fiel ihm plötzlich ein, wie er vor Jahren mit dem ganz jungen Mädchen ja schon einmal gemeinschaftlich einen Hund geliebkost habe, ohne zu ahnen, dass es je wieder begegnen würde. Nun ist sie gross und schön geworden, dachte er, was er freilich schon am ersten Tage gelegenheit hatte zu bemerken, und wenn abermals eine Reihe von Jahren dahin ist, so wird sie dem Alter entgegengehen und zuletzt dem tod! Ist es möglich, dass dies Wesen und diese Lieblichkeit vergehen soll? Es ergriff ihn heftiges Leiden um sie, und es schien ihm beim Himmel nicht möglich und nicht möglich zu sein, dass sie anders als in seinen Armen glücklich und zufrieden alt werden könne. Er fühlte, dass ihm sogleich die Augen übergehen würden, stand auf und sagte "Ich muss gehen, ich habe noch viel Zu tun." Er verbeugte sich verzweifelt, Dortchen stand überrascht auf und verbeugte sich ebenfalls, und dies war sehr komisch und wehmütig, da beide bei dem einfachen Tone, der in dem haus herrschte, sich längst nicht mehr gegeneinander verbeugt hatten, sondern sich aufrecht begrüssten.
Heinrich lief in die Kirche hinein, um sich zu verbergen, und da dort ein altes Mütterchen knieete und ihr Vaterunser betete, so flüchtete er in die Sakristei und setzte sich dort in einen dunklen Winkel, um unaufhaltsam zu weinen und zu schluchzen. Werfe niemand einen Stein auf ihn, weil er schwach war; denn diese Schwäche war nur der Gegenpol und die Kehrseite der Tiefe und Kraft, mit welcher er das Leben zu empfinden fähig wurde in diesem haus, und nur wer den heissen Sonnenschein, die leuchtende Trokkenheit des Glückes recht voll und anhaltend zu ertragen berufen ist, wird solcher Schwäche teilhaftig, wenn die Sonne sich verhüllt. So sass er eine gute halbe Stunde, und es war ihm so elend zu Mute wie noch gar nie in seinem Leben. Denn alles ging ihm durch den Sinn, was er wollte und hoffte, und formte sich sämtlich in das Bild des einzigen Dortchens, dem zu Ehren und zu Lieb er allein alles tun und erleben mochte, was ihm irgend beschieden war.
Die Sakristei war der älteste teil der ziemlich ansehnlichen Kirche und bestand aus einer uralten Kapelle, die zuerst auf diesem platz gestanden. Es war ein dunkles romanisches Gewölbe, dessen Fenster zum grossen teil vermauert waren, und man hatte hier viele Gegenstände hingebracht und aufgestapelt, welche im Laufe der Zeit den Raum in der eigentlichen Kirche beengt.
Vorzüglich aber ragte ein grosses Grabmal hervor von schwarzem Marmor, auf welchem, aus dem gleichen Stein gehauen, ein langer Ritter ausgestreckt lag, die hände auf der Brust gefaltet. An seiner linken Seite, auf dem Kranze des Sarkophags, stand eine verschlossene Büchse von Erz, reich gearbeitet und mittelst einer ehernen Kette an dem Marmor befestigt. Sie entielt das vertrocknete Herz des Ritters, und sein Wappen war auf ihr eingegraben. Die Büchse und die feine Kette waren gänzlich oxydiert und schillerten schön grün im Zwielicht der Sakristei. Das Grabmal aber gehörte, laut den Hausberichten, einem französischen Ritter an, welcher von wilder und heftiger, aber ehrlicher und verliebter natur gewesen und dessen Herz, als er vor allerhand Unstern und Frauenmisshandlung flüchtig herumzog, in dieser Gegend gewaltsam gebrochen war. Dies war zu Anfang des sechszehnten Jahrhunderts geschehen, und seine Familie hatte hier, wo er in den letzten Tagen gepflegt worden, das Grabmal errichten lassen. Dasselbe vor Augen, sass Heinrich nun da in seinem Winkel zwischen alten Tabernakeln und Prozessionsgerätschaften, als er hörte, dass wieder Leute in die Kirche traten. Es schienen zwei Frauenzimmer zu sein, und bald unterschied er Dortchens und Apollönchens stimme, die miteinander leise sprachen. Sie schienen diesmal nicht zu lachen, sondern angelegentlich etwas zu beraten. Doch bald war ihnen der Ernst zu lang, und sie kamen in die Sakristei hereingehuscht, indem Dortchen rief "Komm, wir wollen den verliebten Ritter besehen!" Sie stellten sich dicht vor das Grabmal und gafften dem starren Rittersmann neugierig in das dunkle ehrliche Gesicht. "O Gott! ich fürchte mich!" flüsterte Apollönchen, "wir wollen hinausgehen!" – "Warum denn, Närrchen?" sagte Dortchen laut, "der tut niemand was zuleid! Sieh, wie es ein guter Kerl ist!" Sie nahm das erzene Gefäss in die Hand und wog es bedächtig; aber plötzlich schüttelte sie es, so stark sie konnte, auf und nieder, dass das arme tote Herz darin zu hören war und die Kette dazu erklang. Sie atmete heftig, war rot wie eine Rose im Gesicht, und ihr schöner Mund lachte und zeigte die weissen Zähne. "Sieh die Klappernuss! höre die Klappernuss!" rief sie, "da! klappre auch einmal!" Sie drückte dem zitternden Apollönchen die Herzbüchse in die hände; aber dieses schrie ängstlich auf, liess die Büchse fallen, und Dortchen fing sie gewandt auf und klapperte abermals damit.
Heinrich, von dessen Gegenwart sie keine Ahnung hatten, sah ganz erstaunt zu. Wart, du Teufel! dachte er, dich will ich schön erschrecken! Er wischte sich die Augen trocken, stiess einen hohlen Seufzer aus und sprach mit trauriger Zitterstimme, welche er gar nicht zu verstellen brauchte, und in altem Französisch "Dame, s'il vous plaist, laissez cestuy cueur en repos!" Erbleichend und mit einem Doppelschrei flohen die Mädchen aus der Sakristei und Kirche wie besessen, und zwar Dortchen