Kindeskind versehen hatte. Die abgefallenen Stücke dieser Zierat gingen unter der Dorfjugend als gangbare Münze und wogen beim Spiele sechs Horn- oder Bleiknöpfe auf. Daher mochte es kommen, dass die Jacken des jüngsten Sohnes, welcher noch in lebhaftem Verkehre mit den Knopfkapitalisten stand, äusserlich immer dieser Zierde beraubt waren und sie dagegen im inneren ihrer Taschen verbargen, dass sogar den Kleidungsstücken der älteren Brüder mehr Knöpfe abgingen, als nach der Haltbarkeit des derben Zwirnes jenes Jackendichters zu berechnen war. Ich selber trug zu meinem grünen Soldatenrock mit roten Schnürchen weisse Beinkleider, keine Weste über dem burschikosen Hemde, hingegen das rote Seidentuch der Grossmutter malerisch umgeschlungen, und überdies hing die goldene Uhr meines Vaters, die ich ererbt, aber nie recht in Ordnung zu halten verstand, an einem tüchtigen blauen Bande mit gestickten Blumen, das ich den Schachteln meiner Mutter entnommen hatte. Von der Mütze hatte ich längst den philisteriösen Schirm abgetrennt, dass sie die Stirn frei liess, und ich hätte wie ein vollendeter Jahrmarktsbursche ausgesehen, wenn nicht die Unschuld und Schüchternheit des Alters den unbescheidenen Aufzug gemildert hätten. Menschen, welche etwas Besseres und Tieferes ahnen und wünschen, werden sich, wie ich glaube, mehr und mehr aller lächerlichen Äusserlichkeiten entalten, je mehr sie dem geahnten Inhalte durch Erfahrung und Tat nahe treten; je mehr sie aber noch davon entfernt sind, desto ängstlicher klammern sie sich an solche Schnörkeleien. Allein gerade diese Äusserlichkeit verhindert oft das Innere, sich rasch zu entwickeln, wenn nicht ein Mann und Vater vorhanden ist, welcher sie mit gesundem Spotte beschneidet und unterdrückt, indessen er dem aufstrebenden Sohne das Wahre mit fester Hand vorzeichnet.
Man konnte auf zwei Wegen zu der wohnung des alten Schulmeisters gelangen entweder mussten wir einen langgedehnten Berg hinter dem dorf ersteigen und, längs auf demselben fortgehend, endlich jenseits niedersteigen, wo wieder ein Tal lag, ähnlich dem unserigen, nur kleiner und runder und beinahe ganz mit einem tiefen dunklen See erfüllt; oder wir konnten längs des Flusses unser Tal durchwandern und mit dem in Gehölzen sich verlierenden wasser um den Berg herum an den See gelangen, in welchen jenes sich ergoss und an welchem das befreundete Halls lag.
Wir zogen es vor, mit dem kurzweiligen Flüsschen den hinweg zurückzulegen und erst in der Abendkühle über den Berg heimzukehren, und unsere bunte, weitin glänzende Gesellschaft bewegte sich bald durch das grüne Tal hin, bis wir in eine reizende Wildnis gelangten, wo der Wald von beiden Seiten an das Gewässer niederstieg und dasselbe kühl und dunkel überschattete. Bald fasste er es mit undurchdringlichen Laubwänden ein, dass wir die überhangenden Zweige zurückbiegen mussten, bald weitete er sich aus und liess eine Schar lichter, hoher Tannen auf sonnigem Boden vorrücken, dann lagen herabgestürzte Felsblöcke am rand und im wasser und verursachten Wasserfälle, indessen zurückgebliebene Trümmer aus dem Gebüsche der Abhänge hervorragten; kleine Seitenwege lockten ins Dunkel, und Überall entüllten sich die lieblichsten Geheimnisse. Die roten, blauen und weissen Gewänder der Mädchen leuchteten herrlich in dem dunklen Grün, die Vettern sprangen von Stein zu Stein, dass ihre Goldknöpfe aufblitzten und mit den Silberkringeln der Wellen wetteiferten. Allerhand Getier machte sich sichtbar, hier sahen wir die Federn einer Taube, die unzweifelhaft von einem Raubvogel zerrissen worden, dort schoss eine Schlange durch die Uferwellen über die glatten Kiesel hin, und in einer abgetrennten Untiefe hatte sich eine schimmernde Forelle gefangen, welche mit ihrer Schnauze ängstlich an den abschliessenden Steinen herumtastete, bei unserer Annäherung aber einen Salto mortale machte und im strömenden Elemente verschwand.
So waren wir unbemerkt um den Berg herumgekommen, die holde Wildnis erweiterte sich und liess mit einem Male den stillen dunkelblauen, mit Silber besprengten See sehen, der mit seiner friedevollen Umgebung im lautlosen Glanze eines Sonntagnachmittages ruhte. Ein schmaler Streifen bebauter Erde zog sich um den See herum, hinter demselben setzte sich überall der ansteigende Wald fort, welcher aber da und dort wieder ein stilles Ackerfeld bergen musste, da hier und da ein rotes Dach oder eine blaue Rauchsäule aus dem Dickicht emporstieg. Nur auf der Sonnenseite lag ein ansehnlicher Weinberg und zu Füssen desselben das Haus des Schulmeisters, dicht am See, unmittelbar über den höchsten Weinreihen aber hing der reine tiefe Himmel, und dieser spiegelte sich in dem glatten wasser, bis wo er durch den gelben Kornstreifen, die smaragdenen Kleefelder und den dahinter liegenden Wald, welche alle sich gänzlich unverändert in der Flut auf den Kopf stellten, begrenzt wurde. Das Haus war weiss getüncht, das Fachwerk rot angestrichen und die Fensterladen mit grossen Muscheln und Blumen bemalt, aus den Fenstern wehten weisse Gardinen, und aus der Haustür trat, ein zierliches Treppchen herunter, das junge Bäschen, schlank und zart wie eine Narzisse, in einem weissen Röckchen und mit einem himmelblauen Bande gegürtet, mit goldbraunen Haaren, blauen Äuglein, einer etwas eigensinnigen Stirne und einem kleinen lächelnden Mündchen. Auf den schmalen Wangen wallte ein Erröten über das andere hin, das feine Glockenstimmchen klang kaum vernehmbar und verhallte alle Augenblicke wieder. Durch ein duftendes Rosen- und Nelkengärtchen führte uns Anna, nachdem sie sich mit meinen Basen so zärtlich und feierlich begrüsst hatte, als ob sie einander ein Jahrzehnt nicht gesehen, in das vor Reinlichkeit und Aufgeräumteit widerhallende Haus, wo uns ihr Vater, in einem saubern grauen Fracke und weisser Halsbinde, in gestickten Pantoffeln einhergehend, herzlich und zufrieden willkommen hiess. Er hatte den beschaulichen Sonntag über Büchern zugebracht, welche noch auf dem Tische lagen, und mochte nun froh sein, unverhofft eine so hübsche Anzahl Zuhörer