für seine Beredsamkeit vor sich zu sehen. Als ich ihm vorgestellt wurde, schien er sich besonders zu freuen, seine Manieren und gelehrte Reden mit Anerkennung an den Mann bringen zu können, da er mich mitten aus dem blühendsten höhern Schulwesen herkommend vermutete. Er hatte auch alle Ursache, sich an mich zu halten; denn schon hatten meine Vettern sich aus dem Staube gemacht, noch ehe der Schulmeister einen Stoff ergriffen, und ich sah, wie sie draussen am Ufer alle drei ihre Köpfe tief in die Öffnung eines Fischkastens steckten, dass man nichts von ihnen sehen konnte als ihre sechs Beine. Sie untersuchten aufmerksam den Fischbestand ihres Oheims, indessen die Schwestern seinem Töchterchen und einer alten Magd in Küche, Keller und Garten gefolgt waren.
Der Schulmeister merkte bald, dass ich ein andächtiger und bescheidener Zuhörer und auf seine fragen nicht ohne Geschick einzugehen imstande sei. Freilich nahm er das stille Dasitzen, welches nicht immer auf die summenden Worte achtet und sie, etwas heuchlerisch, als angenehmes Wiegenlied zu einem anderweitigen Träumen benutzt, für bare Münze, um so mehr, als ich in solcher Lage doch immer wach genug war, auf die Übergänge zu merken. Nachdem er mich über die neuen Schuleinrichtungen angelegentlich befragt, fuhr er fort "Aber etwas bunt muss es doch noch zugehen! Da habe ich eben in der Zeitung gelesen, dass in einer Abteilung unserer Kantonsschule die bekannten Störungen endlich dadurch gehoben worden, dass man den unpraktischen Lehrer und den unnützesten Schüler, einen wahren kleinen Revolutionär, zugleich entfernt und dadurch die Ruhe gründlich hergestellt habe. Dass man nun den Lehrer entlassen hat, scheint mir ganz vernünftig, wenn man ihn nur anderweitig versorgt; hingegen mit dem Schüler will es mir nicht recht einleuchten, es will mich bedünken, als ob man demselben damit verdeutet habe Du bist nun ausser unsere Gemeinschaft gestellt und magst zusehen, was du aus dir machst! Dies ist nicht christlich gehandelt, und unser Herr und Meister würde das verirrte Schaf gewiss zunächst unter die Falten seines Mantels genommen haben. Kennt Ihr, liebes Vettermännchen, den verstossenen Knaben?"
Der Mann weckte durch diese Frage die peinvollen Erinnerungen und durch ihre Fassung zugleich eine tiefe Wehmut in mir auf, und ich antwortete, kleinlaut und eine Träne im Auge, ich wäre es selbst.
Ganz erstaunt trat er einen Schritt zurück und betrachtete mich mit grossen Augen; es war verlegen, einen angehenden Teufel in so harmloser Gestalt so nahe vor sich zu sehen. Doch hatte ich ihn schon zu sehr für mich eingenommen, als dass diese Verlegenheit zu lange andauern konnte, und mein eigenes Benehmen mochte ihn belehren, dass er mit seiner vorher ausgesprochenen milden Ansicht nicht das Unrechte getroffen.
"Ich habe mir es doch gleich gedacht", versetzte er, "dass die Sache ein Häklein habe; denn ich sehe und will es gern glauben, dass der Vettermann ein junger Mensch ist, mit dem sich ein vernünftiges Wort reden lässt! Doch erzählt mir nun den Verlauf dieser schlimmen geschichte recht getreulich, es nimmt mich sehr wunder, wie sich darin die Schuld und das Unrecht verteilen!"
Nachdem ich dem freundlichen Schulmeister den ganzen Hergang aufrichtig und weitläufig, zuletzt etwas leidenschaftlich berichtet, da ich zum ersten Mal seiter mein Herz leeren konnte, besann er sich eine Weile, indem er verschiedene Hm! und Soso! hervorstiess, und fuhr dann fort:
"Das ist ein ganz eigenes Geschick! Zuerst müsset Ihr nun Euch nicht überheben und etwa einen hochmütigen Groll auf das Erlittene begründen, welcher Euch für das ganze Leben schädlich sein könnte! Ihr müsset bedenken, dass Ihr doch das Unrecht und den Mutwillen der übrigen geteilt habt, und Euch hienach glücklich preisen, dass Ihr in so frühem Alter schon von Gott selbst eine ernste Strafe und Belehrung empfangen; denn das, was Euch widerfahren, ist nicht die Gerechtigkeit der Menschen, sondern ein unmittelbares Eingreifen des Herrn der Welt, womit er Euch frühzeitig gewürdigt und gezeigt hat, dass er mit Euch nicht zu spassen gedenkt, sondern Euch seine eigenen strengen Wege führen will. Nachdem Ihr also dieses scheinbare Unglück dankbar und reuevoll angenommen und das vermeintliche Unrecht vergeben und vergessen, müsst Ihr allein darauf bedacht sein, dem Ernste dieses Erlebnisses entsprechend fortzuleben, und gewärtig, dass jede Abweichung von der Bahn des Rechten und Guten sich an Euch empfindlicher rächen werde als an anderen, auf dass Ihr dadurch in der Übung des Guten gerade fleissiger und stärker werdet als viele, denen nicht solches geschieht. Nur auf diese Weise vermag das Ereignis etwas Heilbringendes und der Trost über sich selbst zu sein, ohne dies aber würde es nur eine fatale und ärgerliche geschichte bleiben, mit welcher ein so junges Leben zu beladen nicht die Absicht und das Vergnügen Gottes sein kann. Freilich ist nun die Wahl eines Berufes das Nächste und Wichtigste, und wer weiss, ob nicht Euere Bestimmung ist, gerade durch diese plötzliche Bedrängnis Euch früher zu entscheiden, als sonst geschehen wäre! Gewiss habt Ihr schon die Lust zu irgendeinem besonderen Berufe in Euch verspürt?"
Diese Reden gefielen mir ausnehmend wohl; obgleich ich den ernsten moralischen Sinn derselben nicht sonderlich fasste, so ergriff ich doch den Gedanken an eine höhere Bestimmung und Leitung Gottes höchst lebendig und dünkte mich glücklich, mich unter dem besonderen Schutze Gottes in meinen Neigungen zu wissen; es ging mir ein heller Stern auf, und ich sagte unumwunden "Ja, ich möchte ein Maler werden!"
Bei dieser Antwort stutzte mein neuer Freund fast