1853_Keller_151_92.txt

wieder zurückschlüpfte, wie ein Mäuschen ins Loch, ohne dass es mir je gelang, sie zu haschen. Sie trieb es so weit, mir immer auf die Augen sehend, dass sie plötzlich eine Bohne, die ich eben ergreifen wollte, meinen Fingern entzog, ohne dass ich wusste, wo dieselbe hingekommen. Katerine bog sich zu mir herüber und flüsterte mir ins Ohr: "Lasst sie nur machen, wenn ihr der Bau endlich zusammenbricht über den vielen Löchern, so muss sie Euch auf jeden Fall küssen!" Anna wusste jedoch sogleich, was die Alte zu mir sagte; sie sprang auf, tanzte dreimal um sich selbst herum, klatschte in die hände und rief: "Er bricht nicht! er bricht nicht! er bricht nicht!" Beim dritten Male gab Katerine mit ihrem fuss dem Tische schnell einen Stoss, und der unterhöhlte Berg stürzte jammervoll zusammen. "Gilt nicht, gilt nicht!" rief Anna so laut und sprang so ausgelassen im Zimmer umher, wie man es gar nicht hinter ihr vermutet hätte. "Ihr habt an den Tisch gestossen, ich hab es wohl gesehen!"

"Es ist nicht wahr", behauptete Katerine, "Heinrich bekommt einen Kuss von dir, du Hexe!"

"Ei, schäme dich doch, so zu lügen, Katerine", sagte das verlegene Kind, und die unerbittliche Magd erwiderte "Sei dem, wie ihm wolle, der Berg ist gefallen, ehe du dich dreimal gedreht hast, und du bist dem Herrn Heinrich einen Kuss schuldig!"

"Den will ich auch schuldig bleiben", rief sie lachend, und ich, selbst froh, der feierlichen Zeremonie entflohen zu sein und doch die Sache zu meinem Vorteile lenkend, sagte "Gut, so versprich mir, dass du mir immer und jederzeit einen Kuss schuldig sein willst!"

"Ja, das will ich", rief sie und schlug leichtsinnig und mutwillig auf meine dargebotene Hand, dass es schallte. Sie war jetzt überhaupt ganz lebendig, laut und beweglich wie Quecksilber und schien ein ganz anderes Wesen zu sein als am Tage. Die Mitternacht schien sie zu verwandeln, ihr Gesichtchen war ganz gerötet, und ihre Augen glänzten vor Freude. Sie tanzte um die unbehilfliche Katerine herum, neckte sie und wurde von ihr verfolgt, es entstand eine Jagd in der stube umher, in welche ich auch verwickelt wurde. Die alte Katerine verlor einen Schuh und zog sich keuchend zurück, aber Anna ward immer wilder und behender. Endlich haschte ich sie und hielt sie fest, sie legte ohne weiteres ihre arme um meinen Hals, näherte ihren Mund dem meinigen und sagte leise, vom hastigen Atmen unterbrochen:

"Es wohnt ein weisses Mäuschen

Im grünen Bergeshaus;

Das Häuslein wollte fallen,

Das Mäuslein floh daraus";

worauf ich in gleicher Weise fortfuhr:

"Man hat es noch gefangen,

Am Füsschen angebunden

Und um die Vordertätzchen

Ein rotes Band gewunden";

dann sagten wir beide im gleichen Rhytmus und indem wir uns geruhig hin und her wiegten:

"Es zappelte und schrie

Was hab ich denn verbrochen?

Da hat man ihm ins Herzlein

Ein goldnen Pfeil gestochen."

Und als das Liedchen zu Ende war, lagen unsere Lippen dicht aufeinander, aber ohne sich zu regen; wir küssten uns nicht und dachten gar nicht daran, nur unser Hauch vermischte sich auf der neuen, noch ungebrauchten brücke, und das Herz blieb froh und ruhig.

Am andern Morgen war Anna wieder wie gewöhnlich, still und freundlich; der Schulmeister begehrte die Zeichnung bei Tage zu besehen, und da ergab es sich, dass sie von Anna schon in den unzugänglichsten Gelassen ihres Kämmerchens verwahrt und begraben worden. Sie musste dieselbe aber wieder hervorholen, was sie ungern tat, der Vater nahm einen Rahmen von der Wand, in welchem eine vergilbte und verdorbene Gedächtnistafel der Teuerung von 1817 hing, nahm sie heraus und steckte den frischen bunten Bogen hinter das Glas. "Es ist endlich Zeit, dass wir dies traurige Denkmal von der Wand nehmen" sagte er, "da es selber nicht länger vorhalten will. Wir wollen es zu anderen verschollenen und verborgenen Denkzeichen legen und dafür dieses blühende Bild des Lebens aufpflanzen, das uns unser junge Freund geschaffen. Da er dir die Ehre erwiesen hat, liebes Ännchen, deinen Namen unter die Blumen zu setzen, so mag die Tafel zugleich deine Ehrenund Denktafel in unserm haus sein und ein Vorbild, immer heiter, mit geschmückter Seele und schuldlos zu leben wie diese zierlichen und ehrbaren Werke Gottes!"

Nach Tisch machte ich mich endlich bereit zur Rückkehr; Anna erinnerte sich, dass heute wieder Tanzübung stattfinde, und erbat sich die Erlaubnis, gleich mit mir gehen zu dürfen. Zugleich verkündete sie, dass sie bei ihren Basen übernachten würde, um nicht wieder so spät über den Berg zu müssen. Wir wählten den Weg längs des Flüsschens, um im Schatten zu gehen, und da dieser Pfad vielfach feucht war und von tiefen Kräutern und Gesträuchen beengt, schürzte sie das hellgrüne, mit roten Punkten besetzte Kleid, nahm den Strohhut der überhängenden Zweige wegen in die Hand und schritt anmutig neben mir her durch das Helldunkel, durch welches die heimlich leuchtenden Wellen über rosenrote, weisse und blaue Steine rieselten. Ihre Goldzöpfe hingen tief über den Nacken hinab, ihr Gesicht war von einer allerliebsten weissen Krause von eigener Erfindung eingefasst, und dieselbe bedeckte noch die jungen schmalen Schultern. Sie sagte nicht viel und schien