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-Präsidenten. Er, ein grosser korpulenter Mann mit einem breiten roten gesicht von etwas blutdürstigem Ausdruck, sie, scharf und schneidend im Aeussern, in Reden und Bewegungen, konnte an seinem arme sehr wohl als Symbol des Schwertes der Gerechtigkeit dienen. Beider Sohn schritt hinter ihnen drein, eine noch nicht vollkommen erklärte Grösse, die sich ebenfalls dem Criminalistischen zugewendet hatte, dem Aeussern nach eine schlechte Copie des Vaters und bei allen jungen Damen sehr gefürchtet war, denn da er nichts Besseres zu reden wusste, so unterhielt er sich von seinen Gerichtssitzungen und erzählte gern die schauderhaftesten Mordgeschichten. – Die ganze Familie schritt äusserst würdevoll daher, aufrechten Hauptes, steif und grossartig, als eröffneten sie den Zug irgend eines zum tod Verurteilten.

Glücklicherweise aber erschien hinter ihnen das wohlgenährte freundliche Gesicht eines jovialen Steuerrats mit Gemahlin, drei Töchtern und zwei Söhnen, und verwischte so das angedeutete traurige Bild. Der Steuerrat begnügte sich nicht mit einem stummen Kopfnicken, sondern er versicherte, dass er sich schon den ganzen Morgen ungeheuer auf die probe gefreut habe, dass er mitwirken werde, es aber unter einem Adonis oder Apollo schon gar nicht tue, und dass er ferner hoffe, es komme auch irgend eine Rolle in einem Genrebild vor, wo er sich als Fiedler auf dem Fasse auf's Prächtigste ausnehmen würde.

Er würde noch mehr dergleichen vergnügtes Zeug geschwatzt haben, doch erschien jetzt sein Chef, der Obersteuerdirektor, ein noch nicht alter, vornehmer Herr mit mehreren Ordensbändern und zwei blühenden Töchtern, bei deren Anblick der Maler, der wieder ziemlich verdrossen nach seiner Fensterecke zurückgekehrt war, ein freundlicheres Gesicht machte. Diesen beiden Mädchen waren natürlicherweise Hauptrollen zugedacht, und sie wussten wohl, dass sie hiezu berechtigt waren. Sie begrüssten die Kommerzienrätin herablassend, Marianne freundlich, die andern jungen Damen sehr oben hinüber, und der junge Jagdhund, sowie der blutdürstige Criminalist, die ein freundliches Wort anbringen wollten, wurden gar nicht beachtet.

Nach und nach kamen jetzt immer mehr der Eingeladenen, unter Anderem auch der Bankpräsident, ein bleicher, dicker Mann mit ausserordentlich spärlichem Haarwuchs, das heisst auf dem kopf. Auf den Zähnen hatte er aber desto mehr, und er war mehr wegen seiner ausserordentlichen Grobheit als seiner Umsicht bei den Geschäften der Bank berühmt. Als vornehmerer Kollege des Kommerzienrats wurde er von der Dame des Hauses durch ein Aufstehen vom Sopha geehrt und ihm gleich ein Fauteuil untergeschoben, auf dem er sich auch niederliess, ohne in seinem durch Nichts berechtigten unergründlichen Hochmute die übrige Gesellschaft weiter eines Blickes zu würdigen.

Als die Kommerzienrätin vorhin aufstand, verband sie als kluge Frau dabei das Angenehme mit dem Nützlichen; denn nach dem Empfang des Bankdirektors begab sie sich in das anstossende eigentliche Vorzimmer, um dort jene Klasse von Gästen zu empfangen, die es nicht so recht wagten, in das Gemach vorzudringen, wo sich die höchsten und allerhöchsten Herrschaften des Honoratiorenstandes befanden.

Auch Artur folgte seiner Mutter in dieses Nebenzimmer, denn er wusste, dass dort eine grössere und angenehmere Auswahl für die lebenden Bilder sein werde.

Hier fand sich denn auch bald eine zahlreiche Gesellschaft zusammen, und wuchsen auf dieser Schichte der menschlichen Gesellschaft, die um einige Grade tiefer stand, schon anmutigere Blumen als droben auf der Höhe bei der dürren Vegetation. Hier waren jüngere Kaufleute mit ihren Frauen, versprechende Beamtentöchter, jüngere Räte und Rätinnen, und Alle lachten, plauderten und summten vergnügt durcheinander, während drinnen nur hie und da ein ernstes und gemessenes Wort fiel.

Dort füllte es sich aber auch nach und nach, denn es wanden sich immer noch dürre Tannen in Gestalt von Regierungs- und Oberregierungsrätinnen, und kümmerliche Fichten, sowie mageres Gestrüpp aller Art, ältliche Gemahlinnen von Finanzdirektoren, geheimen Hofräten und dergleichen mehr durch das frische und noch grün belaubte Unterholz des Vorzimmers, um die Höhe des Lebens zu erreichen, wo sie eigentlich hingehörten.

Artur spähte nach seinem Freunde, dem Doktor F., der noch immer nicht erschienen war; aber er hatte als Arzt viel zu tun und musste vorerst seine Geschäfte besorgen, ehe er an das Vergnügen denken konnte.

Da es übrigens drei Uhr geworden war, so liess die Kommerzienrätin die Flügeltüre zu dem besprochenen grünen Salon öffnen und die Menge strömte dort hinein. Das jüngere Volk eilte alsbald zu den Staffeleien und betrachtete die aufgestellten Bilder, wobei sich beinahe Jedes eine Rolle aussuchte, die, so sagte man, für seine Persönlichkeit wie gemacht sei. Einige waren dabei bescheiden und meinten, sie würden sich mit Diesem und Jenem begnügen, Andere aber hielten sich für jede Rolle passend; und leider befanden sich Letztere in der Mehrzahl.

Artur wurde von allen Seiten bestürmt, geschwinde anzugeben, auf welche Art er die Figuren verteilt habe; doch er war klug genug, diess nicht zu tun und versicherte, er müsse nach der Ordnung verfahren und zu einem Tableau nach dem andern die betreffenden Namen aufrufen.

Das ging nun ziemlich gut von statten, doch nicht ohne leise Reklamationen der Kommerzienrätin und sehr laute Einreden der betreffenden Damen.

Der Maler musste schon in einen sauern Apfel beissen, und manche gelbe und magere Rätin als jugendliche Erscheinung vorschieben, während frische Mädchengesichter hinten zu stehen kamen. Dabei überliess sich Artur auch zuweilen einer lustigen Laune; so übergab er zum Beispiel die Rolle des Holofernes dem Obertribunal-Präsidenten mit dem wilden Gesichtsausdruck, stellte den Bankdirektor als Judas Ischariot und bildete aus drei der vornehmsten und stolzesten Damen eine Gruppe, die er als Nymphen bezeichnete, die aber in Wahrheit Furien vorstellten