, und bildete mir ein, sie meine es mit den wenigen Wörtchen, die sie hören liess, ebenfalls so.
Sie war, da sie mit den Töchtern meines Oheims einen lebhaften Taubenverkehr führte, mit einem Körbchen voll junger Täubchen hergekommen, was hauptsächlich das Heraufrufen des herumziehenden Geigers veranlasst hatte. Nun wurde verabredet, dass die Tanzübungen mehrere Male wiederholt werden sollten und Anna denselben beiwohnen. Für jetzt aber war es notwendig, da es dunkel geworden, dass jemand sie nach haus begleite, und dazu wurde ich ausersehen. Diese Kunde klang mir zwar wie Musik, doch drängte ich mich nicht sonderlich vor und stellte mich eher, als ob es mir verdriesslich und unbequem wäre; denn es erwachte ein Stolz in mir, der es mir fast unmöglich machte, gegen das junge Ding freundlich zu tun, und je lieber ich es in meinem Herzen gewann, desto mürrischer und unbeholfener wurde mein Äusseres. Das Mädchen aber blieb immer gleich, ruhig, bescheiden und fein und band gelassen seinen breiten Strohhut um, auf welchem einige Kornblumen und eine brennendrote Mohnblüte lagen; der Nachtkühle wegen brachte die Muhme einen prachtvollen weissen Staatsshawl aus alter Zeit, mit Astern und Rosen besäet, den man um ihr blaues, halb ländliches Kleid schlug, dass sie mit ihren Goldhaaren und dem feinen Gesichtchen aussah wie eine junge Engländerin aus den neunziger Jahren. So wandte sie sich nun anscheinend ganz ruhig zum Gehen, gewärtig, wer sie begleiten würde, aber sich deswegen nicht unentschlossen aufhaltend. Sie lächelte, durch den Mutwillen der Basen belebt und gedeckt, über meine Ungeschicklichkeit, ohne sich nach mir umzublicken, und vermehrte so meine Verlegenheit, da ich gegenüber den zusammenhaltenden und verschworenen Mädchen allein dastand und fast willens war, im saal zurückzubleiben. Doch erbarmte sich die älteste Base meiner und rief mich noch einmal entschieden heran, so dass es mit meiner Ehre verträglich war, mich wenigstens dem zug anzuschliessen, der sich vor das Haus bewegte. Wir gingen gemeinschaftlich bis an das Ende des Dorfes, wo der Berg anhub, über welchen Anna zu gehen hatte. Dort wurde Abschied genommen; ich stand im Hintergrunde und sah, wie sie ihr Tuch zusammenfasste und sagte "Ach, wer will nun eigentlich mit mir kommen?" indessen die Mädchen schalten und sagten "Nun, wenn der Herr Maler so unartig ist, so muss eben jemand anders dich begleiten!" und ein Bruder rief "Ei, wenn es sein muss, so gehe ich schon mit, obgleich der Maler ganz recht hat, dass er nicht den Jungfernknecht spielt, wie ihr es immer gern einführen möchtet!" Ich trat aber hervor und sagte barsch "Ich habe gar nicht behauptet, dass ich es nicht tun wolle, und wenn es der Anna recht ist, so begleite ich sie schon." – "Warum sollte es mir nicht recht sein?" erwiderte sie, und ich schickte mich an, neben ihr herzugehen. Allein die übrigen riefen, ich müsste sie durchaus am arme führen, da wir so feine Stadtleutchen seien, ich glaubte dies und schob meinen Arm in den ihrigen, sie zog ihn rasch zurück und fasste mich unter den Arm, sanft, aber entschieden, indem sie lächelnd nach dem spottenden volk zurücksah; ich merkte meinen Fehler und schämte mich dergestalt, dass ich, ohne zu sprechen, den Berg hinanstürmte und das arme Kind mir beinahe nicht folgen konnte. Sie liess sich dies nicht ansehen, sondern schritt tapfer aus, und sobald wir allein waren, fing sie ganz geläufig und sicher an zu plaudern über die Wege, welche sie mir zeigen musste, über das Feld, über den Wald, wem diese und jene Parzelle gehöre und wie es hier und dort vor wenigen Jahren noch gewesen sei. Ich wusste wenig zu erwidern, während ich aufmerksam zuhörte und jedes Wort wie einen Tropfen Muskatwein verschlang; meine Eile hatte schon nachgelassen, als wir die Höhe des berges erreichten und auf seiner Ebene gemächlich dahingingen. Der funkelnde Sternhimmel hing weit gebreitet über dem land, und doch war es dunkel auf dem Berge, und die Dunkelheit band uns näher zusammen, da wir, unsere Gesichter kaum sehend, einander auch besser zu hören glaubten, wenn wir uns fest zusammenhielten. Das wasser rauschte vertraulich im fernen Tale, hier und da sahen wir ein mattes Licht auf der dunklen Erde glimmen, welche sich massenhaft mit ihrem schwarzen Schatten vom Himmel sonderte, der sie am rand mit einem blassen Dämmergürtel umgab. Ich beachtete dieses alles, lauschte den Worten meiner Begleiterin und bedachte zugleich für mich meine Freude und meinen Stolz, eine Geliebte am arme zu führen, als welche ich sie ein für allemal betrachtete. Wir sprachen nun ganz munter und aufgeräumt von tausend Dingen, von gar nichts, dann wieder mit wichtigen Worten von unseren gemeinsamen Verwandten und ihren Verhältnissen, wie alte kluge Leute. Je näher wir ihrer wohnung kamen, deren Licht bereits in der Tiefe glühte wie ein Leuchtwurm, desto sicherer und lauter wurde Anna, ihre stimme bimmelte unaufhörlich und fein, gleich einem fernen Vesperglöckchen, ich setzte ihren artigen Einfällen die besten meiner eigenen Erfindung entgegen, und doch hatten wir uns den ganzen Abend noch nie unmittelbar angeredet, und das Du war seit jenem einen Male nie mehr zwischen uns gefallen. Wir hüteten es, wenigstens ich, im Herzen gleich einem goldenen Sparpfennige, den man auszugeben gar nicht nötig hat; oder es schwebte wie ein Stern weit vor uns in neutraler Mitte, nach welchem sich