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sich ein wenig der vergangenen Nacht zu schämen; überall, wo ich nichts gewahrte, sah sie verborgene Blüten und brach dieselben, dass sie bald alle hände voll zu tragen hatte. An einer Stelle, wo das wasser sich in einer Erweiterung des Bettes sammelte und stillestand, warf sie ihre sämtliche Last zu Boden und sagte "Hier ruht man aus!" Wir setzten uns an den Rand des Teiches; Anna flocht einen feinen Kranz aus den kleinen vornehmen Waldblumen und setzte ihn auf. Nun sah sie ganz aus wie ein holdseliges Märchen, aus der tiefen, dunkelgrünen Flut schaute ihr Bild lächelnd herauf, das weiss und rote Gesicht wie durch ein dunkles Glas fabelhaft überschattet. Aus der gegenüberliegenden Seite des Wassers, nur zwanzig Schritte von uns, stieg eine Felswand empor, beinahe senkrecht und nur mit wenigem Gesträuche behangen. Ihre Steile verkündete, wie tief hier das kleine Gewässer sein müsse, und ihre Höhe betrug diejenige einer grossen Kirche. An der Mitte derselben war eine Vertiefung sichtbar, die in den Stein hineinging und zu welcher man durchaus keinen Zugang entdeckte. Es sah aus wie ein recht breites Fenster an einem Turme. Anna erzählte, dass diese Höhle die Heidenstube genannt würde. "Als das Christentum in das Land drang", sagte sie, "da mussten sich die Heiden verbergen, welche nicht getauft sein wollten. Eine ganze Haushaltung mit vielen Kindern flüchtete sich in das Loch dort oben, man weiss gar nicht auf welche Weise. Und man konnte nicht zu ihnen gelangen, aber sie fanden den Weg auch nicht mehr heraus. Sie hausten und kochten eine Zeitlang, und ein Kindlein nach dem andern fiel ihnen über die Wand herunter ins wasser hier und ertrank. Zuletzt waren nur noch Vater und Mutter übrig und hatten nichts mehr zu essen und nichts zu trinken und zeigten sich als zwei Jammergerippe am Eingange und starrten auf das Grab ihrer Kinder, zuletzt fielen sie vor Schwäche auch herunter, und die ganze Familie liegt in diesem tiefen, tiefen wasser; denn hier geht es so weit hinunter, als der Stein hoch ist!"

Wir schauten, in tiefem Schatten sitzend, in die Höhe, wo der obere teil des grauen Felsens im Sonnenscheine glänzte und die seltsame Vertiefung erhellt war. Wie wir so hinschauten, sahen wir einen blauen glänzenden Rauch aus der Heidenstube dringen und längs der Wand hinsteigen, und wie wir länger hinstarrten, sahen wir ein fremdartiges Weib, lang und hager, in der webenden Rauchwolke stehen, herabblicken aus hohlen Augen und wieder verschwinden. Sprachlos sahen wir hin, Anna schmiegte sich dicht an mich, und ich legte meinen Arm um sie; wir waren erschreckt und doch glücklich, und das Bild der Höhle schwamm verwirrt und verwischt vor unseren emporgerichteten Augen, und als es wieder klar wurde, standen ein Mann und ein Weib in der Höhe und schauten auf uns herab. Eine ganze Orgelpfeifenreihe von Knaben und Mädchen, halb oder ganz nackt, sass unter dem Loche und hing die Beine über die Wand herunter. Alle Augen starrten nach uns, sie lächelten schmerzlich und streckten die hände nach uns aus, wie wenn sie um etwas flehten. Es war uns bange, wir standen eilig auf, Anna flüsterte, indem sie perlende Tränen vergoss "Oh, die armen, armen Heidenleute!" Denn sie glaubte fest, die Geister derselben zu sehen, besonders da man in der Gegend überzeugt war, dass kein menschlicher Weg zu jener Stelle führe. "Wir wollen ihnen etwas opfern", sagte das Mädchen leise zu mir, "damit sie unser Mitleid gewahr werden!" Sie zog eine Münze aus ihrem Beutelchen, ich ahmte ihr nach, und wir legten unsere Spende auf einen Stein, der am Ufer lag. Noch einmal sahen wir hinauf, wo die seltsame Erscheinung uns fortwährend beobachtete und mit dankenden Gebärden nachschaute.

Als wir im dorf anlangten, hiess es, man habe eine Bande Heimatloser in der Gegend gesehen und man würde dieselben nächster Tage aufsuchen, um sie über die Grenze zu bringen. Anna und ich konnten uns nun die Erscheinung erklären, es musste doch ein geheimer Weg dortin führen, welcher nur unter dem unglücklichen volk, das solche Schlupfwinkel braucht, bekannt sein mochte. Wir gaben uns in einem einsamen Winkel feierlich das Wort, den Aufentalt der Armen nicht zu verraten, und hatten nun ein artiges Geheimnis zusammen.

So lebten wir, unbefangen und glücklich, manche Tage dahin, bald ging ich über den Berg, bald kam Anna zu uns, und unsere Freundschaft galt schon für eine ausgemachte Sache, an der niemand ein Arges fand, und ich war am Ende der einzige, welcher heimlich ihr den Namen Liebe gab, weil mir einmal nach alter Weise alles sich zum entschiedenen Romane gestaltete.

Um diese Zeit erkrankte meine Grossmutter, nach und nach, doch immer ernstlicher, und nach wenigen Wochen sah man, dass sie sterben würde. Sie hatte genug gelebt und war müde; solange sie noch bei guten Sinnen war, sah sie gern, wenn ich eine Stunde oder zwei an ihrem Bette verweilte, und ich fügte mich willig dieser Pflicht, obgleich der Anblick ihres Leidens und der Aufentalt in der dumpfen Krankenstube mir ungewohnt und trübselig waren. Als sie aber in das eigentliche Sterben kam, welches mehrere Tage dauerte, wurde mir diese Pflicht zu einer ernsten und strengen Übung. Ich hatte noch nie jemanden sterben sehen und sah nun die bewusstlose oder wenigstens so scheinende Greisin mehrere Tage röchelnd im Todeskampfe