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dem diensteifrigen Collegen zum Glücke des jungen Mädchens für jetzt keine Zeit zu dieser Untersuchung gelassen, denn als er sie beginnen wollte, kamen aus der Seitencoulisse zwei der Tänzerinnen in einem so rasenden Walzer dahergeflogen, dass sie kein Hinderniss beachten konnten und mit solcher Gewalt gegen den ersten Tänzer anprallten, dass dieser weitin auf die Bühne flog und nur durch eine Säule, die er krampfhaft ergriff, vor einem gänzlichen Falle errettet wurde.

Clara, die hocherfreut aber erstaunt war, sich so plötzlich befreit zu sehen, fühlte sich von den beiden Colleginnen ergriffen und musste den tollen Wirbel mitmachen, der in einem weiten Bogen über die Bühne ging und nicht eher endigte, bis alle drei wieder hinter den Coulissen angekommen waren. Dort hielt die Eine, die Kräftigste von Allen, – es war Demoiselle Terese, – das Terzett mit einem plötzlichen Rucke fest, löste ihre arme aus denen der beiden Anderen und liess sich laut lachend auf eine gepolsterte Rasenbank niederfallen. Clara schöpfte einen Augenblick tief Atem, dann sagte sie: "Wie danke ich dir, Terese; du hast mir da aus einer sehr unangenehmen und schmerzlichen Scene weggeholfen."

"Die aber morgen wiederkehren wird, mein Schatz," lachte die Andere.

"O mein Gott, ich weiss das; aber was kann ich dagegen tun? Ich, ohne Schutz, hülflos und allein dastehend!"

"Dagegen kannst du zweierlei tun," entgegnete Demoiselle Terese, indem sie ihren rechten Fuss auf das linke Knie hinaufzog, um ihren Schuh anzusehen, ob er bei dem raschen Walzer keinen Schaden genommen. "Wie ich gesagt habe, zweierlei, entweder du lässt dir die Narrheiten gefallen, du lässt dem lächerlichen Kerl seine Grille –"

"Nie! nie!" rief Clara entrüstet.

"Nun wohl," sagte gleichmütig die Andere, so schaffst du dir einen Liebhaber an, der unserm ersten und zweiten Tänzer und allen Denen, die das Recht zu haben glauben, deine Taille untersuchen zu dürfen, an einem schönen Morgen zwei Worte sagt, ungefähr des Inhalts: "Mein lieber Freund! Wenn Sie sich nochmals unterstehen, der Demoiselle Clara mit der Spitze Ihres Fingers zu nahe zu kommen, so mache ich mir dagegen das Privatvergnügen, Sie dreimal nacheinander auszischen zu lassen."

"Oder," setzte die blonde Tänzerin, welche die Dritte im Bunde gewesen war, hinzu, "dein Liebhaber macht sich das Vergnügen, Abends in einer dunklen Strasse dem ersten Tänzer oder sonst Jemand ein paar freundliche Worte zu sagen."

"Darnach der Liebhaber ist," antwortete Terese mit etwas verächtlichem Tone, "kann das auch geschehen; doch ist es nicht sehr nobel."

"Aber ich will keinen Liebhaber," versetzte schüchtern das junge Mädchen, dem diese Ratschläge gegeben wurden. "O mein Gott, ich bin eine Tänzerin, das ist wahr, aber ich habe mich doch zu sonst nichts verkauft."

"Aber verkauft hast du dich," entgegnete Demoiselle Terese, und umspannte mit ihren beiden Händen ihre schlanke Taille. "Verkauft haben wir uns Alle mit Leib und Seele."

"Das wäre ja schrecklich!" meinte die blonde Tänzerin. "Nein, Terese, du übertreibst; ich habe mich nicht verkauft."

"Du hast dich nicht verkauft?" fragte Terese hochmütig, indem sie sich stolz aufrichtete und ihre blitzenden Augen so fest auf die Collegin richtete, dass diese die ihrigen scheu zu Boden niederschlug. "Wir sind hier unter uns, und ich für meine person will mich wahrhaftig nicht besser machen als ich bin. Erinnerst du dich noches sind jetzt drei Jahre, wir Beide waren damals Sechszehn altweisst du noch, Schatz, wie man dir eine Zulage versprochen und wie dich der Balletmeister da hinten in's blaue Zimmer bestellte, in das blaue Zimmer mit dem gelben Sopha? – Ja, mein Kind, du bekamst eine Zulage, das heisst, du erhieltest sie später, abersprechen wir nicht mehr davon. – Hat man dir noch keine Zulage versprochen, meine schöne Clara?"

"Nein, nein," entgegnete diese finster, "wenn man mir sie auch verspricht, so gehe ich doch nicht in's blaue Zimmer."

"Das wird man dir schon sagen, mein Lieb," erwiderte finster lachend Terese. "Man bestellt dich und du kommst. Damit ist die Sache abgemacht."

"Ich bin keine Sclavin," versetzte stolz die junge Tänzerin. Und dabei warf sie ihre Lippen auf und ihr Auge blitzte.

Terese lächelte still vor sich hin, dann blickte sie in die Höhe zu einem gemalten Palmbaume, der seine riesige Blätterkrone über die drei Mädchen ausstreckte und sagte: "wir stehen gerade unter dem rechten Symbol; du meinst, wir seien keine Sclavinnen, das heisst Sclavinnen, was die Leute so darunter verstehen. Sclavinnen, die in jenen Ländern wohnen unter einem freundlich lachenden und sonnigen Himmel, von Blumen umgeben und schönen Früchten, die nicht Kälte und Hunger kennen. Nein, du hast Recht, solche Sclavinnen sind wir nicht. – Aber unsere Sclaverei ist viel härter, viel dauernder, viel grausamer. Diejenigen, welche mit einem dunkeln gesicht auf die Welt kommen, wissen ganz genau, dass einmal eine Abstufung zwischen ihnen und ihren weissen Schwestern besteht; warum hat Gott die beiden Racen geschaffen? Er hat wohl seine Gründe dazu gehabt. Aber w i r , Sclavinnen