Kopf und antwortete: "Ich weiss nicht, was icj davon halten soll; ich kenne Sie schone seit einiger Zeit, aber ich kannte Sie bis jetzt nur wie Etwas, das kommt und verschwindet wie ein Traum – wie der Schein der Sonne; oder auch," setzte sie lächeldn hinzu, "wie Regen und Sturm."
"Und wie Etwas," bemerkte Artur, indem er den Griffel sinken liess, "was uns eigentlich nicht viel kümmert, was uns gleichgiltig ist, wenn es auf einmal ganz ausbleibt, an das wir nicht mehr denken, wenn es nicht wieder erscheint."
"O nein!" erwiderte die Tänzerin, "nicht so ganz. Sagen wir lieber, wie etwas – Angenehmes, das uns widerfährt, und das wir dankbar hinnehmen, dem wir vielleicht betrübt nachblicken, weil es uns plötzlich ganz verschwindet, das wir aber kein Recht haben, zurückzurufen, weil – weil – wir nun einmal kein Recht dazu haben."
"Aber die Schlange hat noch keine Zähne," sprach das Bübchen. "Mach' ihr grosse! Und dann will ich auch ein Krokodil haben."
"Soll ich dir nicht lieber deine Schwester Clara zeichnen?" fragte der Maler.
"Mir wäre ein Krokodil lieber," entgegnete das Kind; "Clara sehe ich den ganzen Tag. Wenn du sie aber nachher zeichnen willst, ist es mir auch recht."
Artur tat wie ihm befohlen, dann aber nahm er das Gespräch von vorhin wieder auf.
"Und wesshalb," fragte er, "hätten Sie kein Recht, – mich zurückzurufen?"
"Und auf welche Art sollte ich es tun, wenn Sie plötzlich ausgebliebe wären? – Wenn ich auch vielleicht gewollt hättem ich sah Sie ja nur auf Augenblicke, bald hier, bald da, ich wusste ja kaum Ihren Namen. Und dann hatten Sie mir auch nie gesagt:
morgen sehe ich Sie wieder, oder übermorgen, – ein solches Versprechen hätte mich auch ängstlich gemacht."
"Weil Sie mir wohl hätten antworten müssen: ja, es ist mir recht, ich will Sie morgen oder übermorgen wieder sehen, – und weil Ihnen das wie eine Verpflichtung vorgekommen wäre, und weil Sie keine Verpflichtungen gegen mich übernehmen wollen."
"Es ist vielleicht so," sagte Clara, indem sie ihn lächelnd anblickte, "ich habe mich immer davor gefürchtet. Und desshalb bat ich Sie auch, nicht in unser Haus zu kommen."
"Sehen Sie, Clara," versetzte der Maler halb und halb betrübt, "es ist doch, wie ich mir dachte: Sie spielten mit mir, und wenn Sie mir einmal nicht mehr erlauben wollten, Ihnen an der Treppe des Teaters oder am Wagen gute Nacht zu sagen, so wären Sie vielleicht rasch an mir vorübergeeilt und hätten mich gar nicht mehr angesehen."
"Das hätte ich gewiss nie getan, so lange Sie sich mir so ruhig und still gezeigt, wie Sie taten. Glauben Sie mir, die anderen Tänzerinnen schelten mich kalt, gefühllos, ja hochmütig, weil ich es nun einmal nicht machen kann wie sie; aber ich bin es nicht. Von Hochmut kann ja auch keine Rede sein; doch habe ich immer davor zurückgebebt, mit irgend Jemand in nähere Berührung zu kommen. Ich weiss ja wohl, dass ich eine arme Tänzerin bin, dass ich mich hinausstellen muss vor die Lampen, dass mich Jedes ansieht wie es mag, und dass nun Jeder das Recht zu haben glaubt, mit dem Mädchen so geradehin zu sprechen, wie es ihm in den Mund kommt. Das fürchtete ich auch von Ihnen, und desshalb schrak ich zurück, als Sie das erste Mal mit mir sprachen."
"Aber Ihre Furcht war überflüssig."
"Gewiss, und ich danke Ihnen herzlich dafür," erwiderte Clara. – "Aber wissen Sie wohl," fuhr sie nach einem kleinen Stillschweigen fort, in der Absicht, das Gespräch zu ändern, "wissen Sie wohl, dass ein paar von den anderen Tänzerinnen es wohl gemerkt haben, dass ich mit Ihnen hie und da gesprochen?"
"Sie hatten mich schon auf der Bühne gesehen?"
"Nein, da nicht, aber neulich Abends, als Sie am Wagen standen, wie wir einstiegen. Da sind Alle mit Reden über mich gefallen. Ich hätte mich so lange verstellt und immer Alles abgeleugnet, und nun käme es auf einmal heraus und ich sei furchtbar versteckt, aber jetzt könne ich nicht mehr leugnen."
"Und was sollten Sie nicht läugnen können?"
"Dass ich Sie Abends am Wagen gesehen."
"Und ist das so schlimm?"
"Ah!" sagte Clara lachend, "nehmen Sie mir nicht übel! wenn man so plötzlich aus dem Dunkel daher schiesst und einer Tänzerin sagt: o wie vortrefflich haben Sie heute getanzt! O wie schön sahen Sie aus!" –
"Ja, das habe ich gesagt," unterbrach sie Artur träumerisch.
"Und wenn man einen obendrein bei der Hand fasst, das ist doch schlimm genug. Und an dem Abend habe ich mich auch eigentlich vor Ihnen gefürchtet."
"Aber ich musste Ihnen damals ein Wort sagen, Clara. Ich konnte nicht nach haus gehen, ohne Ihre Hand berührt zu haben; mein Herz war zu voll. Waren Sie wirklich böse auf mich?"
"Nur eine Weile," entgegnete