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sanft lächelte, sagte er: "O, lassen Sie sich gar nicht stören, lieber Herr Erichsen, bleiben Sie noch eine Weile da; wir plaudern vielleicht noch ein wenig. Ich kann Ihnen leider von unserer einfachen Kost Nichts anbieten, – nunebenweil sie gar zu einfach ist. – Aber draussen," setzte er hinzu, indem er durch's Fenster sah, "schneit und stürmt es so gewaltig, dass Sie unmöglich in diesem Augenblicke fort können; auch speisen Sie gewiss später."

Wenn man Etwas gerne tut, so lässt man sich leicht dazu überreden. Artur blickte fragend auf Clara, die lächelnd ihre Augen niederschlug. Doch schien ihm dies Augenniederschlagen von einem kleinen Kopfnicken begleitet zu sein, wesshalb er sich denn eifrigst und gern bereit erklärte, noch eine halbe Stunde da zu bleiben.

Die jüngere Schwester hatte unterdessen den Tisch gedeckt, Clara ging in das Vorzimmer, und ihr folgte das Bübchen, welches eine richtige Ahnung hatte, dass sie sich vor dem gast geniren würde, die bewusste Wurst aus der tasche zu ziehen, dass dies aber draussen unverzüglich geschehen müsse. – Und so war es denn auch. Die Tänzerin kam alsbald mit einem Teller wieder herein, auf dem der erwähnte Leckerbissen lag. Dann setzte sich Alles um den Tisch herum; er war ärmlich aber reinlich gedeckt mit einem groben doch weissen Tischtuch und glänzenden Zinntellern.

Der Maler, der eine Aufforderung zum Mitessen ablehnte, setzte sich einen halben Schritt rückwärts neben Clara. Er konnte so seinen Arm auf die Lehne ihres Stuhles stützen, und wenn er nun den Kopf vorn über lehnte, und sie ihm plötzlich Etwas sagen wollte, so berührte ihr kühles, volles, duftiges Haar seine heisse Stirne.

"Karl, du musst beten," sagte die jüngere Schwester zu ihrem Bruder, der an seinem platz sass und die Augen unverwandt auf einen Punkt des Tisches gerichtet hatte. Das dort auf dem Zinnteller nahm seine ganze Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch, dass er mechanisch seine hände faltete und gedankenlos sein Morgengebet anfing:

"Engelein komm',

Mach' mich fromm!"

Doch wurde ihm diese Nachlässigkeit nicht gestattet und er brachte nun den uns schon bekannten Tischspruch vor, natürlicherweise mit unverbesserlichem Fehler, setzte auch hinter dem "Amen!" rasch hinzu: "Jetzt bekomme ich auch Wurst."

Nun nahm das Mahl seinen Anfang, der Vater und die jüngeren Kinder griffen herzhaft zu; nur Clara spielte mit ihrem Essen, und es schien ihr fast unmöglich, einen Bissen hinunter zu bringen.

Artur munterte sie lächelnd auf, sich selbst nicht zu vergessen, und er tat dies, indem er das ausserordentlich schöne Aussehen der Kartoffeln lobte; darauf erfolgte nun natürlicherweise die Einladung des alten Herrn, auch eine zu versuchen, und er forderte Clara zu diesem Zweck alsbald auf, einen Teller zu bringen.

Dies lehnte aber Artur eifrigst ab, und nach einigem Hin- und Herreden, Nötigen und Weigern entschloss er sich endlich, einen Bissen von dem Teller der Tänzerin und zwar mit deren Gabel zu nehmen. Hiebei bewährte sich nun aber das Sprichwort, dass der Appetit während des Essens kommt, denn dem ersten Bissen folgte ein zweiter, ein dritter und ein vierter, zwischen welchen aber jedes Mal die Gabel gewechselt wurde, das heisst, einmal nahm sie Clara, und dann erhielt sie der Maler wieder. Da sich hiebei auch ihre hände berührten, ihre Blicke viel Schönes zu einander sprachen, und das Haar der Tänzerin häufig sein Gesicht streifte, so hielt Artur ein Mittagsmahl, wie es kein König besser und köstlicher haben konnte.

Leider war das Diner bald zu Ende; aber als sich nun Artur endlich alles Ernstes entfernen wollte, denn sein Herz war übervoll, meinte das Bübchen, nach dem Essen ginge man nicht gleich fort, wie es schon gehört habe, und bat den Maler, er möge nun so artig sein, ihm eine Schlange oder ein Krokodil zu machen. Er brachte desshalb seine Tafel herbei, zerrte den Künstler an das Fenster und zwang ihn, dort wieder Platz zu nehmen.

Der alte Mann stellte sich einen Augenblick daneben, und nachdem er seinen Sohn vergeblich ersucht, den Herrn nicht zu plagen, verlor er sich in's Vorzimmer, wo er sich auf einen Stuhl setzte, ein Taschentuch über sein Gesicht hing und ein kleines Mittagsschläfchen machte.

Die jüngere Schwester und Clara räumten den Tisch ab, dann setzte sich letztere an die andere Seite desselben. Artur hatte die Tafel ergriffen und entwarf eine solch' riesenhafte Schlange, dass die berühmte des Kapitän Boa dagegen nur ein Regenwurm war. Während des Zeichnens aber warf er einen blick im Zimmer umher, und als er bemerkte, dass das kleine Mädchen in einer Ecke neben dem Ofen mit dem Spülen des Geschirrs beschäftigt und die tür des Vorzimmers fest zugezogen war, sagte er zu Clara: "Sind Sie mir böse, dass ich hergekommen?" worauf diese nach einer Pause erwiderte: "Ich hatte mir wohl gedacht, dass dies am Ende geschehen würde."

"Aber erst viel später," entgegnete Artur, "denn ich hätte Ihren Befehl gewiss respektirt; aber es ist so, wie Ihr Vater gesagt: wir trafen uns bei dem Buchhändler, und wenn auch hier nicht Ihre wohnung gewesen wäre, so hätte ich doch den Uebersetzer von Onkel Tom's Hütte aufsuchen müssen. – Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht?"

Clara schüttelte den