voraus, welche mit einem elastischen Satz über Schwelle und Stufen der Kirchentür hinaussprang, schneebleich, aber immer noch lachend ihr Kleid zusammennahm und über den Kirchhof wegeilte, bis sie eine Gartenbank fand, auf welche sie sich warf. Bebend lief das erschreckte Apollönchen hinter ihr drein und flüchtete sich an ihre Seite, sich kaum fassend. Dortchen, deren Gesicht fast so weiss war wie die Zähne, atmete hoch auf, lehnte sich zurück und hielt die hände um die Knie geschlungen. "O Gott, es hat gespukt! das ist mein Tod!" rief Apollönchen, und Dortchen sagte: "Jawohl, es spukt, es spukt!" und lachte wie eine Tolle. "Du Gottlose, fürchtest du dich nicht ein bisschen? Klopft dein Herz nicht zehnmal stärker, als du das Herz da drin gerüttelt hast?" – "Mein Herz?" erwiderte Dortchen, "ich sage dir, es ist guter Dinge!" – "Was hat es denn gerufen", sagte Apollönchen und hielt sich beide hände an die eigene pochende Herzseite, "was hat das französische Gespenst gesagt?" – "'fräulein!' hat es gesagt, 'wenn es Euch gefällt, so macht dies Herz zu Eurem Nadelkissen!' Geh wieder hin und sag, wir wollten uns bedenken, ob es uns gefiele!"
Eine Stunde später war Dortchen allein auf ihrem Zimmer, das sie abgeschlossen hatte, und war eifrig damit beschäftigt, ein Körbchen mit Naschwerk zurechtzumachen für den Nachtisch. Sie hatte nämlich die Gewohnheit, immer ein solches Körbchen unter ihrem Verschluss zu halten, das mit feinem Zuckerwerk angefüllt war und das sie in buntes Papier wikkelte, nachdem sie eine selbstgeschriebene Devise dazugelegt. Hiezu verwendete sie schöne und graziöse Verse aus allen Sprachen und alten und neuen Dichtern, am liebsten kleine gute Sinngedichte, welche geeignet waren, angenehme und witzige Vorstellungen zu erregen und eine heitere Fröhlichkeit zu verbreiten. Auch trieb sie allerhand Schwank damit, indem sie oft zwei verschiedene Zeilen aus verschiedenen Dichtern zu einem Distichon zusammenfügte, so dass man glaubte, Bekanntes zu lesen, und doch nicht klug daraus wurde, indessen die neue zierliche Wendung, der entgegengesetzte Sinn, welchen das UnbekanntBekannte abgab, ergötzte und vielfältig in die Irre führte. Dortchen wickelte jetzt rasch und nachdenklich den ganzen Vorrat auf, warf die alten Zettelchen beiseite und schrieb auf neue Streifchen feinen Papieres zwanzig- oder dreissigmal dasselbe Sinngedicht eines alten schlesischen Poeten. Dann wickelte sie diese Zettel mit dem Zuckerwerke wieder ein, wozu sie neues, nur weisses Papier nahm, schloss ihre tür wieder auf und trug ihr Körbchen nach dem hübschen Schränkchen, das sie im Familienzimmer ebenfalls unter ihrem Verschluss hatte.
Heinrich hatte unterdessen endlich ausgetobt, die Schluchzerei, deren er sich schämte, und der Scherz hatten ihn erleichtert und ruhiger gemacht, und er nahm sich nun zum allerletzten Mal bestimmt vor, Dortchen gut zu sein, ohne an etwas Weiteres zu denken noch sich zu bekümmern, und seine Gedanken nach anderen Dingen und nach seiner Zukunft zu richten. Desnahen war er ziemlich zufrieden am Abendtisch, und weil er, als der Abreisende, der Gegenstand des Gespräches war, seine Zukunft mit Wohlwollen besprochen wurde und ausserdem der Graf, als sich von selbst verstehend, erklärte, abermals mit ihm zu reisen nach der Hauptstadt, da Heinrich das nicht gehofft hatte, so befand er sich zuletzt so glücklich und lustig wie je und lachte Dortchen freundschaftlich an, als sie endlich mit ihrem Körbchen zu ihm trat.
"heute bekommen Sie zum letzten Mal ein Bonbon von mir!" sagte sie, "suchen Sie sich ein recht gutes aus!"
Heinrich suchte unbefangen einige Sekunden lang und nahm doch das erste beste, was ihm in die hände kam, da er es vorzog, die Spenderin inzwischen anzusehen, da dies auch ein letztes Bonbon war. Als er das Ergriffene aufmachte und den Zettel las, errötete er und vermochte nicht denselben laut zu lesen, denn es stand darauf:
Hoffnung hintergehet zwar,
Aber nur, was wankelmütig;
Hoffnung zeigt sich immerdar
Treugesinnten Herzen gütig;
Hoffnung senket ihren Grund
In das Herz, nicht in den Mund!
Der Pfarrer nahm das Papier und las das Gedicht. "Allerliebst!" rief er, "sehr hübsch! Sie haben eine allerliebste Devise zum Abschied bekommen. Lassen Sie sehen, fräulein Dortchen! was ich zum Dableiben erhalten werde!" Er griff begierig nach dem Körbchen, denn es juckte ihn auf der Zunge, etwas Süsses darauf zu legen. Dortchen zog aber das Körbchen weg und sagte: "nächsten Sonntag bekommen Sie was zum Dableiben, Herr Pfarrer! Heute bekommt nur der, welcher geht!" Heinrich sah sie verwirrt und zweifelhaft an, die aufregenden Verse im Herzen; aber mit der unergründlichen Halbheit der Weiber stand sie da und verzog keine Miene. Rasch verschloss sie den Korb wieder in den Schrank, und der arme Heinrich hatte keine Vermutung, dass in allen dreissig Bonbons die gleichen Worte standen.
Vierzehntes Kapitel
Der Wagen stand in aller Frühe bepackt und bereit; Dortchen begleitete die Abreisenden bis an denselben, umgeben von den übrigen Leuten, so wie auch Apollönchen und der alte Gärtner herbeikamen. Heinrich gab den zutraulichen Dienstleuten allen die Hand und zuletzt auch der Dorotea, welche ihm freundlich die ihrige gab und nun sagte "Adieu, Herr Lee!" Von Wiedersehen oder dergleichen sagte sie gar nichts; ebensowenig als Heinrich, und so fuhren der Graf und er rasch von