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tun und kann also nichts in Unordnung bringen."

"Sie geht selbst auch nicht hinein; aber sie lässt meine Papiere, meine so zierlich aufgestellten Sachen den Kindern zum willkommenen Spielzeug."

"Das ist freilich arg."

"So komme ich denn gestern nach haus; sie ist in ihrem Salon, unsere Mägde halten Kaffeegesellschaft im Hinterzimmer, mein Herr Sohn und meine fräulein Tochter beschäftigen sich gerade damit, aus ganz wichtigen medizinischen Gutachten, die ich da liegen habe, Düten zu schneiden, in welchen sie meinen feinen Tabak und Streusand unter einander mischen, um sich einen Laden zu arrangiren. Dazu haben sie meine Pfeifen von den Gestellen herabgenommen, ein paar sind schon zerbrochen, und ich komme noch gerade recht, um grösseres Unheil zu verhüten."

"Da würde ich in Zukunft mein Schreibzimmer abschliessen und den Schlüssel beständig bei mir tragen."

"Allerdings hätte ich vielleicht dort Ruhe, aber um nicht den ganzen Tag Ursache zum Aerger vor mir zu sehen, müsste ich schon das ganze Haus abschliessen und Niemand darinnen lassen als mich und meine Kinder. Du hast gar keine idee davon, Artur, was diese Frau für ein Talent zur Unordnung besitzt; es ist dies ein wahres Talent zu nennen und wäre unter anderen Bedingungen erstaunenswert. Sie schliesst keine tür und kein Fenster, sie legt keinen einzigen Gegenstand an den gehörigen Platz; lässt sie sich einmal herab, dem Hund sein Futter zu geben, so bekommt er dasselbe in irgend einer meiner kostbaren japanischen Tassen; zieht sie eine Uhr auf, so sprengt sie entweder die Feder oder verwickelt die Ketten in einander. – Nun, von ihrer Toilette will ich gar nicht sprechen, das hast du ja vor Augen und wirst es mir desshalb glauben. Betrachte sie ein einziges Mal, ob der Anzug, den sie trägt, vollkommen zu einander passt! Ich wette hundert gegen eins, dass dir eine ganze Menge Unordnungen beim ersten Anblick in die Augen springen werden. – Siehst du, Artur, und das macht mich unaussprechlich elend; ich befinde mich den ganzen Tag in einer krankhaften Aufregung."

"Wodurch du aber die Sache nicht besser machst," entgegnete der Maler. "Eben diese krankhafte Aufregung ist schuld, dass du wie ein Falke nach Allem spähst und gewissermassen froh bist, wenn du etwas findest, was dir gestattet, diese Aufregung explodiren zu lassen."

"Nein, gewiss nicht."

"Was du mir da Alles erzählt hast, sind an sich nur Kleinigkeiten; aber obgleich ich mir wohl denken kann, dass sie dich auf's Tiefste verstimmen, wenn sie beständig vorkommen, so solltest du dir doch einmal fest vornehmen, dich dadurch nicht zum Zorn hinreissen zu lassen, sondern ruhig und bestimmt das zu sagen, was du sagen willst, dann dich auf dem Absatz umzudrehen und deiner Wege zu gehen."

"Du hast Recht, lieber Artur," versetzte seufzend der Bruder. "Wenn ich das nur könnte! Aber ich bin es nicht im stand; wenn ich zu haus nur einen einzigen Menschen hätte, der es mit mir hielte, der mich unterstützte! Aber ich versichere dich, bis auf die Kinder hinab komplottiren sie gegen mich. – Und erst unsere Dienerschaft! Die handelt vollkommen nach dem Beispiel von Madame. – Unordnung und Gleichgiltigkeit vornen und hinten."

"Aber denen kannst du doch befehlen."

"Ich befehle auch, um von ganz gewöhnlichen Dingen zu reden, dass zum Beispiel meine Kinder Punkt acht Uhr jeden Morgen ihren Kaffee haben sollen, und zwar an einem bestimmten Tische; ich setze es nicht durch, Gott bewahre! Eins wird im Bett gefüttert, das andere verzehrt sein Frühstück auf dem Waschtisch, und ich bin schon dazu gekommen, dass Oskar in aller Gemütlichkeit sein Brod in das Seifenwasser tunkte und dann aufass. Sollen Einem da nicht die Haare zu Berge stehen?"

Artur zuckte beistimmend die Achseln.

"Du weisst, ich will immer um e i n Uhr zu Mittag speisen," fuhr Eduard fort; "aber ich bringe es nicht dahin. Bald will sie Nachmittags etwas vorhaben, und es steht dann die Suppe schon nach zwölf Uhr auf dem Tisch, bald ist es Zwei und ich mag klingeln wie ich will, es erscheint Niemand. – Das sind freilich Alles keine grossen Sachen, aber es ist viel schlimmer als ein schweres Unglück, das uns betrifft und mit einem Mal zu Boden schlägt, – es martert uns mit beständigen Nadelstichen zu tod."

"So wird also deinen Befehlen nicht Folge geleistet, und wenn du hie und da eine Scene aufführst, was nicht selten bei dir vorkommt –?"

"So habe ich selbst den Schaden davon. Madame zieht bei dem leisesten Wort ein Gesicht und sagt mir während vier Wochen nicht die Tageszeit, ich bin in meinem eigenen haus wie die reine Gottesluft, ich existire als Gegenstand für Niemandman sieht mich gar nicht an. Und das zu ertragen bin ich einmal nicht im stand!"

"Und desshalb bist du der Erste, der wieder gute Worte gibt!" sagte Artur mit leisem Tone.

"Was soll ich machen? – Ich kann solch' ein Leben zu Haus nun einmal nicht ertragen. Du hast gar keine idee davon, was es heisst, so ein finsteres Gesicht vor sich zu sehen. Morgens vom Aufstehen, bis Abends, wo man zu Bette geht, kein Zorn, kein Aerger,