Wagen. Einige Zeit nach der angegebenen Stunde sind dann die hinteren Zimmer auch glücklich mit Menschen vollgepropft, und die vorderen füllen sich nach und nach ebenso an. Man becomplimentirt sich, man stösst einander, man tritt sich auf die Hühneraugen, man kann nicht zu einer hübschen Frau gelangen, denn sie ist von einem Kreis von Vaterlandsverteidigern umgeben, und wenn man endlich glaubt, durchbrechen zu können, wird man von einem langweiligen Kerl zurückgehalten, der durch die hinten Stehenden fast auf uns hinaufgeschoben wird, der mit stets offenem mund spricht, uns beständig in gelinder Anfeuchtung erhält, und der, ehe er sich in eine Unterhaltung mit Jemand einlässt, auf alle Fälle vorher ein stärkeres Parfüm sich hätte aufgiessen sollen.
In einem der hinteren Zimmer sitzt die corpulente Hauswirtin in schwitzender Selbstwonne, zählt unruhig die Häupter ihrer Lieben und denkt mit Wallenstein:
– – – – – – – – – – – – – – – So Vielen
Gebietest du! Sie folgen deinen Sternen
Und setzen, wie auf eine grosse Nummer,
Ihr Alles auf dein einzig Haupt, und sind
In deines Glückes Schiff mit dir gestiegen.
Doch kommen wird der Tag, wo diese Alle
Das Schicksal wieder aus einander streut;
Nur Wen'ge werden treu bei dir verharren.
Den möchte' ich wissen, der der Treuste mir
Von Allen ist, die dieses Lager einschliesst.
Gib mir ein Zeichen, Schicksal! D e r soll's sein,
Der an dem nächsten Morgen mir zuerst
Entgegen kommt mit einem Liebeszeichen.
Während dem steht der dürre Gemahl im altmodischen schwarzen Fräckchen an der äussern Zimmertüre und freut sich, wie ein Kind auf die Weihnachtsbescheerung, über jeden Neuangekommenen. Rechts und links streckt er die hände zum sanften Drucke aus, während er einem Dritten zuwinkt und zu einem Vierten sagt: "Ei, Sie kommen sehr spät, Herr Hofkapellmeister."
Letzterer ist aber offenbar der Klügste, denn zu einem solchen Té dansant in einem stillen Bürgershause früh zu kommen und spät zu gehen, dazu gehört mehr Heldenmut als mancher Mensch besitzt. Hat man erst einmal seine Pflicht getan, der Frau vom haus ein Compliment gemacht, hat sich darauf wieder wie ein Krebs zurückgezogen – eigentlich ein schlechter Vergleich, denn ein Krebs braucht nicht rückwärts zu schauen und läuft behaglich im kühlen wasser, während an dir sehr unbehaglich das wasser herunter läuft und du jeden Augenblick hinter dich sehen musst, um nicht die Perle irgend einer Rangklasse umzurennen – so kann man sich ja das Uebrige am andern Morgen von einem Freunde, der bis zum Ende geduldet und gelitten, der Morgens früh um drei Uhr, an allen Gliedern wie gerädert, der Hausfrau zum Abschied die Hand geküsst und ihr versichert hat, dass er lange keinen so charmanten Abend verlebt, erzählen lassen, kann da behaglich den Bericht anhören, wie der Andere die Tanzmusik noch von ferne gehört, den Tee und manches Andere von Nahem gerochen, das Backwerk gesehen und das Souper geahnet habe.
Aber auch die Gastgeberin fand nicht ihre Rechnung bei der Sache, keine Belohnung für die aufgewendeten grossen Kosten: ihr Sohn, der angehende Referendär, hat umsonst der Tochter des Präsidenten den Hof gemacht; ihre beiden Töchter waren vergeblich in der glänzendsten Toilette erschienen, in ganz neuen blauen und rosa Barègekleidern; einige junge Leute, für welche man diese Fallen gestellt, waren nur tändelnd um dieselben herum geflogen, keiner hatte sich die Flügel am Strahlenlicht ihrer Augen verbrannt, – und Friederike war doch schon seit vier Jahren beinahe Zwanzig vorüber und ihre Schwester Louise ein paar Monate älter. Auch schien der Hausherr verdriesslich über die grossen aufgewendeten Kosten und legte den Fascikel "Té dansant vom vierten," seufzend zu seinen Haushaltungsrechnungen. Sein Chef und Kanzleidirektor hatte ihm nicht die gehörige Aufmerksamkeit erwiesen, und die Frau des Ministers war nur einen Augenblick da gewesen, hatte sogar zwei und ein halbes Mal gegähnt und über ungeheure Fatigue geklagt, als sie sagte, sie müsse heute Abend noch in eine andere Soirée fahren, zur Baronin Schnabilinsky. – –
Das hat man nun Alles hinter sich; man will keinen Té dansant mehr veranstalten, man will auch nicht zurückgreifen zu den langweiligen Teegesellschaften, und da taucht einem erfindungsreichen kopf die idee auf, lebende Bilder zu stellen; es ist das eine schöne Abwechslung und ein vielversprechendes Vergnügen. – Aber wie es dem armen Menschenkinde so oft geht: er sieht nur die Aussenseite, ohne sich um die Schattenpartien zu bekümmern.
Wir können ein Wort darüber mitsprechen, geneigter Leser, denn wir kennen das Kapitel lebender Bilder, wir haben dieses Vergnügen durchgekostet und genossen in allen seinen betrübenden Einzelheiten. Wir haben in lebenden Bildern mitgewirkt in der unschuldigsten und angenehmsten Art derselben, wo sie harmlos improvisirt waren, wo eine einfache Stubentüre das Proscenium bildete, wo vorhandene Shawls, Tücher, Hüte, Hauben, Mäntel und Mantillen die ganze Garderobe ausmachten.
Wir haben das ferner mitgemacht, wo in grossen reichen Häusern appart eine Bühne aufgeschlagen wurde und Costüme eigens für diesen Abend gemacht waren, wo renommirte Künstler die Tableaux arrangirten und wo nichts gespart war an Dekorationen und Gewändern.
Wir haben endlich mitgewirkt an der Aufführung lebender Bilder in grossen öffentlichen Lokalen, wo keine Einladungen stattfanden, wo die Zuschauer sich Billete kauften und wo die Einnahme für einen guten Zweck bestimmt war; wir haben dabei die traurigsten Erfahrungen gemacht, haben dabei gesehen, welch' unendliche Schwächen das Menschengeschlecht hat, wie Wenige unter ihnen wirklich einer guten Sache zulieb, die man vorschiebt,