vorsorgliche Mutter. – "O die Clara! Ich für meine person habe ihr nie was Gutes zugetraut, das kann ich euch versichern; die hat's lange heimlich getrieben; jetzt wirft sie alle Scham bei Seite und lässt ihre Liebhaber am hellen Tage in's Haus kommen. Ihr werdet schon sehen: Einen nach dem Andern. – Pfui Teufel über dies Volk vom Ballet!" –
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Betrachtungen.
Wir wissen nicht, teurer und geneigter Leser, ob du in deinem Leben schon in den Fall gekommen bist, in lebenden Bildern mitzuwirken. Dass du öfter welche gesehen, nehmen wir unbedingt an. – Es ist das Stellen lebender Bilder in Familiencirkeln eine Krankheit, die hie und da einreisst, die oftmals sporadisch auftritt, dann aber auch für gewisse Winter ganze Städte epidemisch beherrscht. Das sind zeiten der forcirten Bewunderung, wo man oftmals nach ausgestandenem Jammer den Lenker aller Dinge anklagen möchte, dass es überhaupt Bilder gibt, und dass Jemand auf die – schöne idee kam, lebende Bilder zu arrangiren.
Wie schon bemerkt, so erfasst die Lust nach diesem Vergnügen oftmals ganze Städte, und alsdann entgeht keiner seinem Schicksale; wer nicht zum Mitstehen gepresst wird, der muss zusehen; und welche Art von Schlachtopferei menschlicher Grausamkeit die schlimmere sei, soll der Beurteilung einer zweiten Miss Stowe vorbehalten bleiben.
Man hat alle Arten von Vergnügen erschöpft, man hat grosse Kaffeegesellschaften arrangirt, in welchen eine ungeheure Menge von Backwerken verzehrt, eine Anzahl guter Namen zerrissen, ja eine Masse von Zukunften vernichtet wurde. Was das Letztere anbelangt, – die harmlosen Zutaten zum Kaffee nämlich, – so müssen wir den geneigten Leser versichern, dass die Vieruhr-, überhaupt die Nachmittagskaffeegesellschaften die schlimmsten, die blutdürstigsten sind. Das Mittagessen ist vorüber gegangen, und der Gemahl, der vielleicht in der Kanzlei von einem Vorgesetzten bedeutend geärgert wurde, kam verdriesslich zu Tische und findet, dass die Suppe versalzen, die lange Sauce des Gemüses zu mehlig und die Räucherung des Schweinefleisches nicht vollkommen gelungen sei. Es gab das eine kleine häusliche Scene, die Kanzleirätin erlebte einige scharfe Bemerkungen, welche in viel kräftigerer Tonart, aus allen Registern klingend, in der Küche wiedergeorgelt wurden. Darauf ist das Bäbele verdriesslich geworden; "es ist überhaupt keine Freude in dem haus;" denkt sie, und statt dass sie mit dem Spülen um halb drei fertig wäre, zieht sie dies Geschäft bis halb Vier hinaus, wo sie dann erst langsam die hände mit Seife wascht, um darauf der ängstlich harrenden Gebieterin das Kleid zuzumachen. Diese, geärgert, echauffirt, kann mit dem übrigen Anzug kaum fertig werden, und erscheint nun statt um vier Uhr eine Viertelstunde später – der geneigte Leser mag selbst beurteilen in welcher Laune – zum Kaffee.
Wie schon angedeutet, diese Nachmittagsgesellschaften sind entsetzlich, und der Geist der Verleumdung muss sie einstmals in höchsteigener person erfunden und dazu geladen haben den gelben Neid, die grüne Bosheit, gräuliche Heuchelei, und alle andern Schwestern und Brüder dieser Geschlechter. Hier wird Alles, was in den Bereich der giftigen Zungen kommt, zerstückelt, zerrissen, verdammt ohne alle Gnade und Barmherzigkeit. – Abends bei einem harmlosen Tee geht es schon einige Grade sanfter und gemütlicher zu. Am Ende des Tages ist man überhaupt versöhnlicher gestimmt, ist zu Liebe und Duldung geneigter jeder Mensch, ja sogar die Zunge der schlimmsten Frau. Da geht es denn oftmals ohne bedeutendes Blutvergiessen ab; es herrscht hier – mit Ausnahmen natürlich – ein Geist der Sanftmut; nur zuweilen wird ein guter Name geknickt, ein bis dahin guter Ruf vernichtet.
Aber im Laufe des Winters werden sie langweilig diese Gesellschaften, man hat sich schon zum Oefteren auf gleiche Weise beisammen gesehen, man hat schon unzählige Mal die neu plattirte Teemaschine bewundert oder das Porzellanservice, das voriges Jahr angeschaffte; auch weiss man, dass der Silbervorrat aus achtzehn Löffeln besteht; die neuen Ueberzüge des Sopha's und der Stühle geben keinen rechten Stoff mehr zur Unterhaltung, ja sogar die eigenen Zungen sind abgenutzt und die Zähne haben sich stumpf gebissen an dem Wohl und Wehe des lieben nächsten. Was das Schlimmste ist, es ist vielleicht keiner der glühenden Wünsche erfüllt worden, mit denen man die Wintersaison eröffnet, – es kamen die wasser all', die gebeten wurden, aber die Einladungen dagegen fielen spärlich aus. Madame konnte sich trotz des grossen Aufwands von Zucker, Tee und Backwerk nicht aus der siebenten Rangklasse erheben und hineinschmuggeln in höhere Regionen.
Man vergrössert nun die Teegesellschaften; statt dass man, wie bis jetzt, die Magd oder einen entlehnten Bedienten herum schickt und auf eine Tasse mit Zutaten einladen lässt, werden nun Karten geschrieben, auf denen es heisst: Herr und Madame Backstein bitten Frau Regierungsrätin Hintenüber mit vier Töchtern zu einem Té dansant auf morgen Abend etc. Unten links in der Ecke steht das bekannte: U.A.w.g. – Um Antwort wird gebeten; die jüngeren Damen übersetzen es sich aber: Und Abends wird getanzt.
Zur gewöhnlichen Teegesellschaft war doch nur eine kleinere Anzahl von Gästen versammelt, die der Salon ohne viele Schwierigkeiten in sich aufnehmen konnte, eine Anzahl Auserwählter, ein Elitencorps, ein Cadre der Armee; zum tanzenden Tee dagegen ist nun die sämmtliche Mannschaft einberufen worden: Kriegsreserve, Landwehr ersten und zweiten Aufgebots, ja längst schon nicht mehr dienstfähige und sehr strapazirte Invaliden. Da rüstet sich nun Alles, diesem Rufe Folge zu leisten, und erscheint zu Fuss und zu