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als Forstmann behilflich sein wolle. Er besass noch so viel städtische Erinnerung, dass ihm dergleichen nicht lächerlich vorkam; auch mochten leidenschaftliche Jäger von jeher die Malerei wohl leiden, insofern sie den Schauplatz ihrer Freuden und ihre Taten selbst verherrlicht. Daher begann er nach dem Abendessen noch sogleich einen Kursus mit mir und sprach von den Eigentümlichkeiten der Bäume und von den Stellen, wo ich die lehrreichsten Exemplare finden würde. Zuvörderst aber empfahl er mir, die Studien des Junkers Felix zu kopieren, was ich an den folgenden Tagen mit grossem Eifer tat, indessen wir an den schönen Abenden unsere Rekognoszierungen für die nächste Jagdzeit fortsetzten und dabei die reizendsten Gründe und Höhen durchstreiften, umgeben und begleitet von der reichsten Baumwelt.

So ging die erste Woche meines ländlichen Aufentaltes angenehm zu Ende, und um diese Zeit wusste ich schon die meisten Bäume voneinander zu unterscheiden und freute mich, die grünen Gesellen mit ihren Namen begrüssen zu können; nur hinsichtlich der reichen Kräuterwelt des feuchten oder trockenen Bodens bedauerte ich erst jetzt wieder lebhaft die Unterbrechung jener botanischen Anfänge in der Schule, da ich wohl fühlte, dass für die Kenntnis dieser kleinen, aber weit mannigfaltigeren Welt einige grobe Umrisse nicht genügten, und doch hätte ich so gern die Namen und Eigenschaften aller der blühenden Dinge gekannt, welche den Boden bedeckten.

Auf den ersten Sonntag meiner Anwesenheit war schon ein Besuch verabredet worden, welchen wir jungen Leute hinter dem wald abstatten wollten. Dort wohnte auf einem einsamen und abgelegenen hof ein Bruder meiner Muhme mit einer jungen Tochter, welche mit meinen Basen eine eifrige Mädchenfreundschaft pflag. Ihr Vater war früher Dorfschulmeister gewesen, hatte aber nach dem tod seiner Frau sich in jenen beschaulichen Waldhof zurückgezogen, da er ein hinlängliches Vermögen besass und das gerade Gegenteil meines Oheims darstellte. Während dieser, von städtischer Abkunft und in einigen geistlichen Studien aufgewachsen, dieses alles hinter sich geworfen und vergessen hatte, um sich ganz der braunen Ackererde und dem wilden Forste hinzugeben, strebte jener, von bäuerischem Herkommen und dürftiger Bildung, allein nach milden und feinen Sitten, nach dem Leben und Ruhme eines Weisen und Gerechten und vertiefte sich in beschauliche geistliche und philosophische Spekulationen, betrachtete die natur nach Anleitung allerlei seltsamer Bücher und freute sich, vernünftige gespräche anzuknüpfen, sooft sich hiezu die gelegenheit bot, wobei er eine grosse Artigkeit zu entfalten bestrebt war. Sein Töchterchen, ungefähr von vierzehn Jahren, lebte still und fein in dem milden Lichte solcher Gesinnungsweise und stellte nach den Wünschen ihres Vaters eher ein zartes Pfarrerskind vor denn eine Landmannstochter, indessen die weibliche Nachkommenschaft meines Oheims, zur derben Arbeit gehalten, einen starken Anhauch von Regen und Sonnenschein zeigte, welcher sie aber viel eher zierte als entstellte und dem Glanze ihrer frischen Augen entsprach.

Meine drei Basen, von zwanzig, sechszehn und vierzehn Jahren, mit städtisch verwelschten Namen: Margot, Lisette und Caton, hielten am Sonntagnachmittag lange Konferenz in ihren Kämmerchen, einander wechselseitig besuchend und die Türen hinter sich abschliessend. Wir Bursche, deren Toilette längst beendigt war, harrten ungeduldig und konnten nur durch Schlüssellöcher und Türspalten bemerken, dass die Kleiderschränke weit geöffnet und die Mädchen mit wichtigen Gebärden ratschlagend davorstanden. Ein starker Geruch verschiedener Spezereien verbreitete sich und bildete mit den neuen Stoffen und Siebensächelchen, welche in den Schränken lagen, jenen behaglichen Duft, der sich aus geöffneten Frauenschränken oder sonstigen Mobilien entwickelt. Um uns die Zeit zu vertreiben, begannen wir die andächtigen Töchter zu necken und drangen endlich mit hellem Haufen in ihre Mitte, über einen mächtigen Schrank herfallend, um die Nasen in die hundert Schächtelchen, Büchschen und Heimlichkeiten zu stecken. Aber mit dem Mute wilder Löwinnen, denen man die Jungen rauben will, wurden wir hinausgeworfen und führten vor den Türen einen vergeblichen Kampf, dieselben wieder aufzubrechen. Da gingen sie mit einem Male nach einer kurzen Stille von selber auf, und heraus traten, verschämt und unwillig, und doch siegbewusst, die drei armen Kinder, bunt und prächtig, nach der vorjährigen Mode gekleidet, mit vorweltlichen Parasols und wunderbar geformten Ridiküls, der eine einem Sterne gleich, der andere einem Halbmonde, der dritte ein Mittelding zwischen Säbeltasche und Lyra.

Dies alles musste um so grösseren Eindruck machen, wenn man bedachte, dass die guten Mädchen Autodidaktinnen waren und in Sachen des Putzes ganz allein und ratlos in der Welt dastanden; denn ihre Mutter hatte einen Abscheu vor aller Stadtkleidung und riss jedesmal, wenn sie aus der Kirche kam, die furchtbare Horiahaube, welche sie als Pfarrfrau trug, sogleich herunter. Die Damen des neuen Pfarrers, ausserdem die einzigen im dorf, waren stolz, unzugänglich und bezogen ihren Putz fertig aus der Stadt. So waren meine Basen ganz auf sich selbst, auf eine intelligente Dorfnähterin und auf einige Traditionen des Hauses gewiesen, welche sie als eifrige Forscherinnen der dunklen Vergangenheit entlockten. Deswegen waren ihre Erfolge doppelt achtungswert, und wenn wir sie mit einem spöttischen Ah! empfingen bei ihrer heutigen Erscheinung, so war dieser Spott nur ein verstellter und die Maske einer aufrichtigen Bewunderung.

Indessen entsprach unsere Tracht an kühner und eleganter Mischung vollkommen derjenigen der Jungfrauen. Die Vettern trugen Jacken von ziemlich grobem Tuche, welchen aber der Dorfschneider in Betracht ihres Ranges einen kecken, ja höchst gewagten Zuschnitt gegeben hatte, indem er in die tiefsten Abgründe seiner Phantasie und Erfahrung hinuntergestiegen. Diese Jacken waren mit einer Unzahl blanker Knöpfe besetzt, auf welchen die Tiere des Waldes gepresst in jagdgerechten Sprüngen erschienen und welche der Oheim einst bei guter gelegenheit en gros eingehandelt und sich so für Kind und