1854_Hacklnder_152_116.txt

"erstens, weil ich auf deine Bitten die Vorstellung geduldet, zweitens, weil sich die Leute, so lange sie hier sind, nicht unanständig aufgeführt, und drittens, weil, wie die verwittwete Tutelar-Rätin ganz richtig bemerktdas bei einer grossen Soirée in der Menge verschwindet."

"Aber F.'s waren auch später noch einmal da," sagte Artur, indem er den Brief leicht auf den Tisch warf und die rechte Hand fest auf diesen stützteeine Haltung, die Jemand annimmt, der zum ernstesten Widerstand entschlossen ist.

Die Nase der Kommerzienrätin erhob sich einen halben Zoll höher. Sie hörte auf zu trommeln und griff nach ihrem Sacktuche, in das sie leise hinein hustete. – "Allerdings hast du Recht," fuhr sie darauf mit nicht weniger Ruhe fort, als ihr Sohn; "das geschah abermals auf deinen dringenden Wunsch und war eine ganz kleine Gesellschaft, die ich mit grosser Umsicht für die F.'s ausgesucht. Dabei war unter Anderem der Buchhalter deines Papa's nebst seiner Frau, deinFreund und Kollege, der Professor C. und ähnliche Leute. – Aber die geschichte, die in dem Briefe angedeutet ist, wie ist es damit?"

"Doktor F. wurde mit seiner Frau von Ihnen zum Zusehen eingeladen, ist also doch einmal von der Gesellschaft. Da ich nun die Frau in einem der Bilder sehr gut brauchen kann," fuhr Artur in sehr entschiedenem Tone fort, "so bat ich ihn ebenfalls zur probe. – So ist die geschichte, und also hat die verwittwete Tutelar-Rätin Recht."

"Ah!" machte die alte Dame, und ihre Augen schossen ein paar Blitze auf den ungeratenen Sohn. Sie ergriff darauf abermals ihr Taschentuch und hustete stärker hinein als früher. Dann brachte sie ihre rechte Hand wie vorhin auf den Tisch und begann ihr Trommeln von Neuem. Diesmal aber war es unverkennbar der Rhytmus eines Sturmmarsches.

Einen Augenblick schaute sie alsdann fragend im Kreise umher, als wollte sie jeden Einzelnen auffordern, über diese unerhörte Tat einige missbilligende Worte zu sagen.

Aber Alle schwiegen; nur Alfons neigte den Kopf auf die Seite, lächelte fatal und sagte: "Das hättest du nicht tun sollen, Artur."

"Und warum nicht?" fuhr dieser auf.

"Weil die F.'s nun einmal nicht zu unsererGesellschaft gehören."

"Sie sind uns vorgestellt, sie kommen in unser Haus!"

"Aber sie haben nicht das Recht, eine Einladung zu prätendiren; sie sind nur geduldet," meinte Alfons, während er seine Brille näher an die Nase drückte.

"Und wesshalb sind sie bloss geduldet?" brauste der Maler stärker auf. "Wer hat das Recht, den Doktor F., dessen Name, ja dessen kleiner Finger mehr wert als zwei Dutzend Rätinnen mit ihrem Anhang, nur zu dulden? Wer kann sich unterstehen, dieser braven Frau gegenüber von Duldung zu sprechen? – einer ehrbaren, verständigen, musterhaften Frau, in jeder andern Stadt eine Zierde der Gesellschaft."

"Und eine schöne Frau," sagte Alfons höhnisch.

"Ja wohl, eine schöne Frau, Alfons!" rief der Maler. "Das wirst du, wie ich mich erinnere, ganz genau wissen, und ebenso kannst du mir am besten beistimmen: eine brave und t u g e n d h a f t e Frau. – Nicht wahr, Alfons, davon –"

Er wollte sagen: "davon hast du einst Beweise erhalten," aber er bemeisterte sich glücklicherweise, doch wohl nur, weil er einem bittenden blick seiner Schwester Marianne begegnete.

"Was ist es denn eigentlich mit dieser Frau?" fragte die Schwiegertochter der Kommerzienrätin von ihrem Fauteuil aus, ohne aber ihre Lage dabei im Geringsten zu verändern.

"Das will ich dir sagen, Berta," fuhr der Maler fort. "Wir sind ja hier unter uns."

"Stille!" rief die Kommerzienrätin. "Nach deinen heftigen Reden von vorhin zu schliessen, bitte ich mir aus, dass du es unterlässt, diesen Punkt vor den beiden Frauen zu erörtern. Ueberhaupt gehört das nicht hierher, und ich möchte mir fast erlauben, den Papa herauf rufen zu lassen, um mich mit ihm zu besprechen, was in diesem eigentümlichen Falle zu tun wäre."

"O, dazu brauchen Sie nicht den Papa," erwiderte Artur nicht ohne Beziehung; "Sie werden schon selbst einen Entschluss fassen, Mama. Aber Sie wissen um die Sachlage; ich habe den Doktor F. mit seiner Frau nun einmal eingeladen, er wird in einer Viertelstunde da sein. Haben Sie nun vor, etwas gegen ihn zu tun und mich so zu compromittiren, so verlassen Sie sich darauf, dass ich mich nicht scheuen werde, die Sache Jedermann zu erzählen, der sie hören will!"

Während die Kommerzienrätin, ohne viel auf die Rede ihres Sohnes zu achten, mit sich zu Rate ging, was hier zu beschliessen sei, näherte sich der arme Eduard seiner Frau; er hatte schon vorher alle Versuche gemacht, einen freundlichen blick von ihr zu erhaschen, aber sie schien heute nun einmal für nichts Anderes Sinn zu haben, als für den grauen winterlichen Himmel, den sie mit der grössten Aufmerksamkeit betrachtete. Jetzt aber, wo sie auf ihre Frage von vorhin keine Antwort erhalten, schien es dem unglücklichen zuvorkommenden Ehemann