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Auflagen, weit grössere Verbreitung finden, als diese tiefen Schatten. Aber leider gibt es so viele Menschen, denen es nur im Trüben wohl ist."

"Und die das Licht scheuen," entgegnete Herr Staiger ernst und feierlich und sah wie träumend an die Decke des Zimmers. – – "Aber sie sind mächtig in ihrem Schatten," sprach er nach einer längeren Pause, "und sie beschwören ihn von allen Seiten herauf durch heuchlerische Gebete und Zuschautragen von falscher Busse. Wie dichter Nebel steigt es langsam empor und kämpft mit den heiteren Sonnenstrahlen; aber glauben Sie mir, diese Nacht wird das Licht überwältigen; langsam aber sicher wird der heitere Glanz eines lustigen und darum doch nicht sündenhafteren Erdenlebens verschwinden. Der Gesang fröhlicher Vögel verstummt, denn diese lieben das Sonnenlicht, und nur Geschöpfe der Nacht werden sich künftig gütlich tun in den dichten grauen, stinkenden Nebeln, die sich langsam aber sicher um uns schlingen; – der Gesang der Freude verstummt nach und nach, und der einzige Klang, der noch an unser Ohr schlägt, ruft uns melancholisch und traurig zu: tut Busse, geht in euch; ihr habt kein Recht auf das freundliche Sonnenlicht, das ein gütiger Schöpfer ausströmen lässt durch das ganze Firmament; ihr habt kein Recht an den Genuss dieser Erdengüter, an Lust und Freude; denn ihr seid allesammt geborne Sünder und unwert der Gnade! – Doch ich predige Ihnen da schreckliche Sachen vor," unterbrach sich der alte Mann plötzlich, indem er mit der Hand über die Augen fuhr. "Sie sind ja jung, gewiss auch glücklich, und sehen mir gerade aus wie Jemand, der die Kraft in sich fühlt, des Lebens Güter im rechten Masse zu geniessen. Tun Sie also und es wird Sie nicht gereuen! – Aber wovon sprachen wir doch, ehe ich ein so finsterer Seher ward? – Ah! richtig, von den Werken Sealfields! – Ja, das ist wahr, an diesen frischen kräftigen Schilderungen, an diesem buch, dem die Wahrheit aus den Augen spricht, erfreut sich mein Herz. Das ist ein Leben, wie es wirklich ist; das sind Geschöpfe, wie sie existiren, keine krankhaften Gestalten, die unter allen Verhältnissen die rechte Backe hinhalten, nachdem die Linke ihren Schlag empfangen. – Sehen Sie, wenn ich müd und matt vom arbeiten bin, da habe ich so meine Stellen, die ich durchlese, wie diese hier, wo das Zeichen ist."

Das Bübchen, das sich bei diesen für ihn unverständlichen Reden offenbar gelangweilt hatte, war unterdessen dem Maler näher und näher gerückt, hatte zuerst sanft seinen Rock berührt, dann seinen Hut von einem benachbarten stuhl genommen und probirte ihn nun statt der früheren militärischen Kopfbedekkung.

"So einen Hut möchte ich auch," sagte es plötzlich und stellte sich vor Artur hin, so dass dieser laut auflachte über den komischen Anblick des kleinen Mannes.

"Da musst du erst gross werden," erwiderte er, "da wird es dir hoffentlich nicht an einem solchen hut fehlen."

"Vor allen Dingen musst du aber erst etwas Tüchtiges lernen," meinte der Vater. "Aber jetzt lege den Hut wieder dahin; es ist nicht schicklich, Sachen anzugreifen, die einem nicht gehören. Wenn das Clara sähe, würde sie böse werden."

Auf diese Mahnung hin legte Karl den Hut wieder auf den Stuhl und wandte sich dann mit der naiven Frage an Artur: "Hast du denn auch Etwas gelernt?"

"O ja," entgegnete dieser lächelnd; "und Etwas, das dir gewiss grosse Freude machen wird, wenn ich es dir zeige."

"Was ist denn das?"

"Ich habe Zeichnen und Malen gelernt. Wenn ich wieder komme und du hast ein klein Blatt Papier und ein Bleistift, so will ich dir zeigen, was ich kann."

"Eine Tafel habe ich," entgegnete das Bübchen, "und darauf malt Clara allerlei schöne Sachen."

"So lass mich sehen, was dir Clara malt," sagte eifrig der junge Mann.

"Jetzt habe ich es ausgewischt," erwiderte der Kleine; "aber sie kann mir die schönsten Schlangen malen, auch Krokodile, Soldaten und Offiziere."

"So, auch Offiziere?"

"Ja freilich; die haben Alle einen grossen Schnurrbart, einen dünnen Leib und gerade Beine."

In diesem Augenblicke wandte das Bübchen hastig seinen Kopf herum, dann brach es plötzlich alle Unterhaltung ab, indem es jubelnd rief: "Clara kommt!" und zur tür hinaus in's Vorzimmer eilte.

Die Schwester musste ebenfalls Tritte auf der Treppe gehört haben, denn auch sie war hinausgegangen, kluger Weise, um Clara auf den unbekannten Besuch vorzubereiten.

Artur erhob sich von seinem stuhl; ihm klopfte das Herz und er fühlte sich ungemein befangen. Wie wird sie diesen plötzlichen Besuch aufnehmen? dachte er. Wird sie nicht zürnen, da sie dir ausdrücklich verboten, das Haus ihres Vaters zu besuchen? – Daran war aber jetzt nichts mehr zu ändern, und der Maler hoffte, dass sich schon gelegenheit geben würde, eine kleine Verstimmung des geliebten Mädchens in die erlaubnis umzuwandeln, von jetzt ab ferner kommen zu dürfen.

"Und wer ist es denn?" vernahm er jetzt die stimme Clara's im Vorzimmer, worauf das kleine Mädchen Etwas zischelte, was man nicht verstand, das Bübchen aber laut erwiderte: "Ein