war, wenn wir bei dem folgenden Lehrer wieder an unseren Plätzen sassen. Ich kann mir fest gestehen, dass ich mich damals über die Freude selbst freute und keinerlei Bosheit in mir trug. Vielmehr empfand ich ein heimliches Mitleid mit dem Armen, welches ich zu äussern aber unterliess, um nicht lächerlich zu werden. Einst traf ich ihn ganz allein auf einem Feldwege; er schien einen Erholungsgang zu machen; unwillkürlich zog ich ehrerbietig meine Mütze, was ihn so freute, dass er mir zuvorkommend dankte und mich dabei so märterlich ansah, als ob er um Barmherzigkeit flehte. Ich wurde gerührt und dachte fest, dass es anders werden müsse. Gleich am nächsten Tage trat ich zu einer Gruppe der wildesten Mitschüler, um geradezu am rechten Flecke anzugreifen und ein Wort des Mitgefühls, des Nachdenkens unter sie zu werfen; ich hatte den richtigen Instinkt, dass dieses gewiss, wenn auch nicht augenblicklich, weiterwirken und die Laune der Menge anziehen würde. Sie sprachen eben von dem Lehrer, hatten eben einen neuen Spitznamen erfunden, der so komisch klang, dass alles bester Laune war und auflachte; die vorbedachten Worte verdrehten sich mir auf der Zunge, und anstatt meine Pflicht zu tun, verriet ich ihn und mein besseres Selbst, indem ich das gestrige Abenteuer auf eine Weise vortrug, die der gegenwärtigen Stimmung vollkommen entsprach und dieselbe erhöhte!
Nach seiner Entfernung wurde es still unter uns; die Lärmbedürftigen und Schlimmgesinnten wandten sich unbehaglich hin und her, zehrten von der Erinnerung und konnten sich nicht zurechtfinden. Eines Abends, nach dem Schlusse des Unterrichts, ging ich ruhig meiner Wege und hatte bald meine wohnung erreicht, als ich rufen hörte: "Grüner Heinrich! hierher!" Ich wandte mich um und erblickte in einer anderen Strasse einen ansehnlichen Haufen Schüler, welche durcheinandertrieben wie ein Ameisenhaufen und sehr geschäftig schienen. Ich erreichte sie, man teilte mir mit, dass man in Gesamteit dem verabschiedeten Lehrer noch einen Besuch abstatten und ein rechtes Schlussvergnügen veranstalten wolle, und forderte mich auf teilzunehmen. Der Plan wollte mir gar nicht einleuchten, ich lehnte kurz ab und ging weg. Jedoch die Neugier wandte mich, dass ich von ferne nachzog und sehen wollte, wie es abliefe. Der Haufen bewegte sich vorwärts, andere schulen, deren Bestandteile um diese Zeit alle in den Gassen wimmelten, wurden angeworben, dass bald ein Zug von hundert Jungen aller Art sich fortwälzte. Die Bürger standen unter den Türen und betrachteten mit Verwunderung das Tun, ich hörte einen sagen: "Was mögen die Teufelsbuben nur wieder vorhaben? Die sind bei Gott fast so munter, als wir gewesen sind!" Diese Worte klangen in meinen Ohren wie Kriegsdrometen, meine Füsse wurden lebendiger, und schon trat ich dem letzten mann des Zuges auf die Fersen. Es war ein unsägliches Vergnügen in der Menge, hervorgerufen durch das improvisierte Beisammensein aus eigener Machtvollkommenheit. Ich ward immer wärmer, schob mich vorwärts und sah mich plötzlich bei der Spitze angelangt, wo die hohen Häupter gingen und mich mit jubel begrüssten. "Der grüne Heinrich ist doch noch gekommen!" hiess es, der Name erschallte längs des ganzen Zuges und vermehrte den Stoff zu Geräusch und gegenstandloser Freude. Mir schwebten sogleich gelesene Volksbewegungen und Revolutionsszenen vor. "Wir müssen uns in gleichmässigere Glieder abteilen", sagte ich zu den Rädelsführern, "und in ernstem zug ein Vaterlandslied singen!" Dieser Vorschlag wurde beliebt und sogleich ausgeführt; so durchzogen wir mehrere Strassen, die Leute sahen uns mit Staunen nach, ich schlug vor, noch einen Umweg zu machen und dies Vergnügen so lange als möglich andauern zu lassen. Auch dies geschah, allein zuletzt langten wir doch am Ziele an. "Was wollen wir nun eigentlich beginnen?", fragte ich, "ich dächte, wir sängen hier ein Lied und zögen dann wieder mit einem Hurra davon!" – "Ins Haus! ins Haus!" tönte es zur Antwort, "wir wollen ihm eine Dankrede für sein Wirken abstatten!" – "So sollen wenigstens alle für einen stehen und keiner davonlaufen, damit alle die gleiche Strafe tragen, wenn es etwas absetzt!" rief ich, worauf der ganze Schwarm in das kleine enge Haus einströmte und die Treppen hinantobte. Ich blieb an der Haustür stehen, teils um nicht dem mann vor das Angesicht treten zu müssen, weil ich keinerlei Trieb dazu fühlte, teils um keinen Mitschuldigen sich einzeln entfernen zu lassen. Es war ein furchtbarer Lärm im inneren, die Knaben waren ganz berauscht von ihrer eigenen Aufregung; der Gesuchte lag krank in einem verschlossenen Zimmer, die Frauen waren bemüht, die übrigen Türen zu verschliessen, und sahen sich aus den Fenstern nach Hilfe um. Doch schämten sie sich zu rufen, die Nachbaren wussten nicht, was alles zu bedeuten hätte, und sahen höchst verwundert zu; ich blieb mit nichts weniger als heiteren Gedanken auf meinem Posten. Das Haus war von unten bis oben angefüllt, die Lärmenden erschienen unter den Dachluken, warfen alte Körbe heraus und stiegen sogar auf das Dach, die Luft mit ihrem Geschrei erfüllend. Ein altes Weib drang endlich beherzt aus einem Kämmerchen und trieb, geschützt durch Alter und Geschlecht, den ganzen Schwarm mit einem Besen allmählich aus dem haus.
Dies Attentat war denn doch zu auffällig gewesen, als dass die oberen Behörden nicht endlich aufmerksam wurden. Sie verlangten eine strenge Untersuchung. Wir wurden in einem saal versammelt und einzeln aufgerufen, um vor ein Tribunal zu treten,