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zu nehmen und zu sagen "Du Gänschen, was willst denn du?"

Endlich wurden zwei grosse Kisten gebracht, in welche die fertigen Bilder gepackt wurden. Heinrich schickte den Tischler fort und nagelte die Kisten selber zu auf dem Hausflur, um nur etwas auszutoben. Er sass bitterlich wehmütig auf dem Deckel und trieb die Nägel mit zornigen Schlägen in das Holz, dass das Haus davon widerhallte; denn mit jedem Nagel, den er einschlug, nahm er sich gewisser vor, am nächsten Tage fortzugehen, und so dünkte es ihn, als nagle er seinen eigenen Sarg zu. Aber nach jedem Schlage schallte ein klangreiches Gelächter oder ein fröhlicher Triller aus den oberen Gängen des Hauses, die Mädchen jagten hin und her und schlugen die Türen auf und zu. Dies bewirkte, dass Heinrich auf sein Zimmer ging und gleich auch den Reisekoffer packte. Als er damit fertig war, ging er höchst schwermütig, aber gefasst ins Freie und nach dem Kirchhofe; dort setzte er sich auf eine Bank und hoffte, Dortchen werde etwa herkommen und er wenigstens einige Minuten noch allein und ohne Bosheit bei ihr sitzen können, um sie noch einmal recht anzusehen. Sie kam auch richtig nach einer Viertelstunde herangerauscht, aber von der Gärtnerstochter und dem grossen Haushunde begleitet. Da entfernte er sich eiligst, glaubend, sie hätten ihn noch nicht gesehen, und lief hinter die Kirche. Als er dort die Mädchen wieder sprechen und lachen hörte, ging er in der Verwirrung in das Pfarrhaus hinein, das ganz in der Nähe war, und traf den Pfarrer essend am Tische sitzen, über den die Nachmittagssonne friedlich wegschien. Heinrich setzte sich zu ihm und sah ihm zu. "Ich esse hier mein Vesperbrötchen", sagte der Pfarrer, "wollen Sie nicht mitalten?" – "Ich danke", erwiderte Heinrich, "wenn Sie erlauben, so will ich Ihnen sonst ein wenig Gesellschaft leisten!" – "Das sind mir junge Leute heutzutage", sagte der Hochwürdige, "das hat ja gar keinen ordentlichen deutschen Appetit mehr! Na, die Gedanken sind auch danach, da kann freilich nicht viel anderes herauskommen als nichts und aber nichts!" Der Pfarrer merkte nicht, wie materialistisch er sich mit dieser speiselustigen Rede selbst ins Gesicht schlug, sondern war eifrig mit der grossen Schüssel beschäftigt, die vor ihm stand. Dieselbe entielt viele Anhängsel eines frischgeschlachteten Schweines, nämlich die Ohren, die Schnauze und den Ringelschwanz, alles soeben gekocht und dem Geistlichen lieblich in die Nase duftend. Er pries das aufgetürmte Gericht als unübertrefflich an einfacher Zarteit und Unschuld und trank einen tüchtigen Krug braunen klaren Bieres dazu.

Als Heinrich fünf Minuten traurig dagesessen und dem Pastor zugesehen hatte, klopfte es an der Tür, und Dorotea trat, nur von dem schönen Hunde begleitet, anmutig und höflich herein und schien aber ein ganz klein bisschen befangen zu sein. "Ich will die Herren nicht stören", sagte sie, "ich wollte Sie nur bitten, Herr Pfarrer, heute abend bei uns zu sein, da Herr Lee morgen fortreist; Sie sind doch nicht abgehalten?" – "Gewiss werde ich kommen", erwiderte der Pfarrer, der sich schon wieder gesetzt hatte, "bitte, mein Liebster, holen Sie doch einen Stuhl für das fräulein!" Heinrich tat dies mit grosser Herzensfreude und stellte einen zweiten Stuhl an den Tisch, sich gegenüber. "Danke schön!" sagte Dortchen, freundlich lächelnd und zierlich vor sich niedersehend, indem sie Platz nahm. Nun war Heinrich doch glückselig, da er in der sonnigen und wohnlichen Pfarrersstube ihr gegenübersass und sie sich so gutmütig und still verhielt. Der Pfarrer, obgleich er fortass, sprach immer, und die beiden Leutchen brauchten ihm nur zuzuhören, indes der Hund mit feurigen Augen und offenem Maule nach der Schüssel starrte. "Ach, der arme Hund, wie es ihn gelüstet", sagte Dortchen, "essen Sie dies auch, Herr Pfarrer? oder erlauben Sie, dass ich es ihm gebe?" Sie zeigte hiebei auf das krumme Schwänzchen, das sich manierlich auf dem rand der Schüssel darstellte. "Dies Sauschwänzchen?" sagte der Pfarrer, "nein, mein fräulein! das können Sie ihm nicht geben, das ess ich selbst! Warten Sie, hier ist was für ihn!" und er setzte dem gierigen Tiere einen Teller vor, in welchen er allerlei Knöchelchen und Knorpelwerk geworfen hatte. Dortchen und Heinrich sahen sich unwillkürlich einander an und mussten lächeln, nicht über den Pfarrer aus Spott, sondern weil seine vergnügte und selbstzufriedene Freude an dem Sauschwänzchen so lustig war. Auch der Hund, der sich eifrig und begierig mit seinen Knorpeln unterhielt, vermehrte durch seine Behaglichkeit die gute Stimmung der jungen Leute. Dortchen streichelte ihm den Kopf, als Heinrich ihm den rücken streichelte, und als sie mit ihrer Hand achtlos der seinigen zu begegnen Gefahr lief, wich er ihr aus, wofür sie ihn, irgendeine gleichgültige Frage benutzend, um so freundlicher ansah.

Am offenen Fenster blühte ein Apfelbaum, und weisse Schmetterlinge flogen in die stube, und als es nun gar so lieblich war, dazusitzen der Lieblichen gegenüber, konnte Heinrich nicht anders, als er musste sich den Pfarrer noch hinwegdenken, die Stabe zu seiner eigenen machen und sich vorstellen, als wäre Dortchen seine junge Frau und sässe an einem solchen Mainachmittage am weissgedeckten Tische herzensallein ihm gegenüber. Heiss werdend und verlegen, streichelte er wieder den Hund, und nun