eines unverkennbaren Schreckens, von oben bis unten.
"Der Brief ist von dem Herrn Grafen Fohrbach?" fragte sie nach einer Pause.
"Allerdings; ich dachte mir, Sie kennten ja die Handschrift," entgegnete Artur, dem das plötzliche ängstliche Wesen der Frau auffiel.
"Die Handschrift wohl – aber das Siegel? Haben der Herr Graf diesen Brief wohl selbst gesiegelt?"
"Ohne Zweifel; ich glaube nicht, dass er ähnliche Schreiben von Anderen siegeln lässt."
"Sehen wir, sehen wir!" sprach eifrig Madame Becker, indem sie das Couvert hastig abriss. "Wenn er nur was Mögliches verlangt! Heiliger Pancratius! wenn er nur was Mögliches verlangt!"
Sie entfaltete das Schreiben, zog die Augenbrauen in die Höhe, und während sie las, liess sie ihre Unterlippe schlaff herabhängen. Nachdem sie geendigt, schüttelte sie bedeutsam den Kopf und stiess einen tiefen Seufzer aus. – "Sie sind natürlich der Vertraute des Herrn Grafen," sagte sie und blickte den jungen Mann lauernd an; "Sie wissen wahrscheinlich, was in dem Brief steht?"
"Nein, nein, ich weiss es nicht!" entgegnete Artur hastig, dem das sonderbare Wesen der Frau im höchsten Grade auffiel. – "Ich weiss es nicht und verlange es auch nicht zu wissen. Meinen Auftrag habe ich erfüllt: der Brief ist in Ihrer Hand und ich bin fertig." Damit stand er auf.
Gegen alle Regeln der Höflichkeit, die Madame Becker sonst gewissenhaft gegen ihre Kunden, wozu sie auch im geist schon den jungen Mann rechnete, beobachtete, blieb sie nachdenkend auf dem Sopha sitzen, legte die hände in den Schooss und starrte träumerisch vor sich hin. "Das wird rein unmöglich sein," murmelte sie. – "Aber das Siegel! – Wie kommt das Siegel dahin? Das scheint mir ein gemessener Befehl zu sein. – Nun, ich muss Alles versuchen, helf' was helfen mag!" Sie seufzte abermals tief auf, schien dann plötzlich aus ihrem Nachsinnen zu erwachen und sprang eilig vom Sopha in die Höhe, als sie sah, dass sich der junge Mann der tür bereits genähert hatte. Sie zupfte an ihrer Haube, ihre Züge nahmen das uns bekannte Lächeln an, dann rieb sie sich die hände und sagte: "Wenn Sie den Herrn Grafen sehen und etwas sagen wollen, so bitte ich ihm zu vermerken –"
"geben Sie mir keine Kommissionen, Madame," antwortete Artur. "Verstehen Sie mich gar nicht falsch: ich sollte nichts als Ihnen diesen Brief übergeben, kann daher auch durchaus keine Antwort übernehmen. – Ich wünsche recht guten Morgen!"
"So habe ich denn die Ehre, mich Ihnen bestens zu empfehlen," erwiderte die Frau mit einem tiefen Knix. "Bitte, vergessen Sie vorkommenden Falls meine wohnung nicht und wenden sich alsdann an Ihre untertänigste Dienerin!"
Die tür schloss sich hinter dem Maler, Madame Becker öffnete sie nochmals, um Höflichkeits halber auf den gang hinaus zu grinsen, dann zog sie sich in ihr Zimmer zurück, nahm hastig das Couvert von dem Sopha und eilte an's Fenster, wo sie wiederholt das Siegel genau betrachtete. – "Es ist kein Zweifel," murmelte sie, "es ist sein Petschaft, er muss ihn kennen. – Oh je! oh je! Das wirkt freilich mehr, als wenn er mir fünfhundert Gulden versprochen hätte. Also er schreibt: Sie wohnt Balkenstrasse Nr. 40 über vier Treppen, ihr Vater ist, wie ich höre, ein armer Schriftsteller, und das Mädchen müssen Sie kennen, sie heisst Clara Staiger und ist Tänzerin am Hofteater. Tun Sie alle Ihre Schritte, beste Madame Becker, es kommt mir diesmal nicht auf die glänzendste Belohnung an. – – Der braucht mir da wohl Name und wohnung anzugeben! kenne sie wohl mit ihrem Trotz und Hochmut, kenn' die ganze Bagage, den alten Simpel, ihren Vater, und weiss wohl, was ich da zu erwarten habe. – Ei, Herr Graf, da haben wir schon mehrere Mal angebohrt und schöne Antworten bekommen. Der Teufel auch! Das ist eine saubere Kommission! – Wenn nur das Siegel nicht auf dem Briefe stände! – Aber da muss schon ein Uebriges geschehen. Wir wollen das überlegen; ich darf gar nicht mehr in das Haus hinein. Ich glaube, der Alte macht' einen Höllenlärm und hetzt mir sämmtliche Mietsleute auf den Hals. – Wir wollen doch einmal sehen, ob da Niemand aus- und eingezogen ist. Ich habe mich um den Fratz lange nicht mehr bekümmert."
Bei diesen Worten holte sie aus einem alten Schreibtische ein Buch hervor – es war ein Wegweiser der Residenz und – blätterte eifrig darin. – "Balkenstrasse Nr. 36 – 38 – 40. Da ist's! – Ah! ah! Unten wie früher, Belletage und zweiter Stock ebenfalls; dritter Stock: Steuerinspektor Weiss – kenne ich nicht! – vierter Stock: Schriftsteller Staiger, Clara Staiger, Tänzerin. – Aha!" fuhr sie lächelnd fort, "da hat's eine Aenderung gegeben. – Schön! schön! die Frau Wundel ist eingezogen. Na, das gibt einen Anhaltspunkt. – Und wohnt Tür an Tür mit dem hochnasigen Balletmädchen. Die Wundel gehört zu meiner Bekanntschaft, und wenn man der ein paar Kronentaler verspricht, so läuft sie für einen durch's Feuer