1854_Hacklnder_152_109.txt

das Mädchen, indem sie ihn mit ihren grossen Augen anschaute, "und eigentlich auch nur, weil mich die Anderen so neckten."

"Was sagten sie denn?"

"Ob jetzt endlich ein Prinz gekommen sei oder ein regierender Herr, den ich für würdig genug befunden, dass er mir den Hof machen dürfe. – Aber ich erzähle Ihnen da lauter dummes Zeug, worüber Sie lachen werden," setzte sie schmollend hinzu.

"Gewiss nicht, Clara, es interessirt mich auf's Höchste."

"Und der Schwindelmann hatte es sogar bemerkt."

"Wer ist Schwindelmann?"

"Schwindelmann," entgegnete sie einigermassen erstaunt, "ist der Teaterdiener, der uns zu den Vorstellungen abholt und im Wagen wieder nach haus bringt."

"Ein junger Mann?" fragte Artur mit einer eifersüchtigen Regung.

"O, Sie müssen Schwindelmann kennen!" fuhr sie fort, ohne den Sinn seiner Frage zu verstehen. "Er lässt den grossen Portalvorhang herab und kennt namentlich mich genau. Er und mein Vater sind zusammen in die Schule gegangen."

"Ah so!" sagte Artur sichtlich erheitert. "Und der Schwindelmann hat es gesehen, dass ich Ihnen die Hand gab?"

"Das will ich meinen, und er war sehr mürrisch. Sonst trägt er mir immer meinen Korb und nimmt ihn hinten zu sich auf den Wagen; aber an dem Abend schob er ihn zu mir herein und brummte allerlei in den Bart."

"Das scheint mir ein braver Mann zu sein, der Teaterdiener," sagte Artur.

"Auch fuhr er mich an dem Abend nicht zuerst nach Haus wie sonst, sondern zuletzt. Und dann liess er den alten Andreas, den Kutscher, nach haus, blieb bei mir an der Treppe stehen und hielt mir eine starke Predigt."

"Und das Alles, weil ich Ihnen die Hand gereicht?"

"Allerdings; natürlicherweise bildete er sich noch viel mehr ein. Es sei schade um mich, sagte er, ich hätte mich so gut gehalten, Alle hätten die grösste achtung vor mir, man könne mir nicht das geringste Ueble nachsagen, und nun finge ich auf einmal so dumme Streiche an!"

"Schwindelmann scheint mir bösartig zu sein," versetzte Artur einigermassen ärgerlich.

"Nein, er ist sehr gut," versetzte die Tänzerin. "Wissen Sie, er hat beim Teater schon sehr viel erlebt," sprach sie mit sehr ernster stimme; "er hat gesehen, wie schon manches Mädchen unglücklich wurde, und da er mich, wie gesagt, gern hat, so warnte er mich auf's Allerernstlichste."

"Vor einem Händedruck?"

"Nicht nur ganz davor," entgegnete sie heimlich lachend, "aber er sagte, das wäre der Anfang, und er hatte nicht Unrecht darin. Es ist bis jetzt Alles gekommen, wie der Schwindelmann mir vorher gesagt," sprach sie auf einmal sehr ernst werdend, indem sie vor sich niedersah. – "Zuerst würden Sie sich mir Abends in den Weg stellen, mit mir zu sprechen; und das haben Sie auch getan, – anfänglich weniger und dann häufiger. – Dann aber" – hier stockte sie einen Augenblick, und fuhr erst fort, als sie Artur aufmerksam und fragend anblickte – "dann aber würden Sie unter irgend einem Vorwand in unser Haus kommen; und dann – – wäre ich auf dem Wege des Verderbens – o mein Gott!" –

Diese letzten Worte sprach das Mädchen mit gepresster stimme und in sichtlicher Angst, und als sie ausrief: "O mein Gott!" presste sie ihre beiden hände vor das Gesicht, sprang auf und eilte zu ihrer kleinen Schwester, der sie emsig half, Teller und Gläser zu ordnen, ohne sich im Augenblick weiter um ihren Gast zu bekümmern.

Artur war überrascht sitzen geblieben und hatte die Tafel in den Händen des Bübchens gelassen, welches sie eifrig an sich nahm und mit zu den Schwestern hin sprang, um ihnen das Krokodil und die schöne Schlange zu zeigen.

Auch der alte Herr trat jetzt nach vollbrachter Mittagsruhe wieder in's Zimmer und musste ebenfalls die seltsamen Tiergestalten bewundern.

Obgleich der Maler dem aufgeregten Mädchen gerne noch einige begütigende Worte gesagt hätte, so war dies doch nicht möglich. Sie kam nicht an das Fenster zurück, sie liess ihn ruhig seinen Hut nehmen und wandte sich erst nach ihm um, als er dem Vater die Hand reichte, dem Bübchen auf den Kopf pätschelte und der jüngeren Schwester freundlich zunickte. Dann bot auch sie ihm einen freundlichen guten Tag, wobei er allein bemerkte, wie sie durch Tränen lächelte.

Als er hierauf gedankenvoll die Treppe hinab ging, schüttelte er den Kopf und sagte: "Tränen bei meinem ersten Besuch, und Schlangen, die ich zeichnen musste; wenn das nur keine bösen Vorzeichen sind!"

Eine lange Zeit hatte, während Artur bei Herrn Staiger war, draussen auf dem Gange Mademoiselle Emilie Wundel Bücher und Noten ausgeklopft, auch hie und da einen Vers aus irgend einer Arie getrillert, ohne dass der angenehme junge Mann zurück gekommen wäre. Endlich war Clara erschienen, und als er auch jetzt noch nicht kam, ging die Ausklopferin achselzuckend in ihr Zimmer zurück. – "Da hätte ich schön warten können," sagte sie hohnlachend, "das ist ja eine abgekartete geschichte! Wie man auch so dumm sein kann!" – Damit meinte sie die