durch Geburt und Verhältnisse, obgleich unser Gesicht nicht eine idee dunkler ist, als das der Anderen, die mit Verachtung auf uns herabschauen – übrigens bin ich mit meinem gesicht wohl zufrieden, – wir haben das volle Recht, unseren Zustand bitterer zu empfinden, als jene Anderen. Und welch Herzeleid tut man ihnen, das uns nicht doppelt geschieht?"
"Weil wir Tänzerinnen sind," seufzte Clara mit gefalteten Händen.
"Nicht bloss weil wir Tänzerinnen sind," fuhr die Andere fort. Und bei jedem Worte, das sie sprach, blitzten ihre weissen Zähne. "Seht unter all' euren Bekannten nach der ganzen klasse, der wir angehören, alle wir, die wir keine Schuld daran haben, dass wir nicht vornehm geboren wurden, wir alle sind Sclavinnen und haben ein härteres los als Jene, die wirklich so heissen."
"Da ist ein neues Buch geschrieben worden," sagte Clara; "habt Ihr davon gelesen? Mein Vater übersetzt es zu haus für einen Buchhändler und ich lese die Correcturbogen."
"Freilich habe ich es gelesen," erwiderte die andere Tänzerin. "Und die Absicht der Verfasserin ist gewiss lobenswert; aber lächerlich ist es, wie man bei uns dafür schwärmt, wie man sich an fremdem, vielfach eingebildetem und übertriebenem Elend wollüstig erlabt, während man dicht vor der Nase dasselbe in noch viel grösserem Massstabe hat."
"Terese spricht wie ein Buch," versetzte die Blondine. "Aber es ist begreiflich und ich beneide dich wahrhaftig um deine Sucht, Alles zu lesen und dich über Alles belehren zu lassen."
"Das kommt daher," bemerkte Terese mit ruhigem Tone, "weil ich nur mit gebildeten Leuten umgehe und vielen Sinn für alles Schöne und Gute habe. An mir ist mindestens eine ganze Gräfin verloren gegangen."
"Man sagt sogar, du seiest eine halbe Prinzessin," meinte lachend die blonde Tänzerin.
Terese zuckte mit den Achseln, dann fuhr sie fort: "und seht nur die Meisten von Denen an, welche für die Leiden jener unglücklichen Geschöpfe scheinbar so warm fühlen und Alles tun zur Verbreitung des Buches, um der Welt zu sagen, wie schrecklich es in jenen fernen Ländern zugehe, wie es so christlich und notwendig sei, jenen Leuten ein paar stille Tränen zu weihen, seht sie euch doch an! ich kenne ein Paar, die nach der Sclaverei so viele tausend Meilen von sich ausschauen und die zu haus darüber stolpern; die das Elend jener unglücklichen Menschen täglich und stündlich beklagen, und die in ihrem Hauswesen und für ihre Mitmenschen selbst die scheusslichsten Sclavenhändler sind. – Ah! ich rede mich in eine wahre Wut hinein."
"Und du übertreibst," sagte Elise.
"Worin übertreibe ich? Bist du nicht verkauft – bin ich nicht verkauft, sind es nicht all die tausend armen Mädchen, die für ihr tägliches Brod arbeiten? Vorausgesetzt, dass sie hübsch sind. – Und an wen sind sie verkauft? Vielleicht wie jene Schwarzen an einen Herrn, der sein Interesse dabei hat, sie gut zu behandeln, damit er sie erhält? – Nein! tausendmal nein! Was kümmert sich Dieser oder Jener bei uns um ein armes Mädchen, das ihm heute gefallen? Er lässt sie durch die Finger gleiten, lässt sie so tief sinken als ihm beliebt; er fragt nicht, ob sie Hunger und Kälte ausstehen muss, und wenn er ihr nach Jahren begegnet, dem Mädchen, jetzt abgehärmt und elend, das er früher jung und schön in seine arme gedrückt, so zuckt er verächtlich die Achseln oder er lacht über sie."
"Aber man kann mein Kind nicht wie dort verkaufen," sprach nachsinnend die blonde Tänzerin.
"Leider! leider!" rief heftig die Andere. "Wo könnte man die armen Dinger verkaufen, dass sie in hände kämen, die sie ordentlich nährten und verpflegten, statt dass Tausende bei ihren Müttern in Kummer und Elend zu grund gehen! Und wozu soll Manche ihr Kind erziehen? Zu dem Geschäft, das sie selbst treibt? – Ah! das muss ich sagen, da sieht sie ein glückliches los vor Augen und blickt in eine schöne Zukunft, wenn sie ihrem armen kleinen kind den roten Mund küsst!"
"Ja, es ist für Manche besser, wenn sie sterben," sagte Clara mit leisem, traurigem Tone.
"Aber wir leben," erwiderte Terese, dies energische und schöne Mädchen. "Und ich meines Teils will Allem trotzig die Stirn bieten, was über mich hereinbrechen will. – Denen da draussen," – damit streckte sie ihre rechte Hand gegen das Publikum aus, das man lachen und applaudiren hörte, – "denen habe ich einen ewigen Krieg geschworen, und ich führe ihn auf meine eigene Art. Es sollte mich wahrhaftig gar nicht wundern, wenn ich nicht für meine vielen glücklichen Siege noch einmal General würde." Damit warf sie den Kopf stolz in den Nacken und verschwand in dem Dunkel der Coulissen.
Clara blieb noch einen Augenblick nachsinnend stehen, dann sagte sie still für sich: "Sie hat nicht ganz Unrecht. Habe ich doch gestern in dem buch gelesen, dass die Sclavinnen, ehe man sie verkauft, wie eine Waare untersucht werden. – Ah! etwas Aehnliches schien der da hinten auf der Bühne auch mit mir vorzuhaben. – Und er wird in seinen Versuchen nicht ablassen. – Fürchterlich! Fürchterlich!"