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an, ich musste jeder einzelnen danken und sie ebenfalls ansehen, was ich ohnehin getan hätte, da mir jede dieser Gestalten ihres ausgeprägten Lebens und Schicksales wegen auffallen musste. Manchmal war eine noch hohe und kraftvolle alte Frau darunter, welche aufrecht heranschritt und mit Seelenruhe auf mich sah, dann folgte aber gleich wieder ein gebeugtes Mütterchen, welche an ihrem eigenen Leiden dasjenige der Geschiedenen zu kennen und zu schätzen schien Doch wurden die Frauen immer jünger, und in gleichem Verhältnisse mehrte sich die Zahl; die stube war nun vollständig mit dunklen Gestalten angefüllt, die sich herbeidrängten, Weiber von vierzig und dreissig Jahren, voll Beweglichkeit und Neugierde, die verschiedenen Leidenschaften und Eigentümlichkeiten waren kaum durch die gleichmachende Trauerhaltung verschleiert. Der Andrang schien kein Ende nehmen zu wollen; denn nicht nur das ganze Dorf, sondern auch viele Frauen aus der Umgegend waren erschienen, weil die Grossmutter eines grossen Ruhmes unter ihnen genoss, der, zum teil verjährt, jetzt noch einmal in vollem Glanze sich geltend machte. Endlich wurden die hände glätter und weicher, das jüngste Geschlecht zog vorüber, und ich war schon ganz mürbe und müde, als meine Basen herzutraten, mir aufmunternd und freundlich die Hand boten, und gleich hinter ihnen, wie ein Himmelsbote, die allerliebste Anna, welche, blass und aufgeregt, mir flüchtig das Händchen reichte und schimmernde Tränen darüber fallen liess. Weil ich seltsamerweise gar nicht an sie gedacht und auf sie gehofft hatte, schwebte sie mir jetzt um so überraschender und reizender vorüber, wie ein Bild aus glücklicheren Räumen.

Zuletzt erschöpfte sich doch die Frauenwelt, und wir traten vor das Haus, wo eine unabsehbare Schar bedächtiger Männer harrte, um mit uns, die wieder eine Reihe bildeten, den gleichen Gebrauch vorzunehmen. Sie machten es zwar bedeutend kürzer und rascher als ihre Weiber, Töchter und Schwestern, allein dafür gebrauchten sie ihre schwieligen harten hände wie Schmiedezangen und Schraubstöcke, und aus mancher Faust brauner Ackermänner glaubte ich meine Hand nicht mehr heil zurückzuziehen.

Endlich schwankte der Sarg vor uns her, die Weiber schluchzten, und die Männer sahen bedenklich und verlegen vor sich nieder, der Geistliche erschien auch und machte seine Würde geltend, und ohne viel zu wissen, wie es zugegangen, sah ich mich endlich an der Spitze des langen Zuges auf dem Kirchhofe und dann in die kühle Kirche versetzt, welche von der Gemeinde ganz angefüllt wurde. Ich hörte nun mit Verwunderung und Aufmerksamkeit den ursprünglichen Familiennamen, die Abstammung, das Alter, den Lebenslauf und das Lob der Grossmutter von der Kanzel verkünden und stimmte von Herzen in das Versöhnungs- und Ruhelied, welches zum Schlusse gesungen wurde. Als ich aber die Schaufeln klingen hörte vor der Kirchentür, drängte ich mich hinaus, um in das Grab zu schauen. Der einfache Sarg lag schon darin, viele Menschen standen umher und weinten, die Schollen fielen hart auf den Deckel und verbargen ihn allmählich; ich sah erstaunt hinein und kam mir fremd und verwundert vor, und die Tote in der Erde erschien mir auch fremd, und ich fand keine Tränen. Erst als es mir durch den Sinn fuhr, dass es die leibliche Mutter meines Vaters gewesen, und an meine Mutter dachte, welche einst auch also in die Erde gelegt werde, da vergegenwärtigte sich mir wieder mein Zusammenhang mit diesem grab, und das harte Wort "Ein Geschlecht vergeht und das andere entsteht!" verlor die scheinbare Kälte seiner notwendigkeit.

Der eingeladene teil der Versammlung begab sich nun wieder nach dem Trauerhause, dessen Räume alle mit den Vorrichtungen des Leichenmahles erfüllt waren. Als man zu Tische sass, versetzte mich die Sitte wieder an die Seite des finstern Witwers, wo ich zwei volle Stunden aushalten musste, ohne mit jemandem sprechen zu können, solange die erste herkömmliche Essenszeit mit allen ihren unvermeidlichen Gerichten dauerte. Ich sah die lange Tafel hinunter und suchte den Schulmeister und sein Kind, welche auch anwesend waren; sie mussten aber im anstossenden Zimmer sein, denn ich fand sie nicht.

Anfänglich wurde mässig und bedächtig gesprochen und die speisen in grosser Ehrbarkeit eingenommen. Die Bauern sassen aufrecht an ihre Stühle oder an die Wand gelehnt, in beträchtlichem Abstand vom Tische, und stachen die Fleischbissen mit feierlich ausgestrecktem arme an, die Gabel am äussersten Ende haltend. So führten sie ihre Beute auf dem weitesten Wege zum mund und tranken den Wein in kleinen, züchtigen, aber häufigen Zügen. Die Aufwärterinnen trugen die breiten Zinnschüsseln in erhobenen Händen in der Höhe ihres Gesichtes heran, mit gemessenem Paradeschritt, die Hüften gewaltig hin und her wiegend. Wo sie die Tracht auf den Tisch setzten, mussten die beiden Zunächstsitzenden einen Wettstreit beginnen, indem sie ihnen ihre Gläser zum Trinken boten und jeder wenigstens zwei gute Witze auf den Nebenbuhler losliess; dieser kleine Kampf wurde dann dadurch geschlichtet, dass die Aufwärterin aus jedem Glase nippte und mehr oder weniger zufrieden mit der Ausführung dieser Etikette sich zurückzog.

Nach Verfluss zweier langen Stunden wurden die Gerichte feiner und leckerer, die Roheren unter den Gästen näherten sich immer mehr dem Tische, legten die arme darauf und begannen nun erst, auf dem möglichst kürzesten Wege, ein ungeheures und heftiges Essen, wozu sie den Wein in tiefen Zügen schluckten. Die Älteren und Feineren aber wurden lauter im gespräche, rückten ihre Stühle mehr zusammen und liessen die Unterhaltung allmählich in eine gehaltene Fröhlichkeit übergehen. Diese war wohl zu unterscheiden von einer gewöhnlichen lustigen Stimmung und eine symbolische Absicht, welche eine heitere Ergebung in den Lauf der Dinge und das Recht des