zurecht, du siehst ein wenig zerzaust aus."
Damit ging sie an ihren Kochherd zurück, während Artur zu gleicher Zeit durch das fast dunkle Vorzimmer schritt und nun an die tür des Wohnzimmers klopfte.
"Herein!" klang es ihm entgegen: und eine feine Kinderstimme setzte hinzu: "Wenn's kein Schneider ist!"
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Illustrationen.
Artur hatte sich vorgenommen, die wohnung des Mädchens, das er still und wahr liebte, behaglich und angenehm zu finden, wenn auch gerade nicht viel von dem, was zum Comfort des Lebens gehört. Das Vorzimmer erschien ihm aber etwas zu ärmlich; er bemerkte Nichts als in einer Ecke ein Bett und in der anderen einen alten Stuhl. Das Wohnzimmer kennt der geneigte Leser bereits; wenn er es auch nur bei Nacht gesehen, so müssen wir ihm doch leider die Versicherung geben, dass es heute beim trüben Tageslicht – einem falben Lichte, das sich kaum notdürftig durch die hohen, finsteren Dächer und den Schnee und Regen, der draussen fiel, herein stehlen konnte, – nicht viel wohnlicher aussah.
Herr Staiger in seinem unvermeidlichen blauen Ueberrock sass am Fenster und schrieb wie immer eifrig darauf los. Wärmer war es heute freilich in dem Zimmer, als an jenem Abend, und das kam daher, weil das kleine Mädchen gerade im Begriff war, einen Topf Kartoffeln in dem Ofen sieden zu lassen. Die tür desselben stand halb offen, und es drang ein leichter Wasserdampf daraus hervor, der von dem Bübchen, das neben seiner Schwester stand, begierig aufgesogen wurde.
Der alte Mann an dem Fenster richtete seinen blick von der Arbeit auf und sah den Eingetretenen scharf an. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe er ihn erkannte, dann aber steckte er die Feder hinter das Ohr, erhob sich freundlich und eilte seinem Bekannten entgegen, um ihm herzlich die Hand zu schütteln.
Das Bübchen schaute aufmerksam zu; es hatte auf seinem kopf einen Hut von Papier in militärischer Form und in der Hand ein sehr kunstlos gearbeitetes hölzernes Schwert. Es hatte vorhin von dem Schneider gesprochen, und als der Fremde eintrat, den Griff seines Schwertes erfasst. Jetzt aber, als es sah, dass der fremde Mann in friedlicher Absicht zu kommen schien, fuhr es mit der Hand an seinen papierenen Hut und grüsste militärisch.
"Sehen Sie, ich halte Wort," sagte Artur, "und wäre schon früher gekommen, aber ich wollte Ihnen Zeit lassen, um wegen unseres Geschäftes zu überlegen."
"Ah! was die Illustrationen anbelangt! Ja, ich habe mich auch schon damit beschäftigt und Einiges aufgeschrieben. Kommen Sie an meinen Arbeitstisch und nehmen Sie Platz."
Artur setzte sich dem alten mann gegenüber an's Fenster und blickte nachdenkend hinaus. Es war dies dasselbe Fenster, durch welches er so oft Licht schimmern sah, wenn es ihm erlaubt war, die Tänzerin bis an's Haus zu begleiten. Jetzt war er ohne ihr Vorwissen in ihr Asyl gedrungen und hatte damit gewissermassen ihren dringenden Wunsch, ihren Befehl übertreten. Doch entschuldigte er sich mit den Umständen, welche ihn hieher geführt, und redete sich ein, er würde ja im Auftrage des Buchhändlers den alten Herrn auch besucht haben, selbst wenn er nicht gerade Clara's Vater wäre, was auch so halb und halb seine Richtigkeit hatte.
"Haben Sie schon an unsere Sache gedacht?" fragte Herr Staiger. "Wird es Ihnen nicht schwer werden, hier in unserem stillen Leben Physiognomien zu Ihren Gebilden zu finden, oder wollen Sie sich ganz Ihrer Phantasie überlassen?"
"Nein, nein!" entgegnete Artur, "ich werde mich so viel als möglich an Personen halten, die mir gerade aufstossen, natürlicherweise, ohne gerade Porträts zu liefern. O, es gibt hier Köpfe, genug, die ganz prächtig für Sklaven und ihre Käufer und Verkäufer passen."
"Glauben Sie?" sagte der alte Mann und sah ihn mit einem leuchtenden Blicke an. "Das habe ich mir auch schon gedacht; und meinen Sie nicht auch, dass es hier bei uns nicht nur Menschen gibt, die den in diesem buch beschriebenen gleichen, sondern dass sich auch für manche unserer Verhältnisse darin grosse Aehnlichkeiten finden?"
"Gewiss!" erwiderte Artur lächelnd, und dachte an Madame Becker und Herrn Blaffer. Dem Gedanken an den letzteren lieh er auch Worte, indem er sagte: "ich würde mir gar gern das Vergnügen machen, unseren gemeinschaftlichen Buchhändler und Freund als Sklavenhändler darzustellen. Aber er wird es nicht zugeben, dass man ihn auf solche Art in Holz schneidet und verewigt."
"Nein, gewiss nicht!" versetzte Herr Staiger. "So Etwas wollen wir auch gar nicht unternehmen; Gott soll mich bewahren! Das müsste mich ohne Weiteres um seine Kundschaft bringen."
Das Bübchen war unterdessen näher geschlichen, steckte den Kopf unter den Arm seines Vaters und sah den fremden Mann mit seinen grossen treuherzigen Augen an.
Notwendigerweise musste jetzt Artur fragen: "Das sind Ihre Kinder, Herr Staiger?"
Und eben so sicher war es, dass der alte Mann darauf antwortete: "Es sind meine beiden jüngsten; meine älteste Tochter wird bald nach haus kommen. Die haben Sie gewiss schon oft gesehen?"
So unbefangen nun diese Frage an und für sich war, so verursachte sie doch dem Maler einiges Herzklopfen, denn er wusste nicht, ob der Vater das öftere Sehen auf das