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befand mich aber nun in einer sonderbaren Stimmung, die mich scheu und wortkarg gegen meine Mutter machte. Denn wenn der frühere Eingriff mehr die Folge eines vereinzelten äussern Zwanges gewesen und mir kein böses Gewissen hinterlassen hatte, so war das jetzige Unterfangen freiwillig und vorsätzlich; ich tat etwas, wovon ich wusste, dass es die Mutter nimmer zugeben würde, auch die Schönheit und der Glanz der Münze schienen von der profanen Verausgabung abzumahnen. Jedoch verhinderte der Umstand, dass ich mich selbst bestahl zum Zwecke der Notilfe in einem kritischen Falle, ein eigentliches Diebsgefühl; es war mehr etwas von dem Bewusstsein, welches im verlornen Sohne dämmern mochte, als er eines schönen Morgens mit seinem väterlichen Erbteil auszog, es zu verschwenden.

Am Pfingsttage war ich schon früh auf den Füssen; unsere Trommler, als die allerkleinsten auch die muntersten Bursche, durchzogen in ansehnlichem Haufen die Stadt, umschwärmt von marschbereiten Schülern, und ich beeilte mich, zu ihnen zu stossen. Meine Mutter hatte aber noch gar viel zu besorgen; sie füllte meinen Tornister mit Esswaren, hing mir ein artiges Reisefläschchen um, mit süssem Wein gefüllt, steckte mir noch hie und da etwas in die Taschen und gab mir gute Verhaltungsregeln. Ich hatte längst mein Gewehr auf der Schulter und die Patrontasche umgehängt, worin unter den Patronen mein grosser Taler steckte, und wollte mich endlich ihren Händen entreissen, als sie ganz verwundert sagte, ich werde doch etwas Geld mitnehmen wollen? Hierauf nahm sie das bereits Abgezählte hervor und unterwies mich, wie ich es einzuteilen hätte. Es war zwar nicht überreichlich, doch höchst anständig und vollkommen hinreichend und selbst für unvorhergesehene Fälle berechnet. In einem Papiere war noch ein besonderes Stück eingewickelt, welches ich in dem gastfreundlichen haus, wo ich einquartiert würde, den Dienstboten zu geben hätte. Wenn ich die Sache recht betrachtete, so war dies auch die erste gelegenheit, wo eine gute Ausstattung eigentlich notwendig schien, und die Mutter liess es also nicht an dem Ihrigen fehlen. Aber nichtsdestominder war ich überrascht, ich geriet in die grösste Verlegenheit und Aufregung, und indem ich die Treppen hinunterstieg, drangen mir seltenerweise Tränen aus den Augen, dass ich sie hinter der Haustür abtrocknen musste, ehe ich auf die Strasse trat und zu dem fröhlichen Haufen stiess. Der allgemeine jubel hätte in meinem Gemüte, welches durch die liebevolle sorge der Mutter bewegt war, einen um so empfänglichern Grund gefunden, wenn nicht der Taler in meiner Giberne wie ein Stein auf meinem Herzen gelegen hätte. Jedoch als sich die ganze Schar zusammenfand, das Kommando erklang und wir uns ordneten und abzogen, wurden meine düstern Gedanken gewaltsam unterdrückt, und als ich, zur Vorhut eingeteilt, schon auf den freien Höhen ging unter dem morgenfrischen Himmel und der lange Zug, schimmernd und singend, mit wehenden Fahnen, sich zu unsern Füssen heranbewegte, da vergass ich alles und lebte nur dem Augenblicke, welcher, Perle für Perle, von der glänzenden Schnur der nächsten Erwartung fiel. Wir führten ein lustiges Vorhutleben, ein alter Kriegsmann, in fremden Diensten ergraut und nun dazu verwendet, uns kleinen Nestüpfern das Handwerk beizubringen, leitete uns an zu allerlei Schabernack und liess sich unablässig bestürmen, aus unsern Feldflaschen zu trinken, was er mit scharfer Kritik des Inhalts tat. Wir waren stolz, keinen der Schulmänner bei uns zu haben, welche die grosse Kolonne begleiteten, und hörten andächtig die Kriegsabenteuer, so uns der alte Soldat erzählte.

Zur Mittagszeit machte der Zug in einem sonnigen unbewohnten Talkessel halt; der wilde Boden war mit vielen einzelnen Eichen besetzt, um welche sich das junge Kriegsvolk lagerte. Wir Leute der Vorhut aber standen auf einem Berge und schauten zufrieden auf das ferne fröhliche Gewühl hinunter. Wir waren still geworden und schlürften den stillen glanzvollen Tag ein; der alte Feldwebel lag froh an der Erde und blinzte in den ruhevollen Horizont hinaus, über blaue Ströme und Seen hin. Obgleich wir noch nichts von landschaftlicher Schönheit zu sagen wussten und einige vielleicht in ihrem Leben nie dazu kamen, fühlten wir alle doch ganz die natur, und das um so mehr, weil wir mit unserm Freudenzuge eine würdige Staffage in der Landschaft bildeten, weil wir handelnd darin auftraten und daher der peinlichen sehnsucht der untätigen bedeutungslosen Naturbewunderer entoben waren. Denn ich habe erst später erfahren und eingesehen, dass das untätige und einsame Geniessen der gewaltigen natur das Gemüt verweichlicht und verzehrt, ohne dasselbe zu sättigen, während ihre Kraft und Schönheit es stärkt und nährt, wenn wir selbst auch in unserm äussern erscheinen etwas sind und bedeuten ihr gegenüber. Und selbst dann ist sie in ihrer Stille uns manchmal noch zu gewaltig; wo kein rauschendes wasser ist und gar keine Wolken ziehen, da macht man gern ein Feuer, um sie zur Bewegung zu reizen und sie nur ein bisschen atmen zu sehen. So trugen wir einiges Reisig zusammen und fachten es an, die roten Kohlen knisterten so leis und angenehm, dass auch unser graue und rauhe Führer vergnügt hineinsah, während der blaue Rauch dem Heerhaufen im Tale ein Zeichen unseres Aufentaltes war; trotz der mittäglichen Sonnenhitze schien uns die erhöhte Glut des Feuers lieblich, wir verlöschten es ungern, als wir abzogen. Gar zu gern hätten wir einige Schüsse in die stille Luft gesandt, wenn es nicht streng untersagt gewesen wäre; ein Knabe hatte schon geladen und musste den Schuss kunstgerecht wieder aus dem Gewehre ziehen, was ihm so peinlich war als einem Schwätzer das Unterdrücken eines Geheimnisses.

Im Scheine des Abendgoldes sahen wir endlich