Rat geben: mach' dass du nach haus kommst, und wenn du ausnahmsweise einmal klug sein willst, so lass' dich in den nächsten vier Wochen nicht im Fuchsbau sehen."
"Das wird ihn wenig helfen, wenn e r ihn suchen lässt; und ich glaube fast, er hat ein Auge auf dich geworfen."
"Gleichviel; jetzt will ich trinken!" erwiderte der Andere, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug. "Wein her! – Und wenn du mir nicht auf mein ehrliches Gesicht borgen willst, alte Canaille, so nimm' hier meine Uhr; ich löse sie morgen wieder ein." Damit stand er auf, um zu dem weib zu gehen, die noch immer keine Silbe geantwortet hatte. Als er aber in die Gegend des Ofens kam, wo die beiden Mädchen sassen, blieb er lächelnd stehen, stützte beide arme auf den Tisch und sagte leise und widerlich lachend zu der Aelteren: "Ich versetze die Uhr nur um deinetwillen, Schatz, denn ich weiss, dass du eine kostbare Geliebte bist."
Das Mädchen zuckte verächtlich mit den Achseln, schlug alsdann die arme über einander und schaute ihn mit einem festen und unaussprechlich frechen Blicke an.
"Nun, nun," sagte er, halb zurückfahrend; "beiss mich nur nicht! Willst du denn nie und nimmer zahm werden, nie freundlich und nachgiebig?"
"O ja!" entgegnete das Mädchen laut lachend; "gegen Jeden, der mir gefällt, aber nie gegen dich – dich, unseres Herrgotts miserabelsten Knecht."
"Ich will dir was sagen," versetzte der Lakai; "was soll man sich mit dem dürren Holze abplagen, wenn grünes daneben wächst! Mach' mir Platz, ich will mich ein wenig bei der kleinen Blonden niederlassen. – Gott verdamm' mich! mach Platz, sag' ich, oder ich will dir zeigen, wo du her bist, Harfenmensch erbärmliches!"
Die Aeltere von den beiden Mädchen, die wohl wusste, dass hier eine kleine an ihr verübte Misshandlung nicht sehr beachtet würde, besonders da augenblicklich keiner ihrer Freunde und Beschützer da war, duckte sich auf die Seite, um dem Kerl zwischen sich und dem andern Mädchen Platz zu machen. Diese aber fasste verzweiflungsvoll ihren Arm, drückte sich fest an sie und flehte mit leiser stimme, sie möge sie um Gotteswillen nicht in der Gewalt des rohen Menschen lassen.
"Das pipst auch schon gegen mich," sagte er hohnlachend; "die hast du wahrscheinlich dressirt: es ist mir aber gleichviel, ob du freiwillig oder unfreiwillig mit mir gehst. Wer einmal hierher kommt, der bietet sich an; das ist von jeher so gehalten worden und wirst du nicht ändern wollen."
Das junge Mädchen schaute ihre Gefährtin mit einem verzweiflungsvollen fragenden Blicke an, als wenn sie sagen wollte: ist das so, spricht er die Wahrheit? – bin ich hier in die Gewalt eines Jeden gegeben, der seine Hand nach mir ausstreckt? – Es war das ein entsetzlicher blick, ein blick voll Jammer und unaussprechlichem Elend, den sie jetzt auf ihre ältere Gefährtin richtete. Dabei öffnete sie erschrocken den Mund, und zwei Tränen rollten langsam über ihre blassen Wangen hinab.
Der Lakai bemühte sich gerade, zwischen dem Tisch und der Bank herum zu kommen und sich neben seine Beute zu setzen, als er sich auf einmal auf die Schulter getupft fühlte. Er wandte sich um und sah den mit dem schwarzen Frack hinter sich stehen; dieser streifte ruhig die Asche seiner Cigarre mit den Fingern ab, dann sagte er im freundlichsten Tone von der Welt: "Lass deine Finger davon, Jakob, ich war eher da als du und habe mit der kleinen Mamsell schon Alles in's Reine gebracht. – Nicht wahr, mein Schatz?"
Das blonde Mädchen, dem sein Beschützer in diesem Augenblick nicht minder schrecklich erschien wie sein Verfolger, blickte in die Höhe und wusste nicht, was es antworten sollte.
"Sage nur ja," flüsterte ihr Nanette zu, "das ist doch Zeit gewonnen."
"Nicht wahr, mein Kind?" fuhr der Elegante fort, indem er sich unternehmend durch sein Haar strich; "wir kennen uns schon; sage nur ungenirt diesem Herrn, dass du mir unbedingt den Vorzug einräumen wirst. Ich denke, da wird keinem vernünftigen Mädchen die Wahl schwer werden."
Als ihre Begleiterin sie nochmals anstiess, hauchte das arme geschöpf ein leises Ja, worauf eine tiefe Röte ihr Gesicht überflog, und sie den Kopf weit herab auf die Brust sinken liess.
"Ich bitte, sich also nicht weiter zu bemühen," sagte der neue Beschützer zu dem Lakaien. "Komm hinter dem Tische vor und mach' keine Ungelegenheit. Wenn ich auch weiss, dass man Streitigkeiten hier nicht gerne sieht, so soll es mir doch gar nicht darauf ankommen, dir nötigenfalls ein paar Knochen im leib zu zerschlagen. – Aber darum keine Feindschaft."
"Nein, um solche Waare gewiss keine Feindschaft," entgegnete der Lakai, der sich schnell fasste, die Sache in einen Scherz verwandelte und darauf lustig lachend hinter dem Tische vorkam, worauf Beide zusammen sich wieder an ihren alten Platz zurückbegaben.
Die Mädchen blieben stumm neben einander sitzen; Nanette hatte ihre beiden hände vor sich auf den Tisch gelegt und schien aufmerksam ein paar Ringe an ihren Fingern zu betrachten, in Wahrheit aber