, worunter ein Malergenie. Diese Bursche machten einen Teufelslärm und behaupteten, die ganze alte Kunst sei verkommen und würde eben jetzt in Rom wiedergeboren von deutschen Männern. Alles, was vom Ende des vorigen Jahrhunderts her datiere, das Geschwätz des sogenannten Goete von Hackert, Tischbein und dergleichen, das sei alles Lumperei, eine neue Zeit sei angebrochen. Diese Redensarten störten meinen armen Felix urplötzlich in seinem bisherigen Lebensfrieden; umsonst suchten ihn seine alten Künstlerfreunde, mit denen er schon manchen Zentner Tabak verraucht hatte, gelassen zur Ruhe zu bringen, indem sie sagten, er möge doch die jungen Fänte schreien lassen, die Zeit werde so gut über sie hinweggehen wie über uns! Alles umsonst! Eines Morgens schloss er seinen hagestolzlichen Kunsttempel zu und rannte wie verrückt nach dem St. Gottard, hinüber und kam nicht wieder. Nachdem ihm die Halunken zu Rom den Zopf abgeschnitten bei einer Sauferei, verlor er allen Halt und alle Ehrbarkeit und starb in seinen alten Tagen nicht an Altersschwäche, sondern an dem römischen Wein und an den römischen Weibsbildern. Diese Mappe liess er zufällig bei uns zurück."
Wir durchblätterten nun die vergilbten Papiere; es waren ein Dutzend Baumstudien in Kreide und Rotstift, nicht sehr körperlich und sicher gezeichnet, doch von einem tüchtigen dilettantischen Streben zeugend, nebst einigen verblassten Farbenskizzen und einer grossen in Öl gemalten Eiche. "Dies nannte er Baumschlag", sagte mein Oheim, "und machte ein grosses Wesen daraus. Das Geheimnis desselben hatte er im Jahre 1780 in Dresden erlernt bei seinem verehrten Meister Zink, oder wie er ihn nannte. Es gibt, pflegte er zu sagen, zwei Klassen von Bäumen, in welche alle zerfallen, in die mit runden und die mit gezackten Blättern. Daher gibt es zwei Manieren die gezackete Eichenmanier und die gerundete Lindenmanier! Wenn er bestrebt war, unsern jungen Damen das geläufige Schreiben dieser Manieren beizubringen, so sagte er, sie müssten sich vor allem an einen gewissen Takt gewöhnen, z.B. beim Zeichnen dieses oder jenes Baumschlages zähle 'Eins, zwei, drei – vier, fünf, sechs!' – 'Das ist ja der Walzertakt!' schrieen die Mädchen und begannen um ihn herumzutanzen, bis er wütend aufsprang, dass ihm der Zopf wackelte!"
So gewann ich auf dem seltsamen Wege einer Tradition, deren Träger selbst der Sache fremd war, den ersten Anhaltspunkt. Ich betrachtete die Blätter stumm und aufmerksam und bat mir die Mappe zur freien Verfügung aus. Sie entielt überdies noch eine Anzahl radierter Landschaften, einige Waterloos, einige idyllische Haine von Gessner mit sehr hübschen Bäumen, deren Poesie mich frappierte und sogleich einnahm, bis ich eine Radierung von Reinhart entdeckte, gelb und beschmutzt, knapp am rand beschnitten, deren Kraft, Schwung und Gesundheit mächtig zu mir sprach und aus dem verzettelten Stückchen Papier gewaltig herausleuchtete. Während ich staunend das Blatt in der Hand hielt (ich hatte bis jetzt nie etwas wahrhaft Künstlerisches gesehen), kam der Oheim wieder und rief "Komm mit, Neveu Maler! der Herbst wird bald genug dasein, und da müssen wir sehen, wie es vorläufig um die Häslein und Füchslein, um Hühner und derlei Volk steht! Es ist ein schöner Abend, wir wollen ohne Gewehr ein bisschen auf den Anstand gehen, da kann ich dir zugleich hübsche Prospekte zeigen."
Er ergriff aus einem Winkel, wo eine Menge alter spanischer Rohre versammelt war, einen tüchtigen Stock, gab mir auch einen solchen, pustete aus seinem Waldhörnchen den abgebrannten Zigarrenstumpf heraus, dass er gewaltsam an die Decke flog, steckte einen frischen Glimmstengel hinein, pfiff aus dem Fenster in weitin schallenden Tönen, worauf sogleich die Hunde aus allen Ecken des Dorfes wie der Blitz herbeisprangen, und wir zogen, umgeben von den bellenden Tieren, dem abendlichen Bergwalde zu.
Bald war die Meute weit voraus und im Gehölze verschwunden, aber kaum begannen wir die Höhe hinanzusteigen, so hörten wir sie über uns anschlagen und in voller Jagd am Berge hinziehen, dass die Schluchten widerhallten. Meinem Oheim lachte das Herz, er zog mich vorwärts und behauptete, wir müssten rasch nach einer kleinen Waldwiese eilen, um das Tier zu sehen; doch auf dem Wege horchte er auf und änderte die Richtung, indem er rief "Es ist bei Gott ein Fuchs! dortin müssen wir gehen, schnell, pst!" Kaum hatten wir einen schmalen Pfad betreten, welcher neben einem trockenen Waldbache hinlief, zwischen zwei bewachsenen Abhängen, als er mich plötzlich anhielt und lautlos vorwärts wies, ein rötlicher Streif schoss still über Weg und Schlucht, herab, hinauf, und eine Minute nachher heulten die sechs Hunde hintendrein, rasend, toll! "Hast du ihn gesehen?" sagte der Oheim so vergnügt, als ob er am Vorabend seiner Hochzeit stände; dann fuhr er fort "Sie haben ihn verloren, doch in jenem Schlag müssen sie notwendig ein Häschen auftun! Wir wollen vollends hier hinaufgehen!" Wir gelangten auf eine kleine Hochebene, welche ein von der sinkenden Sonne gerötetes Haferfeld entielt, umsäumt von stillglühenden Föhren. Hier hielten wir an und stellten uns am rand auf, in wohligem Schweigen, unfern eines verwachsenen Weges, der ins Dunkle führte. Wir mochten so eine Viertelstunde gewartet haben, als das Gebell in grosser Nähe plötzlich wieder begann und mein Oheim mich anstiess. Zugleich bewegte sich der Hafer vor uns, er flüsterte "Was Teufel ist denn da los?" und es erschien eine riesenhafte Bauernkatze, welche