schaute sie darüber hinweg und war in tiefes Nachdenken versunken.
Nach einiger Zeit stiess die Jüngere sie an und sagte leise: "Können wir nicht irgend wohin zu Bette gehen? ich bin so furchtbar müde."
Nanette fuhr darauf aus ihren Träumereien empor, liess sich die Frage nochmals wiederholen und entgegnete alsdann: "Hast du Geld?"
"Noch zwei Gulden," versetzte die Blonde, "und ich will sie gern opfern, um mit Ihnen allein sein zu können."
"Nun, es ist mir am Ende auch lieber als hier auf der Bank," antwortete Nanette; "wir können noch ein wenig plaudern." Dann stand sie auf, ging zu der Alten hin und sagte ihr leise einige Worte.
Diese nahm aus ihrem Schrank einen Schlüssel und einen zinnernen Leuchter mit einem Talglichte und händigte Beides dem Mädchen ein, jedoch nicht eher, als bis sie vorher ihre knöcherne Hand aufgehalten und dafür einiges Geld in Empfang genommen hatte.
Nanette nahm die Harfe und ihr Bündel, die andere ihre Guitarre, und darauf verliessen Beide das Zimmer.
Der mit dem schwarzen Frack wandte den Kopf herum. – "Welche Nummer?" fragte er das Weib.
"Vierundzwanzig," entgegnete diese; worauf derselbe beruhigt mit dem kopf nickte.
Dreiunddreissigstes Kapitel.
Sklavengeschichten.
Die beiden Mädchen schritten unterdessen durch den langen gang bis an eine tür, hinter welcher sich eine Wendeltreppe befand.
Nanette, die hier genau Bescheid zu wissen schien, stieg voran, und ihre Gefährtin folgte ihr bei dem flakkernden Scheine der Talgkerze abermals über einen langen gang, dann wieder ein paar Stufen hinab, und so gelangten sie in Nummer vierundzwanzig.
Dies war ein ziemlich grosses und kahles Gemach mit einem schlechtem Tische und ein paar wackeligen Stühlen, einem Feldbett mit Strohsack und Wollenmatratze, über welche eine alte schwere Decke lag. Von Leintüchern war nichts zu sehen. Das Zimmer hatte zwei Fenster; in einem derselben fehlten mehrere Scheiben, der Wind sauste zuweilen herein, und Regen und Schnee hatten auf dem Boden eine artige Wasserlache gebildet.
"So, hier wären w i r in unserm Appartement," sagte Nanette; "sehr wohnlich sieht es gerade nicht aus, aber ich habe schon schlechter geschlafen. Du vielleicht auch?"
"Ich – – nicht," entgegnete die Andere, indem sie ihre Guitarre auf den Boden niedergleiten liess und einen trostlosen blick in dem öden Gemach umher warf; "ich gewiss nicht. Doch wie Gott will!"
"Schätzchen!" lachte Nanette, "ich glaube fast, du bist eine verwunschene Prinzess. Ich habe das gleich heute Abend gedacht, als du in der Scheune zu mir kamst. Es war mir das recht auffallend; aber du musst gestehen: naseweis bin ich nicht, denn ich habe dich eigentlich noch gar nicht gefragt, woher du so plötzlich kamst, wesshalb du so ängstlich und erschrocken tatest?"
"Das ist wahr," entgegnete das blonde Mädchen, "und ich danke Ihnen recht sehr dafür. Sie haben mich gerettet; – aber bin ich hier in diesem haus in Sicherheit? – Dabei schüttelte sie den Kopf und warf einen trostlosen blick umher."
"Ehe ich sagen kann, ob du hier in Sicherheit bist," versetzte Nanette, "muss ich zuerst wissen, was du zu fürchten hast. Als du heute zu mir kamst, da tat mir dein Jammern weh, und glücklicherweise konnte ich dir helfen. Die blonde Agnes war mir mit der ganzen Baarschaft davon gelaufen, hatte mir aber ihre Guitarre und, was wichtiger ist, unsere Legitimationspapiere hier gelassen, unter deren Schutz wir vorderhand sicher reisen können. – Dass du nichts von Musik verstehst, habe ich schon gemerkt; dein Kleidchen da schaut auch nicht nach langem Herumreisen aus; also denke ich, du bist irgendwo davon gelaufen."
Die Andere nickte stumm mit dem kopf und ein Schauder überflog sie, vielleicht, weil sie an die Vergangenheit dachte, vielleicht auch, weil in diesem Augenblicke gerade der Wind wieder heftig durch das Fenster herein sauste.
"Dich friert," sagte Nanette. "Weisst du was: lege dich in's Bett unter die Decke und wenn du warm geworden bist, so erzähle mir von deiner Sache, was du magst; ich höre gern allerlei Unglück; – und Gutes wirst du mir nicht viel zu berichten haben."
"Können wir nicht die tür verschliessen?" fragte ängstlich das junge Mädchen. "Ich sehe ja keinen Riegel."
"Die gibt's hier nicht," erwiderte Nanette achselzuckend; "das Verschliessen ist gegen die Hausordnung und wird namentlich auf den Zimmern, die wir bekommen, nicht geduldet."
Die Andere faltete die hände und sah ihre Gefährtin mit einem trostlosen Blicke an. Dann ging sie seufzend nach dem Bette und legte sich, da sie wirklich heftig fror, mit den Kleidern auf die Matraze und unter die Decke.
Nanette nahm einen der Stühle, rückte ihn an das ärmliche Lager und setzte sich so, dass sie sich mit dem Oberkörper und dem kopf ebenfalls auf das Bett legen konnte, worauf sie einen teil der Decke über ihren entblössten Busen zog. – "Also," sagte sie, "wo kamst du her, das heisst, wenn du mir dein geheimnis anvertrauen willst?"
"Es ist nur ein schreckliches Unglück, aber kein geheimnis," versetzte das junge Mädchen. "Ich kam aus dem