Friedrich Wilhelm von Hackländer
Europäisches Sklavenleben
Erster Band
Erstes Kapitel.
Der Teaterwagen.
Es ist eigentümlich, teurer und geneigter Leser, dass man beim Beginn einer geschichte so gern Betrachtungen über das Wetter anstellt, – eigentümlich, aber durchaus notwendig. Was wollte man zum Beispiel von einem Gemälde halten, wo sich die Figuren – und wären sie auch noch so interessant – in einer Staffage bewegten, von der man nicht sagen könnte, von welcher der vier Jahreszeiten sie gerade beherrscht werde. Es bringt den Leser nichts so in eine angenehme Stimmung, als wenn er beim Beginn eines Kapitels erfährt, die Sonne habe mit voller Glut geschienen, der Wind habe gesaust oder der Regen in schweren Tropfen an die Fensterscheiben geklatscht. Bei uns findet er aber von diesen drei ebengenannten Dingen nichts; unsere einfache und dieses Mal vorzugsweise sehr wahrhaftige geschichte beginnt im Winter, – jener Jahreszeit, wo man die natur als erstorben betrachtet, ihr als unschön so gern den rücken kehrt, um in glänzende, durchwärmte Säle einzutreten und sich an künstlichen Blumen und Freuden zu ergötzen, da man lebendige und natürliche so wenige gefunden.
Aber man tut Unrecht, geneigter Leser; es gibt Wintertage, deren eigentümliche Schönheit wir nicht vertauschen möchten für den blütenreichsten Frühlingsmorgen, für den glänzendsten Sommerabend. Wir meinen nämlich einen Wintertag, wo die Erde nach einem Tauwetter oder nach einem gelinden Regen mit schweren Nebeln bedeckt war, wo alsdann diese Nebel durch eine plötzliche Kälte zu dichtem Reif erstarrten, wo sich der Boden mit einem Male weiss bezog, ohne aber verhüllt zu sein durch eine langweilige einförmige Schneedecke, die in ihrem kalten Gleichheitsprinzip Berg und Tal zudeckt und ohne Unterschied begräbt und verbirgt endlose Wiesen und Moorgründe, stille Täler, kleine Seen und allerliebste Gärten. – Gewiss, jener so plötzlich angesetzte Reif ist wunderbar schön; jene Verhüllung, wo doch Alles in seiner ursprünglichen Gestalt erscheint, nur mit weissem, feinem Pelze bedeckt. Die dunkle Erde schimmert leicht durch den Flaum, es ist kein Tal, keine Schlucht verdeckt: Alles behält die ihm eigene Gestalt. Dort auf der Wiese scheint weisses Gras zu wachsen; die kleinen Sträucher sind mit den feinsten Kristallen bedeckt; wenn man einen Baum ansieht, so möchte man darauf schwören, seine Zweige seien von Zucker und er erwarte nur, wie er da ist, auf irgend eine Weihnachtstafel gesetzt zu werden.
Dabei ist die Luft klar und scharf, und wenn du einen Berg hinansteigst, so zieht dein Atem in einer bläulichen Wolke dir voraus; während du aber durch den Hohlweg gehst, um zu dem Plateau zu gelangen, wo die alte Strasse mit der neuen Chaussee zusammentrifft, und wo du die weite, grosse Stadt übersehen kannst, versäume es ja nicht, rechts und links zu blikken und dir genau zu betrachten einen Stein, einen Strauch, ja jeden Gegenstand, den du willst; denn wenn du am heutigen glückseligen Tage irgend etwas genau untersuchst, so entdeckst du Zaubereien ohne Ende, ganze Eiswelten in jedem Massstabe. Hier von der Wand des Hohlwegs herab hingen gestern noch die kahlen erstorbenen Zweige einer Brombeerstaude, nass, fast triefend von dem angesetzten Nebel, heute ist daraus ein Brillantschmuck geworden, würdig, den Hut einer Fürstin zu zieren, ein Schmuck von Tausenden von Diamantblumen in der phantastischsten Gestalt, und jetzt, wo ein Strahl der Sonne darüber hingleitet, glänzend wie eine ganze Million von Lichtbergen. Ja, so ein Tag verschönert mehr als Frühlingsluft und Sommerhitze; bemerken wir nicht hier neben uns einen Erdhaufen, gestern noch kahl, mit einigen mageren Grashalmen und zerstreutem Stroh, der heute mit einem Mal eine ganze Eisresidenz geworden! Weisse Steine bilden eine förmliche Stadt, die rings von Zaubergärten eingeschlossen ist; man muss nur genau hinsehen und das Ding nicht oberflächlich betrachten. Es sind da Strassen und Plätze mit den regelmässigsten Alleen von weissbereiften Grashalmen, auch imposante Waldungen; nur Alles, was im Sommer grün erscheint, ist jetzt weiss und hat eine fabelhafte Form. – Ah! es ist schade, dass unsere Illusion durch einen Sperling gestört wird, der jetzt plötzlich in die Stadt hineinfliegt und den grössten Platz mit seinen beiden Füssen bedeckt. Aber auch er gehört zur Zauberwelt, denn wie er jetzt nach einem Regenwurme pickt, den Kopf in den Reif steckt, ihn wieder empor hebt, und ihn dann mit der Beute hin und her schlenkert, stieben von allen Seiten funkelnde Brillanten davon. Doch gehen wir weiter.
Wenn wir uns auch nicht mehr so in's Detail einlassen wollen, so erblicken wir doch Sachen, die nicht minder merkwürdig sind. Auf der Spitze des berges steht eine kleine Laube, vom Ende eines Gehölzes blickt sie in's Tal; ihre Mauern haben eine rötliche Farbe, zwei Fenster funkeln wie Augen. über das Dach schlingen sich wilde Reben, vielleicht auch Geisblatt, und hängen an den Seiten herab, Alles mit Reif überzogen; sie verleihen der Front des Häuschens, das in der Entfernung wie ein colossales Riesenhaupt aussieht, schneeweisses Haar und silberfarbenen Bart. Es ist täuschend, dies Riesenhaupt, und wenn man es so über den Berg herüberlugen sieht, so wendet man unwillkürlich seinen blick, um zu sehen, was es da unten Merkwürdiges gebe.
Ah! es ist die grosse Stadt, die vor uns weit ausgestreckt im Tale liegt; in allen Farben zeigen sich die Häuser, ein wahres Chaos von Grau, Grün, Rot, Blau, Schwarz mit ebenso vielen Schattirungen und unbeschreiblichen Tönen. Dazwischen heben