, das edle Anerbieten seines Freundes anzunehmen noch auch es abzulehnen, da zum ersten Mal ein viel älterer und ganzer Mann, dessen Haare schon ergrauten, ihm solches anbot. Endlich aber gewann er durch den Wert, welcher durch des Mannes Vertrauen und Freundschaft in ihn gelegt wurde, einen guten Mut, und er gab dem Grafen die Hand und sah ihn an; doch erst nach einem Weilchen des gleichmütigen und ruhigen Gespräches brachte er auch endlich das Du über die Lippen, so gleichsam im Vorbeigehen brachte er es bescheiden, doch tapfer an, dass der Graf lächelte und ihn beim Kopf kriegte.
Der ältere Freund reiste noch am selben Tage auf sein Gut zurück, und der jüngere machte sich endlich am nächsten Morgen auf den Heimweg. Es widerstrebte ihm, den alten graden Weg, den er unter wechselndem Geschick schon so oft zur Hälfte zurückgelegt, abermals anzutreten, und reiste daher in einem Bogen durch Süddeutschland auf die Stadt Basel zu. Er war nun gerade sieben Jahre abwesend; dies dünkte ihn, so schnell sie auch vorübergeschwunden, jetzt eine Ewigkeit, da ihm mit einem Male, als er sich dem vaterland nähern sollte, alles schwer aufs Herz fiel, was sich in demselben begeben, ohne dass er den allerkleinsten teil daran hatte. Noch schwerer fiel ihm die Mutter aufs Gewissen, die er nun endlich wiedersehen sollte, und in die Freude und Hoffnung über das Wiedersehen mischte sich eine seltsame Beklemmung und Furcht, wenn er sich die Veränderung dachte, welche mit ihrem äussern Aussehen vorgegangen sein musste, und er fühlte die Flucht und das Gewicht dieser sieben Jahre tief mit für die alternde Mutter. Seit seine erste Heimreise so romantisch unterbrochen worden und er in dem haus des Gastfreundes gelebt, hatte er erst das Schreiben an sie immer aufgeschoben, weil er dachte, so bald als möglich selbst hinzukommen und mit seiner wohlhergestellten person Ende gut, alles gut zu spielen. Dann, als er in die Liebeskrankheit verfiel, vergass er sie zeitweise ganz, und wenn er an sie dachte, wäre es ihm nicht möglich gewesen, auch nur eine Zeile zu schreiben, sowenig als etwas anderes zu beginnen, und am wenigsten hätte er gewusst, in welchem Tone er an die Mutter schreiben sollte, ohne sie zu täuschen, da er selbst nicht wusste, ob er den Tod oder das Leben im Herzen trage. Er liess daher die Dinge gehen, wie sie gingen, vertraute auf die gute natur der Mutter und setzte ihre Ruhe mit seiner Ruhe auf die gleiche Karte. Jetzt aber befiel ihn, der noch vor kurzem einen so grossen Respekt und eine gewisse Furcht vor dem jungen schönen weib gehegt, das er liebte, jetzt befiel ihn dieses Gefühl, wie eine Art Scheu, in verdoppeltem Masse vor der alten schwachen, lange nicht gesehenen Mutter, und es war ihm zu Mute, wie wenn er einer strengen Richterin entgegenginge, die ihn um ihn und sein Leben zur Verantwortung zöge.
Zugleich bemerkte er, sobald er einen Tag lang wieder ganz allein gewesen, dass unversehens der heillose Druck von Dortchens Bild, der, solange er mit dem Grafen noch fröhlich beisammen war, sich nicht hatte verspüren lassen, wieder in seiner Brust sass, und er musste nun fürchten, dass dies nie wieder wegginge, ohne dass er etwas dazu tun konnte.
Und zwar war es nun diesmal so, da er sonst ganz gefasst und ruhig war, dass es ihm das Herz zusammenschnürte, ohne dass er besonders an sie dachte, und wenn er ganz beschäftigt mit anderen Dingen war, so wartete der verborgene Herzdrücker und harrte freundschaftlich aus, bis Heinrich sich an die Ursache erinnerte und über sie seufzte.
Um dieser Dinge willen war er froh, einen mässigen Umweg zu machen, um sich nur erst ein wenig zurechtzufinden, da ihm nun das Wiedersehen der Mutter wichtiger war, als wenn er vor eine Königin hätte treten müssen, und er doch mit Ruhe und Unbefangenheit ankommen wollte.
So gelangte er an einem schönen Junimorgen in die alte schöne Stadt Basel und sah den Rhein wieder fliessen, vorüber an dem alten Münster. Schon alle Strassen, die nach der Stadt führten, waren mit Tausenden von Fuhrwerken und Wagen bedeckt, welche eine unzählige Menschenmenge aus allen Gauen sowie aus dem Französischen und Deutschen nach Basel trugen; die Stadt selbst aber war ganz mit Grün bedeckt und mit rot und weissen Tüchern, Flaggen und Fahnen, die von allen Türmen wehten. Denn es wurde heute die vierhundertjährige Jubelfeier der Schlacht bei St. Jakob an der Birs begangen, wo tausend Eidgenossen zehntausend Feinde totschlugen und deren vierzigtausend von den Landesgrenzen abhielten durch den eigenen Opfertod, während im Schosse des Vaterlandes der Bürgerkrieg wütete. Am gleichen Tage ward auch das grosse eidgenössische Schützenfest eröffnet, welches alle zwei Jahre wiederkehrt und dazumal in Basel den höchsten bisherigen Glanz und Gehalt erreichte, da es gegenüber der alten kraftlosen Tagsatzung das politische Rendezvous des Volkslebens war in einer gärenden Umwandlungszeit.
So stiess Heinrich gleich beim Eintritt ins Land mitten auf seine rauschende und grollende Bewegung, und ohne auszuruhen, ging er mit den hunderttausend Zuschauern auf das Schlachtfeld hinaus und wieder zurück in die reiche Stadt, welche mit ihren zahlreichen silbernen und goldenen Ehrengefässen den Wirt machte. Doch mit dem Mittage räumte die geschichtliche Feier der Vergangenheit der treibenden Gegenwart den Platz ein, und unter der grossen Speisehütte des Schiessplatzes assen schon an diesem ersten Mittag fünftausend waffenkundige Männer zusammen, indessen am andern Ende des Platzes auf eine unabsehbare Scheibenreihe ein Rottenfeuer eröffnet wurde