die passendste gelegenheit, seiner missstimmten Frau einige Aufmerksamkeit zu widmen.
Er näherte sich dem Fauteuil und sagte leise: "Du hast vorhin wissen wollen, was es mit den F.'s für eine Bewandtniss habe, und wesshalb man sie nicht gern in die Gesellschaften ziehe?"
"O, es ist mir ganz gleichgiltig, wenn ich es auch nicht weiss," entgegnete Madame.
"Aber du fragtest ja darnach!" sprach Eduard eifriger.
"Ja, wie man so fragt."
"So will ich es dir sagen," flüsterte er. "Den Doktor F. kennst du ja – er ist einer unserer geschicktesten und talentvollsten ärzte, noch sehr jung, hat aber schon eine sehr grosse Praxis."
"Allerdings grösser als die deinige," entgegnete die liebenswürdige Frau.
Eduard biss sich auf die Lippen, bemeisterte sich aber und fuhr ruhig fort: "Der Vater der Doktorin ist ein unbedeutender Rechnungsbeamter – eine arme aber brave Familie. Doch ist ein Fehltritt vorgekommen, – – mit ihrem jetzigen mann natürlich. Die Sache konnte nicht verheimlicht werden, denn ihr ältestes Kind kam etwas frühzeitig auf die Welt."
"Das ist die ganze geschichte?"
"Das ist Alles, was man der Frau nachsagen kann, denn sonst ist sie ein Muster von Ordnung, liebt ihren Mann und erzieht ihre Kinder auf's Sorgfältigste."
"Unbegreiflich!" entgegnete hierauf Madame, und im Gegensatz zu dem soeben geführten Gespräch mit so lauter stimme, dass man es deutlich im ganzen Zimmer hören konnte. – "Das kommt ja zuweilen vor; ist denn nicht eurer Cousine Emma, der jetzigen Hauptmännin S., ganz die gleiche geschichte passirt?"
"Nun ja; sprich doch leise!"
"Und davon hat man ja gar kein Aufhebens gemacht; die kommt ja nach wie vor in alle Gesellschaften," sagte Madame noch lauter.
Die Kommerzienrätin war bei diesen Worten heftig zusammengeschreckt, sie hustete und trommelte abwechselnd und war schon im Begriffe, ihrer Schwiegertochter eine passende Antwort zuzuschleudern, doch fragte Artur in diesem Augenblicke ziemlich gelassen:
"Nun, Mama, was beschliessen Sie wegen – dieser geschichte? Die Zeit drängt; wir haben nur noch einige Minuten Zeit, und ich bin überzeugt, dass Doktor F. sehr pünktlich sein wird."
"Das glaube ich auch," versetzte Alfons höhnisch lachend. "Solch eine gelegenheit kommt nicht sobald wieder."
Die Kommerzienrätin hatte ihren Entschluss gefasst. Sie trommelte noch leise auf den Tisch, dass es klang wie ein dumpfer entfernter Donner. Dann sagte sie: "Die Sache ist nun einmal geschehen, und kann ich, ohne den Anstand des Hauses zu verletzen, nichts mehr daran ändern; ich will dich also vor den Leuten nicht blossstellen, dagegen sei es deine Aufgabe, die F. äusserst wenig in den Bildern zu beschäftigen, vielleicht nur in einem, wozu ich selbst mit Sorgfalt die anderen Personen aussuchen werde. Und dieses Bild, worin sie plazirt werden soll, wird alsdann in der Aufführung begreiflicherweise nicht gestellt; du hast das also dem Doktor F. zu unterbreiten und ihn zu veranlassen, bei der Vorstellung nicht unter den Mitwirkenden zu erscheinen. Wie du es anfängst, ist deine Sache; möge es dir recht schwer werden, denn die Voreiligkeit, die du begangen, verdient ihre Strafe!"
Artur kannte seine Mutter und wusste, dass vorderhand eine Erwiderung zu nichts führen würde. Er trat an das Fenster zu Eduard und zeichnete gedankenvoll mit seinem Nagel eine fürchterliche Fratze auf die angelaufene Scheibe.
"Hast du was mit – der wasser gehabt?" fragte Eduard.
"Nein," entgegnete Artur, "aber ich mag die Familie nicht, das wissen sie wohl. Ihre Töchter, die aufdringlichen Schneegänse, hassen mich ganz besonders; ich hätte sie einmal zeichnen sollen, habe mich jedoch für diese Ehre bedankt."
"Wesshalb hasst denn die Tutelar-Rätin die Doktorin F. so grimmig?"
"Das ist sehr einfach; es hat der wasser selbst die grösste Mühe gemacht, in den Kreisen der Gesellschaft, wo sie jetzt gelitten ist, durchzudringen. Und das mit einigem Recht, weil über ihre Familie ein sehr rätselhaftes Dunkel schwebt und weil sie eine boshafte, gallsüchtige kleine person ist. Hauptsächlich aber dringt sie auf Ausschliessung der F., weil sie doch gar zu schlecht neben ihr aussehen würde. Denke dir die schöne Doktorin und die kleine, halbverwachsene Frau ohne alle Taille, mit ihrem gelben Teint und dem bösartigen blick!"
"Pfui, Artur!" sagte Eduard lächelnd, "man sollte ja glauben, du seiest in einer Kaffeegesellschaft. Wie kann man sich so ereifern! – Sei jetzt stille, Mama hat ihren zweiten Brief gelesen und ihn Alfons übergeben. Er soll ihn vorlesen, sagte sie; geben wir achtung!"
Alfons nahm in der Tat das zweite Billet aus den Händen seiner Schwiegermutter und nach einem gebieterischen Kopfnicken von Seiten derselben las er:
"Liebe Lotte! Deine Einladung habe ich allerdings erhalten, es ist mir aber wahrhaftig unmöglich, davon Gebrauch zu machen. Wie sich wohl von selbst versteht, wird dein Schwiegersohn, Herr Alfons, mitwirken, und da kann ich meinem Sohn doch nicht zumuten, mit von der für uns so angenehmen Partie zu sein. Du weisst, dass sie einige heftige Worte zusammen hatten, und obgleich sich dein Schwiegersohn im grössten Unrecht befand, so sah