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er sich doch bis heute nicht veranlasst, meinem Karl einige versöhnliche Worte zu schreiben.

Sonst wie immer

deine treue Freundin

Louise."

Marianne hatte bei dem Vorlesen dieses Briefes die Lippen zusammengebissen, Alfons zuckte nach Beendigung desselben mit den Achseln. "Ich kann da nichts sagen und tun," meinte er. "Wenn Madame glaubt, ihr Herr Sohn habe Recht, so kann ich mir das ruhig gefallen lassen; ich aber behaupte, er hat Undiese jungen Herren ihre Zudringlichkeiten fühlen zu lassen."

"Und was hat denn der, von dem es sich handelt, so Schlimmes begangen?" fragte ernst die alte Dame.

"Auf dem letzten Balle," sagte Alfons sehr wichtig und ruhig, "tanzte er mit Mariannen zweimal. Ich hatte nichts dagegen; als er sie nun aber gar zum dritten Male auffordern wollte, verbat ich mir das, und da erlaubte er sich einige unpassende Bemerkungen, die ich ihm aber sehr passend zurückgab. Ich halte sehr auf den Anstand, Mama, wie Sie wissen, und will nicht, dass meiner Frau gegenüber etwas geschieht, worüber die Leute die Nase rümpfen können."

"So etwas wird Marianne wohl schon selbst nicht tun, Herr Schwiegersohn," erwiderte die Kommerzienrätin. "Uebrigens sehe ich gar nicht ein, wie ein dreimaliges Tanzen mit dem Sohne eines sehr befreundeten und sehr achtbaren Hauses unanständig sein könnte."

"Ich sehe das auch nicht ein, Mama," sagte die Tochter mit leiser stimme.

"Das mag sein," entgegnete Alfons mit erhobenen Augenbrauen, indem er die rechte Hand unter den Rock auf seine Brust steckte. "Es mag sein," wiederholte er bestimmt, "dass meine Begriffe von Schicklichkeit und Anstand etwas genau und scharf ausgeprägt sind, aber ich halte sie einmal fest, wie ich sie fühle; und man tut in dem Punkt lieber zu viel als zu wenig."

"Sie hatten nachher in einer Ecke des Saals tüchtige Händel zusammen," flüsterte Eduard dem Maler zu, worauf Artur beistimmend mit dem kopf nickte.

"Und es sollen da allerlei Dinge zur Sprache gekommen sein," fuhr der Andere fort, "die sich mit seinen scharf ausgeprägten Begriffen von Anstand und Schicklichkeit nicht gut vereinigen liessen."

"Ich war nicht da," entgegnete Artur zerstreut.

"Nun," sagte Eduard, "der junge Mann liess ein paar Worte fallen, die Marianne tief verletzen müssten, wenn sie dieselben erfahren hätte. Es war das bekannte Tema, dass man Niemand hinter dem Busch suche, wenn man nicht selbst stark seinen Aufentalt daselbst genommen."

Man kann sich denken, dass nach dem, was soeben in der Familie vorgefallen und was wir dem geneigten Leser erzählt, die Gesichter der sämmtlichen Anwesenden durchaus nicht, wie man zu sagen pflegt, mit einem rosigen Schimmer übergossen waren, vielmehr schien Eines noch düsterer und verstimmter als das Andere. Doch gab es ein gutes Mittel dagegen, den Anfang der probe nämlich und das erscheinen der ersten Gäste.

Es ist wahrhaft erstaunlich, was der Mensch Alles kann, wenn er will, und wie sich hier, sobald man Schritte auf der Treppe hörte, die Züge Aller aufheiterten, die Augen einen anderen Ausdruck erhielten, und die Gesichter mit einem freundlichen Lächeln überstrahlt wurden. Bei Manchem gelang diese Umwandlung zwar erst nach einiger Anstrengung, aber sie gelang doch. Die Kommerzienrätin trommelte und hustete nicht mehr, Marianne sass sanft gegen sie hingebeugt, als habe sie ihr irgend eine zärtliche Bemerkung in's Ohr geflüstert; ja Alfons, der eben noch so verstimmte Alfons, stützte die rechte Hand auf den Tisch, während die linke soeben erst von der Schulter seiner Frau herabgeglitten zu sein schien. Es war das in Wahrheit eine rührende Gruppe.

Eduard hatte sich ebenfalls an den Fauteuil seiner Frau begeben und flüsterte ihr zu: "Es kommen Leute, wie du weist, Berta, mach doch ein freundliches Gesicht und zeige wenigstens nicht vor der Welt deine ewige und traurige Verstimmung!"

Artur zuckte verstohlen die Achseln und dachte: "Lasst den Doktor F. und seine Frau nur einmal bei der probe gewesen sein, so wird das Andere sich schon machen" – worauf auch er eine heitere Miene annahm.

Kurz es war erstaunlich, wie das ganze kommerzienrätliche Haus nun auf einmal das Bild der Zufriedenheit und Heiterkeit bot; Alle sahen aus wie das personifizirte Wohlwollen gegen einander und gegen die äussere Welt, und hätte die Kommerzienrätin ihren stechenden blick und ihre lange spitze Nase verbergen können, so würde die Gruppe auf dem Sopha sogar eine liebliche gewesen sein.

Einunddreissigstes Kapitel.

Winterhalter's Decamerone.

Da öffnete sich die tür und es erschien zuerst die Familie des Oberregierungsrats von D., für heute aus drei erwachsenen Töchtern bestehend, die von einem emporgeschossenen, noch ziemlich grün aussehenden Bruder, der die gegründetste Hoffnung hatte nächstens zum Justizreferendär zu avanciren, in Abwesenheit von Mama chaponirt wurden. Mama, eine gute, aber etwas dicke und alte Frau, hatte nur eine Einladung zum Zusehen erhalten, wogegen der Vater wegen seiner Amtsgeschäfte unmöglich erscheinen konnte.

Wenn wir sagen, dass Artur die Töchter zur Ausfütterung irgend eines dunkeln Hintergrundes bestimmt hatte, so ist ihr Aeusseres sattsam beschrieben. Was den Bruder anbelangt, so war es schade, dass keine Tierstücke gestellt wurden: er hätte in seinen unbeholfenen, schweren Bewegungen die Stelle eines jungen Jagdhundes vortrefflich ausgefüllt.

Ihnen folgte in majestätischem Aufzuge die Familie des Obertribunal