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, welche den Löffel neben sich gelegt hatte, war ein schlankes, schmächtiges Mädchen mit einem schmalen, bleichen gesicht und blondem Haar. Ihre blauen Augen konnte man selten sehen, da sie meistens vor sich niedersah; ihre Züge drückten Bescheidenheit, Furcht und Scham aus; auch schien sie sich in ihrer Umgebung gar nicht behaglich zu fühlen, denn wenn sie, was bisweilen geschah, einen schnellen blick rings durch das Zimmer und über die nebensitzenden Männer laufen liess, so überflog ihre blassen Wangen eine leichte Röte, und wenn je einer vom anderen Tische herüber sah, so schrak sie ordentlich zusammen.

Der in der Livrée hob sein fast leeres Glas in die Höhe, schlürfte den letzten Tropfen daraus, und wandte alsdann seinen Kopf der Alten zu, die in ihrem Lehnstuhle zu schlafen schien.

"He da! Wein!" rief er, indem er seine leere Flasche auf den Tisch stiess.

"Zuerst Geld," entgegnete die Alte, ohne ihre Stellung zu verändern.

"Geld?" sagte der Andere, gezwungen lachend. "Ich habe keins mehr; du kannst ankreiden oder kannst mich auch meinetwegen traktiren. Es wäre nicht mehr als billig, wenn wir Alle hier auf Unrechtskosten lebten."

"Gebt ihr Geld, so bekommt ihr Wein," erwiderte ruhig die Alte.

"Ich sage dir aber, ich habe keinen Kreuzer mehr."

"Und Durst für viele Gulden," meinte der mit dem roten Haar.

"Es ist mein Ernst," fuhr der in der Livrée fort, "dass du es aufschreiben sollst, Alte. Man wird doch wohl hier in dem verfluchten haus noch Kredit haben?"

"Ihr aber habt in dem verfluchten haus nicht den geringsten Kredit mehr," erwiderte das Weib. "Ueberhaupt habt ihr genug gesoffen und könnt nach haus gehen."

"Du willst uns heimschicken?" entgegnete der Andere höhnisch. "Ich habe nun einmal Lust, die ganze Nacht da zu bleiben; ich will Wein haben und da die Harfenmädel sollen aufspielen. nachher bitte ich mir ein Zimmer aus; – was meinst du, Nanett?" – Dabei kniff er gegen das ältere der beiden Mädchen das linke Auge zu.

Die Alte würdigte ihn übrigens gar keiner Antwort mehr.

"Na, ich gebe dir noch einen Schluck," sagte der im schwarzen Frack, indem er seine Cigarre aus dem mund nahm und seine etwas gelben Vatermörder in die Höhe zupfte. "Du bist trotz deiner glänzenden Livrée doch ein armes Luder. Ich möchte nicht in deinem Rocke stecken."

"Bah! Und warum nicht? – Wegen des elenden Messerstichs?"

"Ja, ja, wegen des elenden Messerstichs!" lachte der mit dem roten Haar, indem er seinen Kopf erhob und mit der frei gewordenen Faust sein Glas ergriff, das er austrank.

"Wie war doch die geschichte eigentlich?" fragte der elegant Aussehende.

Der Gefragte warf ihm einen prüfenden blick zu, der sagen wollte: kann ich dir auch trauen oder hast du vielleicht im Sinne, die geschichte irgendwo zu berichten? – doch zuckte er gleich darauf die Achseln und sprach wie zu sich selber: "Teufel! es ist ja ziemlich bekannt und es fällt mir auch gar nicht ein, es zu leugnen. – Wir brachen in der Vorstadt ein, wie ihr Alle wisst, Tomas, der schwarze Johann und ich."

"Bei deinem Herrn?" sagte lachend der Eine.

"Aber nicht in seiner Livrée!" meinte der Andere.

"Lasst doch eure schlechten Spässe! – Genug, wir brachen ein, – es ist eigentlich kein Einbruch zu nennen, denn ich hatte ja alle Riegel zurückgeschoben; auch ging Alles glücklich von statten, – wir nahmen eine hübsche Summe und Silbergeschirr, nachdem wir vorher den Alten gebunden, und kamen glücklich in's Freie."

"Dabei hättest du es auch belassen sollen," sagte der mit dem roten Haar. "Wesshalb gingst du wieder zurück?"

"eigentlich nur in der Absicht, um nachzusehen, ob wir ihn auch recht fest gebunden. Und meine Vorsicht war nicht unnötig, denn er hatte die rechte Hand frei gemacht und wollte sich gerade den Knebel aus dem mund ziehen; desshalb gab ich ihm einen tüchtigen Messerstich."

"Falsch! falsch!" versetzte der im schwarzen Frack, indem er den Dampf der Cigarre weit von sich blies. "Er wurde noch am andern Morgen fest gebunden und geknebelt gefunden, und die Zeitungen machten nun ein grosses Geschrei wegen der Unmenschlichkeit der Räuber. Wie hiess es doch? – Eine solche Tat muss um Rache schreien, und die Vergeltung kann nicht ausbleiben. Nicht genug, dass die eingedrungenen Verbrecher den armen Mann knebelten, einer dieser Bösewichte kehrte auch zurück und versetzte ihm aus teuflischem Mutwillen mehrere Messerstiche."

"Hörst du?" sagte der Rotaarige. "Aus teuflischem Mutwillen! Und das soll der H e r r gewaltig übel genommen haben."

"Welcher Herr?" fragte der andere in naseweisem Tone und warf verächtlich die Lippen auf.

"O Bürschlein, Bürschlein!" lachte der im schwarzen Frack; "nimm dich zusammen; hier haben die Wände Ohren."

"Was geht das mich an? – Bin ich desshalb ein Dieb geworden, um mich schulmeistern zu lassen? Das sollte mir fehlen!"

"Er hat zu viel getrunken. – Ich will dir einen guten