dem grünen Tische des Gerichtszimmers, wurde umgestürzt und der Inhalt dem Erben vorgezählt. Ausserdem händigte man ihm einen Brief des Verstorbenen ein, welcher, mit kaum leserlicher Schrift auf grobes Papier geschrieben, folgendermassen lautete:
"Du hast mich böslich verlassen, mein Söhnchen, und bist nie wieder zu mir gekommen, doch kenn ich Dich wohl und vermache Dir mein bisschen Erspartes, weil ich keine Blutsverwandten habe. Hoffentlich wirst Du dasselbige richtig erhalten; es soll das Löhnchen sein für die Fahnenstecken, so Du angemalet; denn dazumal, wie ich Dich bei dieser Arbeit sah, habe ich es mir vorgenommen, und wünsche ich somit, dass es nicht zu spät komme, um Dir einen Beitrag und Anlass zu geben, wie Du Dich im kleinen als einen treulichen Verwalter gezeigt hast, es auch in beträchtlicheren Dingen zu sein; Du kannst es wohl, wenn Du es willst und nicht eigensinnig bist. Das Geldchen ist nicht ohne alle Schlauheit, aber jedennoch auf ganz ehrlichem Wege erworben, und ist niemand Unrecht geschehen, so dass Du den Segen mit Anstand verwenden magst, wie Dir gutdünkt. Für den Fall, dass Du die Künstlerei etwa verabschiedet hättest, habe ich verordnet, dass mein Trödel verkauft wird, damit Du Deine alten Sachen nicht wieder zu Gesicht bekommst. Dies bedünkte mich nämlich zweckmässig und gut, und hiemit bin ich nun froh, mein Erspartes, was mir viel Spass machte, da die Leute so verschlafen und spasshaft sind, noch an den Mann gebracht zu haben, und wenn ich hiedurch mir das freundschaftliche Gedächtnis eines braven und geschickten Menschen erkauft habe, der Gott weiss in welcher Himmelsgegend lustig in die zukünftige Zeit hineinlebet, so habe ich noch ein gutes Geschäft gemacht und meinen Nutzen erreicht, und hiemit lebe wohl, mein Männchen."
Nachdem den gerichtlichen Anstalten Genüge geschehen, zog Heinrich ab mit seinem Brief und Becher; in den Gängen des weitläufigen Gerichtshauses, wo eine Menge bekümmerter oder erboster Streitführender auf- und niederging oder auf Bänken sass, Verklagte und Ankläger, Schuldner und Gläubiger, stellte er einen armen Kerl an, der sich melancholisch da umhertrieb, und gab ihm den schweren Becher zu tragen. Wie er durch die belebte Stadt vor dem Träger hereilte und oft durch mehrere Menschen von ihm getrennt war, lüftete dieser neugierig den Deckel und guckte, was darinnen wäre. Als er das Gold sah, beschloss er, mit dem Schatz zu entwischen, da seine armen verhungerten Gedanken nicht weiter gingen als die eines Hundes, der einen Braten sieht. Er wollte nur warten, bis Heinrich ein- oder zweimal sich nach ihm umgesehen, wo er dann ein vergnügtes und biederes Gesicht machen wollte, rüstig einherschreitend, jedoch unmittelbar noch dem zweiten oder dritten Umsehen wollte er auf die Seite springen und sich im Wirrsal verlieren, da er dann auf mehrere Minuten sicher war. Da sich aber Heinrich gar nicht nach ihm umsah und er immer darauf wartete, so wurde er an seiner Tat seltsam verhindert, immer nach dem Vorgänger hinstarrend, und er geriet in einen wunderlichen Bann, dass er nichts unternehmen konnte und der Weg zurückgelegt war, eh er das mindeste ausgerichtet; denn plötzlich blieb Heinrich unter der Tür des Gastofes stehen, wandte sich um und nahm ihm den Becher ab, indem er ihm eine Goldmünze aus demselben gab.
"Nun hab ich ja Geld wie ein Kornhändler!" sagte Heinrich zu dem Grafen, der seiner harrte, setzte den Sparbecher des Alten vor ihn auf den Tisch, erzählte ihm die geschichte und zeigte ihm auch den Brief.
"sehe einer an!" sagte der Graf, "ich hielt die alte Zipfelkappe immer für einen Kauz; dass er aber solche Ideen hinter den Ohren hätte, sah ich ihm doch nicht an!"
"Es ist aber doch eine sonderbare Sache", erwiderte Heinrich, "ein solches gefundenes Gut zu haben und zu tun, als ob es einem von Rechts und Verdienstes wegen gehörte!"
"Gefunden!" sagte der Graf, "wie kommen Sie nur dazu, sich wieder so zu zieren? Sie sind ein wesentlicher Mensch, und aus Ihrem Wesen heraus haben Sie die Stängelchen bemalt oder die Spirallinie gezogen, wie Sie sich ausdrücken. Hundert andere hätten gerade das nicht getan und nicht auf die Art getan wie Sie, und dies hat der Alte sehr richtig bemerkt, so dass Ihr eigenes Wesen das Glück, wie wir es immerhin nennen wollen, anzog und bezwang. Glück aber ist nicht unanständig, Glück braucht jeder Geschäftsmann, auch der, welcher sein gutes Menschenwesen in den Verkehr setzt! Aber nun machen Sie, dass Sie fortkommen, sonst fangen Sie mir wieder an zu spintisieren und sich zu zieren! Diesen Becher, der ein altes tüchtiges Stück Gerät ist, geben Sie mir mit zum Andenken! Vorher aber wollen wir einen guten Abschied daraus trinken und auch den Alten leben lassen!"
Sie liessen ein paar Flaschen starken Weines kommen; Heinrich warf den Inhalt des Gefässes heraus und schwenkte das Gefäss aus, der Graf trocknete es mit frohem Sinn und einem frischen Handtuch sorgfältig ab, und nun gossen sie die erste Flasche in den Becher und tranken denselben zum Andenken an den toten Alten.
Beim zweiten Becher aber sagte der Graf "Nun wollen wir auch Brüderschaft trinken und uns fortan mit du anreden, denn wir wollen uns getreu bleiben und gute Freunde sein!"
Heinrich wurde ganz rot und sah tief in den Becher hinein, ohne es zu wagen