und zerknittert durcheinander und war doch mit einer gewissen unverwüstlichen Frische anzufühlen, da die weibliche Schonung und Sparsamkeit in der Aufregung diese Festkleider und Putzsachen wohl erhalten und so alt werden liess. In früheren Jahren, da sie noch eine jüngere Witwe war, hatte sich die Mutter alle Jahr einmal das bescheidene Vergnügen gemacht, an fröhlichen Festtagen die Tracht ihrer Grossmutter anzulegen und sich darin etwa zu einem kleinen Abendschmaus zu setzen, und der kleine Heinrich hatte sie alsdann höchlich bewundert und nicht genugsam betrachten können.
Er drückte den Deckel wieder zu und ging durch die Stadt, um hier und da altbefreundete Leute zu begrüssen; man sah ihn gross an, erwies ihm aber Ehre, und es hiess schon überall, er habe ein grosses Glück in der Fremde gemacht. Dann begab er sich aufs Land, um seine Vettern und Basen zu sehen, die zerstreut waren. Alle hatten die Stuben voll Kinder, die einen waren wohlhabend, die anderen schienen bedrängt und klagten sehr; doch alle waren gleichmässig beschäftigt und belastet mit ihren Zuständen und schienen sich selbst nicht viel umeinander zu kümmern. Die Frauen waren schon verblüht, rasch und gesalzen in ihrem Tun und Sprechen und die Männer abwechselnd gleichmütig und einsilbig oder jähzornig. Sie schienen Heinrich zu beneiden, dass er nun alles noch vor sich habe, was sie schon durchgelebt zum teil, und das einzige, worin sie ein herzliches Einverständnis mit ihn fanden, war die Klage um die Verstorbenen.
Heinrich trieb sich eine Zeitlang bei ihnen umher und gab sich meistens mit ihren Kinder ab, da ihm dieses unschuldige Zerstreuung war, welche auf Augenblicke wenigstens seinen harten Zustand in ein linderes Weh verwandelte.
Eines Abends streifte er in der Gegend umher und kam an den breiten Fluss. Ein grosser siebzigjähriger Mann, den er noch nie gesehen, in einfacher, aber sauberer Kleidung, beschäftigte sich am Ufer mit Fischerzeug und sang ein sonderbares Lied dazu vom Recht und vom Glück, von dem man nicht wusste, wie es in die Gegend gekommen. Er sang mit frischer stimme, indem er seine glänzenden Netze zusammenraffte:
Recht im Glücke! goldnes Los,
Land und Leute machst du gross!
Glück im Rechte! fröhlich Blut,
Wer dich hat, der treibt es gut!
Recht im Unglück, herrlich Schaun,
Wie das Meer im Wettergraun!
Göttlich grollt's am Klippenrand,
Perlen wirft es auf den Sand!
Einen Seemann, grau von Jahren,
Sah ich auf den Wassern fahren,
War wie ein Medusenschild
Der versteinten Unruh Bild.
Und er sang "Vieltausendmal
Schoss ich in das Wellental,
Fuhr ich auf zur Wogenhöh,
Ruht ich auf der stillen See!
Und die Woge war mein Knecht,
Denn mein Kleinod war das Recht.
Gestern noch mit ihm ich schlief,
Ach! nun liegt's da unten tief!
In der dunklen Tiefe fern
Schimmert ein gefallner Stern,
Und schon dünkt mich's tausend Jahr,
Dass das Recht einst meines war.
Wenn die See nun wieder tobt,
Niemand mehr den Meister lobt.
Hab ich Glück, verdien ich's nicht,
Glück wie Unglück mich zerbricht."
Heinrich stand vor ihm still und hörte zu. Der Alte sah ihn aufmerksam an und grüsste ihn. "Ihr scheint", sagte er, "ein Lee zu sein, den Augen und der Nase nach zu urteilen?" – "Ja", sagte Heinrich. "Soso", erwiderte der Mann, "so seid Ihr vielleicht des Baumeisters Sohn aus der Stadt, der sich vor Jahren viel hier aufhielt? Habt Euch lange nicht sehen lassen!" – "Ich habe aber Euch doch nie gesehen mit Wissen!" versetzte Heinrich, und der Mann sagte "So geht es wohl! Ich meinerseits habe schon viel gesehen und sehe alles. Habe auch Eure Mutter recht wohl gekannt; was macht sie, ist sie gesund und munter?" – "Nein, sie ist tot!" antwortete Heinrich. "Soso!" der Alte, "tot! ja, die Zeit vergeht! Es ist mir, als sei es heute, und sind es doch gerade funfzig Jahr her, dass ich an dieser Stelle hier als ein zwanzigjähriger Bursche die Leute über das wasser führte. Es kam eine Kutsche voll Stadtleute von Eurem dorf hergefahren, die lustig und guter Dinge waren und über den Fluss setzen wollten. Eure Mutter war als ein dreijähriges Kind dabei, und ich hob es aus der Kutsche und setzte es zu den blühenden und fröhlichen Eltern ins Schiff. – Das Kind hatte ein närrisches rosenrotes Kleidchen an und lächelte so holdselig und gut, dass ich so dachte Dies ist einmal ein sauberes und freundliches Kind, das wird es gewiss immer gut haben. In dem schwankenden Schiff fing es aber an zu weinen, die hübsche junge Mutter schloss es in die arme und beruhigte es, indes die anderen hellauf ein Lied sangen im Überfahren und sich mit wasser bespritzten. Dann sah ich sie wieder, als sie etwa sechszehn Jahr alt und ein sittsames liebliches Mädchendings war. Es fuhr wieder ein ganzer Haufen jungen Volkes hierüber, so dass ich wohl dreimal fahren musste, und auf der Wiese drüben pflanzten sie sich auf und musizierten und tanzten. Eure Mutter beschied sich aber in ihrer Fröhlichkeit und tanzte nicht soviel, und als ein paar Gelbschnäbel ihr zu eifrig den Hof machten, floh sie in das angebundene Schifflein und fing fleissig an zu stricken. Alles das ist lange her!"
Der