1854_Hacklnder_152_100.txt

nachdem er zwei Türen vergeblich geöffnet und in zwei Zimmer geblickt, aus denen ihm eine warme, unangenehme Atmosphäre entgegen drang, wo er zerlumpte und schlecht genährte Kinder auf dem Boden sitzen und scheltende, schmierige Weiber am Kochfeuer stehen sah, welche ihn ziemlich unfreundlich hinaus wiesen, kam er endlich an die wohnung, die er suchte. Es war die dritte tür, an welche er klopfte; von innen rief man "Herein!" und als Artur in das Gemach trat, sah er am Fenster eine Frau stehen, die ihm augenblicklich ein paar Schritte entgegen kam, und, wohl in Folge seines feinen und eleganten Anzugs, einen tiefen Knix machte.

"Ich suche Madame Becker."

"Ihnen aufzuwarten habe ich die Ehre vor Ihnen zu stehen," entgegnete die Frau mit ihrem besten Lächeln, worauf sie abermals knixte und den jungen Mann mit einer Handbewegung bat, auf dem Sopha Platz zu nehmen.

Artur lehnte das aber ab, indem er entgegnete: "Ich danke Ihnen recht sehr; unser Geschäft ist bald abgemacht."

"Sie sind an mich empfohlen?" fragte verschmitzt lächelnd die Frau.

"Das eigentlich nicht," versetzte Artur. "Ich komme nur im Auftrage eines Bekannten, des Grafen Fohrbach."

"Ah! des Herrn Grafen!" sagte die Frau doppelt freundlich. Doch zog sie gleich darauf ihren Mund lächelnd in die Breite, die Augenbrauen in die Höhe, schüttelte bedächtig den Kopf und meinte "der Name des Herrn Grafen ist eine der besten Empfehlungen, – ein charmanter junger Herr! liebenswürdig und gutmütig; aber schwer, schwer im Umgang, das kann ich Sie versichern. Und doch war er nie unzufrieden mit mir. – Nun, wir wollen schon sehen. Bitte recht sehr, gefälligst einen Augenblick Platz zu nehmen."

Den Maler interessirte das Gesicht der Frau; er schaute sie mit einem prüfenden Blicke an und studirte offenbar in diesen seltsamen Zügen, die Verschlagenheit, Gutmütigkeit, List neben anderen gewiss recht schlimmen Leidenschaften ausdrückten. – Er zog das Billet aus der tasche hervor, um es Madame Becker darzureichen.

"Ah! noch eine schriftliche Empfehlung!" sagte diese; "das wäre vollkommen unnötig gewesen, der Herr empfehlen sich schon hinlänglich durch Ihr angenehmes Aeussere, und da ich durch den Namen des Herrn Grafen sicher bin, auf alle Verschwiegenheit rechnen zu können, so bitte ich nur frei heraus zu sagen, womit ich dienen soll."

"Und womit können Sie mir eigentlich dienen?" fragte lächelnd Artur, den diese sonderbare Unterhaltung zu interessiren begann.

"Ah! das ist eine seltsame Frage," entgegnete Madame Becker, während sie ihren Mund spitzte und den Versuch machte, schelmisch auszusehen. "Ich erwarte nur Ihre Befehle, wie es Ihnen der Herr Graf auch wohl gesagt haben wird. Anbieten kann ich Ihnen Nichts, das werden Sie natürlicherweise bei mir voraussetzen; aber die ganze Stadt kenne ich wie meine tasche, und wenn Sie mir einen Namen nennen, Strasse, Haus und Nummer, so erfahren Sie in wenig Tagen, ob ein Besuch möglich oder unmöglich ist."

"Ah so!" versetzte Artur laut lachend. "Vorderhand ist es mir nicht möglich, Ihnen irgend dergleichen anzugeben, da ich selbst darüber noch im Unklaren bin."

"Das tut auch Nichts," antwortete wichtig die Frau, indem sie die rechte Hand auf die Hüfte legte und mit dem Zeigefinger der linken den jungen Mann vertraulich auf den Arm stiess. "Wir kennen unser Geschäft. Eine Beschreibung der person, eine Strasse, wo sie meistens gesehen wird, ein Haus, in das sie häufig geht, das ist Alles, und dann verlassen Sie sich auf Madame Becker; es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn wir in acht Tagen nicht wüssten, woran wir sind."

"Nun, ich will mir das merken," sprach immer noch lachend der Maler; "aber vorderhand bin ich nur bei Ihnen, um diesen Brief zu übergeben."

"Richtig, den Brief!" entgegnete die Frau. "Das hätten wir bald vergessen. Nehmen Sie einstweilen Platz; ich will meine Brille holen. In die Ferne sehe ich natürlicherweise wie ein Falke, aber mit dem Geschriebenen geht's nicht mehr so leicht. Und dann haben der Herr Graf eine feine, kaum leserliche Hand wie ein Frauenzimmer."

Mit diesen Worten eilte sie in's Nebenzimmer und Artur liess sich auf dem Sopha nieder.

Gleich darauf kam Madame Becker zurück, setzte sich neben den Maler und nahm aus einem Futteral eine Brille, die sie mit grosser Bedächtigkeit auf ihrer Nase befestigte. Dann nahm sie den Brief in die Hand und sagte: "Gewiss, gewiss, lieber Herr, mit Seiner Gnaden, dem Grafen Fohrbach, ist es eigentlich schwer Geschäfte zu machen. Das werden Sie wohl einsehen; es ist nicht Alles möglich auf dieser Welt, und meistens ist er auf das Unmögliche versessen. – Nun, wir wollen sehen!"

Damit brachte sie das Billet dicht an die Augengläser, las die Adresse, nickte mit dem kopf und wandte alsdann das Schreiben auf die andere Seite, um als eine kluge Frau auch das Siegel zu betrachten. Doch kaum hatte sie einen blick auf die arabischen Buchstaben desselben geworfen, so fuhr sie erschrocken zurück, liess Hand und Brief abermals sinken und betrachtete den neben ihr sitzenden jungen Mann mit einem Ausdrucke der höchsten Ueberraschung, ja