."
Hierauf schlug Madame Becker das Buch zu und nahm bedächtlich und sichtlich erheitert eine Prise. –
Kopfschüttelnd verliess Artur das alte Haus, stieg nachdenkend die Wendeltreppe wieder hinab und suchte seine Droschke auf, die er in einer Nebenstrasse wartend fand; er stieg hinein und fuhr fort. Wenn er auch als junger Mann von grossem Vermögen, als lustiger Gesellschafter seiner vornehmen Freunde, sowie als Maler in mancherlei Verhältnisse des geheimnissvollen Lebens der grossen Stadt, die er bewohnte, eingeweiht war, so hatte er doch bis jetzt von der Existenz der Madame Becker, sowie von deren eigentlichem Geschäftsbetrieb noch gar keine Ahnung gehabt. Das war ja förmlicher, wohl organisirter Sklavenhandel, nur dass sich das arme Schlachtopfer, welches hier ausersehen und verkauft ward, diesem Handel nicht durch die Flucht entziehen konnte, denn es wusste ja nicht, dass man es verfolgte. Leise und vorsichtig wurden ihm Fallen gestellt, wurden ihm unsichtbare Schlingen um die Füsse gelegt, und auf einmal stürzte es hin, verraten, verkauft, in die arme seiner Verfolger, um darauf hin immer tiefer zu fallen, hinab in den schmutzigsten Schlamm des menschlichen Lebens, der, zäh und gewaltig, seine Beute nicht wieder fahren lässt.
Diese Gedanken hatten den jungen Mann einigermassen unmutig gestimmt, und es war ihm leid, den Brief an seine Adresse überbracht zu haben. "Wer weiss," sagte er sich selbst, "ich bin vielleicht somit die Ursache, dass jenes Weib ihre Kreaturen auf irgend ein armes Mädchen loslässt! – Aber," tröstete er sich, "was ich nicht getan, hätte morgen der Postbote besorgt, gewiss nicht harmloser und unwissender als ich heute."
Arturs Selbstgespräch wurde hier unterbrochen, als er an einer vorher bezeichneten Stelle hielt; er sprang aus dem Wagen, sah sich flüchtig um und eilte nun von den höheren Gegenden der Stadt einem tiefer gelegenen Viertel zu und durchkreuzte mehrere schmale Gassen mit hohen Häusern, deren spitze Giebel vor Alter etwas gegen einander geneigt waren, was im Sommer diese Wege angenehm kühl, im Winter aber frühzeitig dunkel und unendlich schmutzig machte. Auch über kleine Plätze kam er, ging wieder eine Zeit lang an den nächsten Kanal, wie an jenem Abend, wo wir ihn zum ersten Male gesehen, überschritt einige glatte schlüpfrige Brücken und befand sich jetzt am Eingang der Balkenstrasse.
Der geneigte Leser wird vielleicht das Ziel seiner Wanderung erraten. Waren doch schon mehrere Tage verflossen, seit er den alten Herrn Staiger bei seinem Buchhändler getroffen, seit er ihm einen Besuch versprochen, einen Besuch, den er zu machen gedachte, natürlicher Weise nur in der Absicht, um sich Rats zu erholen behufs der Illustrationen zu Onkel Tom. Warum er jetzt gerade zur Mittagsstunde hinging, diese Frage könnten wir dahin beantworten, dass es jetzt überhaupt zu Besuchen die schicklichste Zeit war, denn wir sind weit entfernt, zu glauben, es habe Artur gewusst, dass der Balletsaal um Mittag geschlossen würde und die Tänzerinnen alsdann nach haus gingen.
So oft auch schon der Maler, das müssen wir gestehen, Clara bis an die Haustüre begleitet hatte, so war er doch nur Einmal weiter als zwei bis drei Schritte in den Flur hinein gelangt, und das bei einem fruchtlosen Versuch, ihre Hand noch länger festzuhalten, nachdem sie einige Minuten mit ihm geplaudert hatte. In Fällen wie der vorliegende aber haben sich gewiss viele unserer geneigten Leser schon zurecht gefunden, und Artur tat dies ebenfalls ohne grosse Schwierigkeit. Er passirte den ersten, zweiten und dritten Stock, und nur auf dem vierten geschah es ihm, dass er an eine falsche tür klopfte. Man rief "Herein!" und er sah eine ältliche Frau vor sich, recht anständig gekleidet, die eine weisse Schürze umgebunden hatte und einen Kochlöffel in der linken Hand hielt. Sie kam augenscheinlich von ihrem Herde und beschäftigte sich mit Bereitung ihres Mittagessens, denn ein angenehmer Duft von Zwiebeln und gebratenem Fleische drang auf den gang heraus.
Der junge Mann sah gleich, dass er falsch gegangen war, denn er wusste, dass Clara's Mutter schon vor mehreren Jahren gestorben war.
"Verzeihen Sie," sagte er, "ich suche Herrn Staiger."
Worauf Madame Wundel, die es in eigener person war, ihm freundlich erwiderte, gleich nebenan sei die gesuchte tür, er möge aber nur ohne anzuklopfen durch das Vorzimmer gehen, indem sich dort gewöhnlich Niemand aufhalte.
Artur dankte auf's Freundlichste, was die witwe sehr huldreich und herablassend hinnahm. Sie hatte offenbar ihr Wohlgefallen an dem hübschen jungen mann, und da sie eine brave Frau war, die möglicherweise mit ihren Töchtern Alles gemeinschaftlich genoss, so rief sie diese durch ein leises Räuspern herbei und zeigte ihnen durch die Türschwelle den Besuch, der zu Staigers gehe.
"Die Clara ist aber nicht daheim," sagte die ältere Tochter Emilie, indem sie ihren Kopf so weit als möglich zur tür hinaus streckte.
"Ach was, Clara!" entgegnete die Mutter; "der war von guter und stiller Familie. Der läuft keinen Tänzerinnen nach; ich wette Zehn gegen Eins, der hat den alten Schreiber wegen irgend einer Schuld zu mahnen. – Passt mir auf, Emilie, der kommt bald wieder zurück."
"Ich will ein paar Bücher und Noten draussen auf dem Gange abstäuben," versetzte die ältere und sehr gelehrige Tochter.
"Tu' das, mein Kind," erwiderte die Mutter. "Aber streich' die Haare