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Hofteater bezog, oder ob er am Ende Kunde hatte, dass der vor ihm sitzende junge Mann seine Clara schon zum öfteren Male nach der Balkenstrasse begleitet habe.

Doch fuhr der alte Herr gleich darauf arglos fort: "Meine Tochter ist bei dem Ballet angestellt, und da wäre es doch möglich, dass Sie vielleicht schon ihren Namen gelesen und sie gesehen haben."

"Clara tanzt sehr schön," sagte das Bübchen mit Bestimmteit; worauf es sich aber augenblicklich dieser Worte schämte und seinen Kopf unter den Arm des Vaters verbarg.

"Woher weisst du das, kleiner Mann?" fragte Artur lachend. "Du gehst doch gewiss noch nicht in's Teater."

"Sie haben bei der Schwester so lange gebettelt," antwortete Herr Staiger statt des Gefragten, "bis Clara sie einst in eine Generalprobe nahm. Auch übt sie sich zuweilen hier zu haus."

"Dort an der Stange," setzte der Knabe hinzu; "und dann hat sie ein kurzes Röckchen an und einen schwarzen Spenser. Wenn du es einmal sehen willst, so musst du morgen früh kommen; jetzt ist es dazu zu spät, denn wir werden gleich essen."

"Das ist wahr; daran habe ich nicht gedacht," entgegnete Artur, "und ich bin zu einer ganz ungelegenen Zeit gekommen."

"Clara wird gleich nach haus kommen," sprach das Bübchen, "dann kannst du sie sehen. Aber tanzen tut sie nicht."

"Ich wäre auch zu einer schicklicheren Stunde gekommen," fuhr Artur fort, anscheinend ohne auf das Geplauder des Kleinen zu achten, "aber Sie sagten mir selbst, von zwölf bis Eins sei die Stunde Ihrer Ruhe."

Es ist für alle Fälle des Lebens gut, wenn der Mensch mit Verstand und überlegung zu lügen versteht.

"Die Kinder plaudern immer von dem, was sie am liebsten tun," erwiderte Herr Staiger; "und dazu gehört namentlich das Essen."

"Wir haben heute Kartoffeln mit Gänsefett," sagte Karl mit dem grössten Ernst; "und das mag ich; vielleicht bringt auch Clara eine Wurst mit. Willst du mitessen?"

Die vorsichtigere und einige Jahre ältere Schwester hatte sich in diesem Augenblicke hinter den Stuhl ihres Vaters geschlichen und zog den kleinen Indiskreten ein paar Schritte zurück: erstens, um ihm die Nase zu putzen, und zweitens, um ihm artiges Betragen einzuschärfen. Doch war er nicht so leicht von dem gastein solcher war nämlich in der Familie etwas Selteneswegzubringen, und Artur ermunterte ihn, da ihm die unbefangenen Reden des Kleinen Spass machten.

Herr Staiger zog unter seinen Papieren einen beschriebenen Bogen hervor und sagte: "Sie haben mich neulich gebeten, einige Momente aufzuschreiben, die ich zu Illustrationen für besonders geeignet hielte. Ich habe es mit Schüchternheit getan, und hier sind nun ein paar verzeichnet. Man muss natürlich die grassesten Episoden hervor heben, und daran fehlt es in dem buch nicht. Es ist da zusammen getragen, was ein Menschenherz nur erschüttern und zerschmettern kann."

"Und lässt sich leicht zeichnen," versetzte Artur, "da dort Alles ohne Scheu und öffentlich vor sich geht. – Aber gerade diese Oeffentlichkeit," fuhr er fort, "mit der jene Sachen in den Sklavenstaaten betrieben werden, gewährt für die armen Schlachtopfer eine Art Trost. Man bringt sie auf den Markt, sie wissen, dass sie verkauft werden, es geht das Alles nach bestimmten, wenn auch harten Gesetzen, nicht wie bei uns, wo dieselben schauderhaften Geschichten im Geheimen und mit raffinirter Grausamkeit betrieben werden. Hier wäre es schwieriger, eine Onkel Tom's Hütte zu illustriren, denn man kann dem hiesigen Sklavenhändler nicht das Zeichen seiner Würde, die grosse Peitsche anhängen. Der ist hier gekleidet, wie jeder andere ehrliche Mensch auch, und verschwindet förmlich unter der Menge ohne besondere Kennzeichen."

"Ein Merkmal haben sie doch öfters an sich," sagte der alte Mann nachdenkend, indem ein leichtes Lächeln über seine Züge flog; "sie schlagen gern die Augen nieder, befleissigen sich eines scheinheiligen und äusserlich sehr frommen Lebens."

"Ah ja! von denen, die keine Betstunde versäumen und dagegen ihren sündigen Nebenmenschen mit so leichtem Gewicht messen!"

"Und Zehn vom Hundert nehmen."

"Und Rechnungen zum zweiten Male schicken, wenn sie vielleicht voraussetzen, man habe die Quittung von der ersten verloren."

"Ah! wir kommen da in's Zeug hinein," sprach lachend der alte Mann, "wie ein paar böse Klatschschwestern bei ihrem Kaffee. Ich ertappe mich in jüngster Zeit leider oftmals über so menschenfeindlichen Gedanken, die mir früher gänzlich fremd waren. Ich weiss nicht, was daran schuld ist."

"Vielleicht die Uebersetzung Ihres Buches; man stellt da Vergleichungen an über Menschen und Zustände, die gerade nicht zur Erheiterung und zum Erhalten der guten Laune beitragen."

"Darin haben Sie nicht ganz Unrecht," meinte der alte Mann. "Aber wenn ich lange übersetzt habe, so nehme ich gewöhnlich ein angenehmes Gegengift; hier habe ich es in diesen Büchern."

"Ah! Charles Sealsfield!" erwiderte Artur freudig, indem er eins der dargereichten Bücher aufschlug und den Titel las. "Das sind herrliche, liebenswürdige Schilderungen desselben Lebens, welches uns die Verfasserin von Onkel Toms Hütte gibt. Ginge es dem Rechten nach, so müssten diese Lichtstrahlen weit mehr