seine Sklavin, ich müsse mich glücklich schätzen, wenn er ein Wohlgefallen an mir fände. – Eine halbe Stunde gäbe er mir Bedenkzeit, und wenn ich ferner ein angenehmes und vergnügtes Leben führen wolle, so solle ich meine Zimmertüre, die er offen stehen liess, hörbar schliessen und wieder öffnen. – Aber ich tat es nicht; ich warf die tür in's Schloss und schob den Riegel vor."

"Du hattest einen Geliebten?" fragte Nanette, indem sie lächelnd den Kopf herum wandte; "gewiss, du hattest einen!"

"Woher können Sie das wissen?" fragte erschreckt das junge Mädchen. Dann verbarg sie verzweiflungsvoll ihr Gesicht in das grobe Kissen und versetzte: "Ja, ich hatte einen; aber ich habe ihn verloren, wie Alles auf dieser Welt."

"Das habe ich mir gedacht. – Aber nun weiter! obgleich ich mir denken kann, was erfolgte."

Das Mädchen wischte ein paar Tränen aus ihren Augen, richtete sich in dem Bette empor und sagte mit leiser stimme: "Nein, Sie können sich das Schreckliche nicht denken, was nun erfolgte. Ich wurde am andern Morgen aus dem haus gejagt; – ich hätte gestohlen, sagte er. Was weiss ich, wie er es gemacht, aber als ich mit dem kleinen kind von der Strasse herein kam, war er mit der Köchin auf meinem Zimmer; ich musste meinen Koffer öffnen und da fanden sich allerlei Sachen, von denen nur der barmherzige Gott wissen kann, wie die hinein gekommen."

Bei diesen Worten drehte sich die andere langsam herum und schaute ihre Gefährtin mit einem langen und prüfenden Blicke an. Dann warf sie die Oberlippe in die Höhe, schüttelte mit dem kopf und sagte: "Das war sehr dumm. – Und die Polizei –? Doch was brauche ich da zu fragen! Ich kenn'