davon und schlug die Gessnerschen Werke auf, in dickem Schreibpapier, mit einer Menge Vignetten und Bildern geschmückt. Überall, wo ich blätterte, war von natur, Landschaft, Wald und Flur die Rede, die Radierungen, von Gessners Hand mit Liebe und Begeisterung gemacht, entsprachen diesem Inhalte, ich sah meine Neigung hier den Hauptinhalt eines grossen, schönen und ehrwürdigen Buches bilden. Als ich aber auf den Brief über die Landschaftsmalerei geriet, worin der Verfasser einem jungen mann guten Rat erteilt, las ich denselben überrascht vom Anfang bis zum Ende durch. Die unschuldige Naivetät dieser Abhandlung war mir ganz fasslich; die Stelle, wo geraten wird, mannigfaltig gebrochene Feld- und Bachsteine auf das Zimmer zu tragen und darnach Felsenstudien zu machen, entsprach meinem noch halbkindischen Wesen und leuchtete mir ungemein in den Kopf. Ich liebte sogleich diesen Mann und machte ihn zu meinem Propheten. Nach mehr Büchern von ihm suchend, fand ich ein kleines Bändchen, nicht von ihm, aber seine Biographie entaltend. Auch dieses las ich auf der Stelle ganz durch. Er war ebenfalls ein hoffnungsloser Schüler gewesen, indessen er auf eigene Faust schrieb und künstlerischen Beschäftigungen nachhing. Es war in dem Werklein viel von Genie und eigener Bahn und solchen Dingen die Rede, von Leichtsinn, Drangsal und endlicher Verklärung, Ruhm und Glück. Ich schlug es still und gedankenvoll zu, dachte zwar nicht sehr tief, war jedoch, wenn auch nicht klar bewusst, für die Bande geworben.
Es ist bei der besten Erziehung nicht zu verhüten, dass dieser folgenreiche und gefährliche Augenblick nicht über empfängliche junge Häupter komme, unbemerkt von aller Umgebung, und wohl nur wenigen ist es vergönnt, dass sie erst das leidige Wort Genie kennenlernen, nachdem sie unbefangen und arglos bereits ei gesundes Stück Leben, Lernen, Schaffen und Gelingen hinter sich haben. Ja, es ist überhaupt die Frage, ob nicht zu dem bescheidensten Gelingen eine dichte Unterlage von bewussten Vorsätzen und allem Apparate genialer Grübelei gehöre, und der Unterschied möchte oft nur darin bestehen, dass das wirkliche Genie diesen Apparat nicht sehen lässt, sondern vorweg verbrennt, während das bloss vermeintliche ihn mit grossem Aufwande hervorkehrt und um seine mageren Gestaltungen wirft wie einen Teatermantel.
Den berückenden Trank schöpfte ich jedoch nicht aus einem anspruchsvollen und blendenden Zauberbecher, sondern aus einer bescheidenen lieblichen Hirtenschale; denn bei allen Redensarten war dies Gessnersche Wesen durchaus einfacher und unschuldiger natur und führte mich für einmal nur mit etwas mehr Bewusstsein unter grünen Baumschatten und an stille Waldquellen.
In der Biographie machte ich auch die Bekanntschaft mit dem alten Sulzer, welcher in Berlin des jungen Gessner gönner gewesen; wie ich nun unter den Büchern einige stattliche Bände der "Teorie der schönen Künste" wahrnahm, nahm ich sie als in mein neuentdecktes Gebiet gehörig in Beschlag. Dies Buch muss seinerzeit eine gewaltige Verbreitung gefunden haben, da man es fast in allen alten Bücherschränken findet und es auf allen Auktionen spukt und für wenig Geld erstanden werden kann. Wie ich die enzyklopädische Einrichtung desselben bemerkte, schlug ich flugs den Artikel Landschaftsmalerei nach und, als ich ihn gelesen, alle möglichen übrigen Begriffe, die ich teils schon gehört, teils aus eben diesem Artikel abgezogen hatte, über schulen, Meister, Farbe, Licht, Perspektive und dergleichen; las dazwischen schnell einen Artikel über ein anderes Gebiet, der gerade neben einem Malerartikel stand und mir auffiel, und als der Mittag herannahte, war mein Kopf von Gelehrsamkeit vollgepfropft, ich fühlte beinahe selbst den gravitätischen Hochmut in meinen festgeschlossenen Lippen und aufgespannten Augen und schleppte sämtliche Kunstliteratur in mein Zimmer hinüber zu der Mappe des Junker Felix.
Kaum nahm ich mir nach Tische noch Zeit, bei der Grossmutter einen kurzen Besuch abzustatten, ein Glas Wein zu trinken, welchen sie schon seit Vormittag für mich bereitgehalten, und ein kleines Testamentchen mit Goldschnitt und silbernem Schlösschen, welches nach ihrer Angabe ein verspätetes Patengeschenk für meinen schon fortgezogenen Vater gewesen, vergessen worden und lange Jahre in ihrem Schranke liegengeblieben und welches sie treulich für mich aufgehoben hatte kaum nahm ich mir Zeit, dies rührende und zierliche Geschenk einzustecken, und eilte wieder davon. Die Grossmutter sah mir, so weit ihre schwachen Augen reichten, etwas wehmütig nach; denn sie hatte mir die heilige Gabe mit besonderer Liebe und Feierlichkeit einhändigen wollen. Aber ich schwand ihr eilig aus dem gesicht, allein begierig, meine angefachte Kunsteinsicht an den Mann oder vielmehr an die Bäume zu bringen.
Mit einer Mappe und Zubehör versehen, schritt ich bereits unter den grünen Hallen des Bergwaldes hin, jeden Baum betrachtend, aber nirgends eigentlich einen Gegenstand sehend, weil der stolze Wald eng verschlungen, Arm in Arm stand und mir keinen seiner Söhne einzeln preisgab; die Sträucher und Steine, die Kräuter und Blumen, die Formen des Bodens schmiegten und duckten sich unter den Schutz der Bäume und verbanden sich überall mit dem grossen Ganzen, welches mir lächelnd nachsah und meiner Ratlosigkeit zu spotten schien. Endlich trat ein gewaltiger Buchbaum mit reichem Stamme und prächtigem Mantel und Krone herausfordernd vor die verschränkten Reihen, wie ein König aus alter Zeit, der den Feind zum Einzelkampfe aufruft. Dieser Recke war in jedem Aste und jeder Laubmasse so fest und klar, so lebens- und gottesfreudig, dass seine Sicherheit mich blendete und ich mit leichter Mühe seine Gestalt bezwingen zu können wähnte. Schon sass ich vor ihm, und meine Hand lag mit dem Stifte auf dem weissen Papiere, indessen eine geraume Weile verging, ehe ich mich zu dem ersten Strich entschliessen konnte; denn