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etwas tun, wie das eigene Ich überall selbstsüchtig hervorbricht, wie ein armer Unternehmer von dergleichen Geschichten beständig am rand des tiefen Abgrundes hintaumelt, in welchen er hinein stürzen und sich auf's Allerhöchste blamiren kann, weil Madame oder fräulein A. am Tage vor der Aufführung absagen lässt, da ihr die Rollen nicht brillant genug sind, den andern Abend aber dafür in ihrer Loge sitzt und die schärfste Kritik übt; weil ferner die Madame B. die Madame C., D. und F. dir abwendig macht, da auch Mamsell Y. und Z. mitwirken sollen, die, Beide einer anderen Rangklasse angehörend, nicht würdig genug befunden worden sind, neben den Reichern und Vornehmern für die leidende Menschheit zu wirken. Man kann es Jenen eigentlich auch nicht übel nehmen, dass sie sich zurückziehen, denn es könnte da ja der traurige Fall eintreten, dass eine der Rangklasse nach geringere, in Wahrheit aber vielleicht viel bessere und edlere Mitwirkerin bei den lebenden Bildern einen Tag nach der Aufführung es wagen würde, die andere eines freundlichen Grusses zu würdigen und ihr dergestalt an ihrem Credit schadete bei Vettern, Nichten, Basen und Muhmen, ja bei der ganzen hochpreislichen unfehlbaren wirklichen und Geldverwandtschaft. –

Einer kleinen Andeutung des oben Gesagten konnten wir uns nicht entalten, denn es wird gewiss auch anderswo zuweilen mit ähnlicher Lieblosigkeit verfahren, einer Lieblosigkeit der sogenannten bevorzugten Klassen gegen andere, die in ihren Aeusserungen so sehr nachhaltig und verletzend, ja die im stand sein kann, Zukunft und Lebensglück zu untergraben, die sich nicht in einer einzelnen Misshandlung gegen den Nebenmenschen Luft macht, sondern die ein schwaches Gemüt, wie es deren ja viele gibt, durch fortgesetzte Quälereien und Nadelstiche zu tod martert. Es ist das ein Kapitel, welches in keiner Sklavengeschichte fehlen darf, und das auch in Onkel Tom's Hütte vorkommen würde, wenn es dort bürgerliche Rang- und Klassenunterschiede gäbe, und wenn sich in Amerika eine schwarze Kommerzienrätin zieren würde, mit einer Gleichgefärbten am nämlichen Tische ihren Tee zu nehmen, weil sie selbst vielleicht nur die Urenkelin eines Barbiergehilfen ist, während der Vater dieser vielleicht noch im gegenwärtigen Zeitpunkte seine Kunden einseift. – Darin sind die Schwarzen glücklicher, denn sie kennen keine Standesunterschiede und haben, wenn auch gleiche Leiden, doch in dieser Beziehung auch gleiche Freuden, wogegen bei uns freien Weissen neben der grossen Peitsche, die das allgemeine Schicksal über uns schwingt, noch so viele Peitschen um unsere Ohren sausen, deren Schlag, heimtückisch und aus dem Dunkel nach uns geführt, viel schmerzlicher ist als der Schlag der grossen Zuchtrute. Diese Schläge aber, geliebter Leser, sind unsichtbar wie die gewissen zauberhaften Ohrfeigen, und es wäre gar zu komisch, wenn es auf einmal möglich gemacht würde, all' die kleinen Geisseln zu sehen, die ein Mensch gegen den andern schwingt. Das wäre erstaunlich amusant, wenn du zum Beispiel bemerken könntest, wie jener Mann, der dir so teilnehmend erzählt, man habe von dir ausgesagt, du hättest neulich diese oder jene Schlechtigkeit begangen, aber es sei eine niederträchtige Verleumdung, und er selbst wisse das ganz genau, – wie er bei diesen Worten seine kleine Peitsche schwingt und dich recht absichtlich tief in's Herz trifft. – Ja, in der Tat, wir wüssten nicht, was wir um den Anblick geben würden, unsere lieben Nebenmenschen so auf einmal zu sehen bei Spaziergängen, in Gesellschaften, im Teater, bei freundschaftlichen Mittagessen, Alle in gegenseitiger Prügelbeschäftigung, Alle mit langen und scharfen Geisseln in der Hand. Aber es ist doch besser, wenn sie unsichtbar bleiben, denn es würde der geneigte Leser auch wahrnehmen, wie wir, seine harmlosen und ganz untertänigsten Erzähler, zuweilen eine tüchtige Schnur an unsere Feder binden, um rechts und links um uns zu hauen, zur Belustigung der Unparteiischen, aber auch zur Strafe unserer Weissen Sklavenbesitzer.

Neunundzwanzigstes Kapitel.

Eine probe lebender Bilder.

Der Kommerzienrat Erichsen hatte in seinem Namen und in dem seiner Frau die notwendigen Einladungen besorgt und eine Auswahl unter den Honoratioren der Residenz freundlichst gebeten, sich zu einer ersten vorbereitenden probe lebender Bilder an einem gewissen Tage bei ihm Nachmittags drei Uhr einfinden zu wollen. Das Gerücht von diesen Einladungen hatte in den betreffenden Kreisen keine kleine Aufregung hervorgebracht. Manche Dame, die wohl erwarten konnte, zur Aufführung eingeladen zu werden, hoffte aber mit Zittern und Zagen auch auf ein an sie gerichtetes Gesuch zur Mitwirkung und schrak bei jedem Tone der Klingel zusammen, ob der ersehnte Bediente nicht erscheine. Manch' schüchterne Frage an das Schicksal, das heisst in diesen Fällen an die Mutter und den Spiegel, wurde getan, ob es denn wohl möglich sei, da ausgeschlossen zu werden, wo die Erwählten sich in schönen Stellungen und noch schöneren Costümen vor der ganzen Gesellschaft zeigen werden.

Der Kommerzienrat war der Erste, der seit langen Jahren wieder die Tableaux in Aufnahme zu bringen versuchte, und man bemerkte deutlich an so Vielem, dass diese idee eine zeitgemässe sei. Man hofirte dem alten Herrn, noch mehr aber der finsteren Rätin auf die auffallendste Art von der Welt; es kamen Besuche über Besuche und desshalb die alte Dame tagelang nicht von ihrem Sopha, der Bediente nicht von der Haustüre hinweg. Im Teater schmachtete man im ganzen zweiten Range nach der Loge des Banquiers, wie es der gesammte Adel im ersten Range bei festlichen Gelegenheiten nach der Loge Seiner Majestät zu machen pflegt. Der Kommerzienrat war in diesem Augenblicke nicht bloss der König der